Tiere essen – entwicklungspolitische Perspektiven

Der Konsum von Fleisch- und Tierprodukten wächst weltweit. Welche Auswirkungen das auf Welternährung, Klima und Umwelt hat und welche Alternativen möglich wären, darüber wurde bei einer Veranstaltung des Südwind Magazins am 17. Oktober 2012 diskutiert.Das Interesse am Thema war sichtbar groß rund 200 BesucherInnen hatten sich im Veranstaltungssaal der Hauptbücherei am Urban-Loritz-Platz bereits zusammengefunden, als Irmgard Kirchner, Chefredakteurin des Südwind Magazins und Moderatorin des Abends, erste einleitende Worte an das Publikum richtete. Die Frage, ob Fleisch gegessen werden solle oder nicht, werde meist aus ethischen oder gesundheitlichen Gesichtspunkten diskutiert, so Kirchner. Nur selten mischten sich ökologische oder entwicklungspolitische Argumente in die Debatte. Angesichts der dramatischen Auswirkungen des hohen globalen Fleischkonsums in Österreich liegt er bei rund 70kg Fleisch pro Kopf und Jahr sei diese Perspektive aber wichtig und bilde daher den Schwerpunkt dieser Veranstaltung. Am Podium begrüßte Kirchner dazu den Ernährungsökologen Martin Schlatzer, die Medizinanthropologin Ruth Kutalek, und den Gastronomen Karl Wrenkh.

Tierproduktion als Bedrohung der Ernährungssicherheit

Grund dafür, dass heute knapp eine Milliarde Menschen an Hunger leidet, sei die ungleiche Verteilung der Nahrungsmittel. Langfristig gesehen, so Schlatzer, stelle aber auch unsere wenig nachhaltige Konsumweise eine Bedrohung für die globale Ernährungssicherheit dar. Denn mit einer anwachsenden Weltbevölkerung gelte es, künftig immer mehr Menschen mithilfe von knapper werdenden Ressourcen (Land, Wasser, etc.) zu ernähren. Klimaerwärmung und dadurch bedingte Extremereignisse kämen erschwerend hinzu.

Ein besonderes Problem stelle in diesem Zusammenhang der steigende Fleischkonsum dar, denn die Tierproduktion sei sehr ressourcenintensiv. So benötige man für die Herstellung von einem Kilogramm Fleisch vier bis 25kg Getreide. 40% der weltweiten Getreideernte und 90% der Sojaernte würden bereits an Tiere verfüttert. Der enorme Wasser- und Energieverbrauch, die Entstehung von Treibhausgasen sowie die Abholzung von Regenwäldern seien weitere Problempunkte. Der globale Fleischkonsum pro Kopf und Jahr liege derzeit bei 40kg (Industrieländer: 82kg, Entwicklungs- und Schwellenländer: 30,9kg). Eine Reduktion um mindestens ein Drittel sei dringend notwendig, um Ressourcen einsparen und einen Beitrag zum Klimaschutz leisten zu können. Ob dies aber in absehbarer Zeit gelänge, sei nur schwer abzuschätzen.

Fleischkonsum eine kulturelle Frage

Ruth Kutalek stellte die Frage nach den historischen, kulturellen und sozialen Wurzeln des Fleischessens. In den letzten Jahrtausenden lebten die Menschen als Jäger und Sammler, eine proteinreiche Ernährung war damals überlebenswichtig. Erst mit der Betreibung von Ackerbau wurde es möglich, sich zunehmend vegetarisch zu ernähren. In den letzten 50 bis 100 Jahren wuchs der Fleischkonsum wieder stark an. Was nun aber in den verschiedenen Weltregionen konsumiert werde oder nicht, sei eine kulturelle Frage. So werde z. B. in Asien und speziell in Indien sehr wenig Fleisch gegessen. Aus einer christlichen Tradition hingegen stamme die zeitliche Einschränkung, an Freitagen kein Fleisch zu essen. Andere Tabus beträfen das Essen bestimmter Tiere. Wenn es also darum gehe, Menschen zu einer Senkung ihres Fleischkonsums anzuregen, müsse dieser kulturelle Aspekt mitbedacht werden.

Gutes aus der vegetarischen Küche

Dass auch eine fleischlose Ernährung nicht mit Genusseinbußen verbunden sein muss, zeigt Karl Wrenkh. Gemeinsam mit seinem Bruder Leopold betreibt er ein Restaurant und ein Kochstudio, wo zu einem großen Teil vegetarisch gekocht wird. Hintergrund, so Wrenkh, sei eigentlich kein ideologischer, sondern mehr eine gewisse Sonntagsbratenmentalität. Er wolle einfach zeigen, dass man zwar hin und wieder Fleisch und Fisch von höchster Qualität genießen, aber trotzdem auch sehr gut vegetarisch essen könne.

Als in den 1980er Jahren Karl Wrenkhs Eltern ein rein vegetarisches Gasthaus eröffneten, war dies eines der ersten in Wien. Damals, so Wrenkh, stieß diese Art der Küche auf völliges Unverständnis. Sogar Drohbriefe von Universitätsprofessoren, die vor dem Auftreten lebensbedrohlicher Mangelerscheinungen bereits nach wenigen Wochen fleischloser Kost warnten, fanden ihren Weg zu den Wrenkhs. Heute, erklärte der junge Gastronom, sei dies glücklicherweise anders. Im Laufe der Jahre wurde der Vegetarismus in den Medien populär. Doch obwohl die Wrenkhs heute im Verband der KöchInnen akzeptiert und integriert seien, bleibe ein wirkliches Verständnis leider oft noch aus.

Diskussion

In der anschließenden Diskussion wurde das große Austauschbedürfnis des Publikums erkennbar. Viele TeilnehmerInnen berichteten von eigenen Erfahrungen und Einschätzungen, nur wenige stellten Fragen an die Podiumsgäste. Deutlich wurden dabei vor allem die Schwierigkeiten, mit denen jene zu kämpfen haben, die sich für eine Änderung einsetzen. Dies beginne schon mit dem beschränkten vegetarischen/veganen Angebot in Gasthäusern und Großküchen und erstrecke sich über eine Diskriminierung am Arbeitsplatz und beim Einkauf von Lebensmitteln (z. B. höhere Steuer auf ohnehin teure vegane Produkte), bis hin zu Drohungen und Haftbefehlen gegen AktivistInnen.

Während die Inputs der Podiumsgäste vor allem einen Problemaufriss und Kontextinformationen lieferten, wurden zum Schluss endlich auch Möglichkeiten angesprochen, wie eine Änderung angeregt und durchgeführt werden könne. Diese umfassten die Notwendigkeit von attraktiven Umstiegsszenarien für LandwirtInnen, mehr Forschungsgelder, Änderungen auf politischer Ebene (z. B. eine angepasste Subventionspolitik), eine Stärkung der biologischen Landwirtschaft sowie die Schaffung breiterer Informationskampagnen. Konkrete Ausführungen dazu blieben aber leider aus. Für TeilnehmerInnen, die sich bereits im Vorfeld mit der Thematik auseinandergesetzt hatten, brachte der Abend wohl wenig Neues.

Die Autorin ist Mitglied im Online-Redaktionsteam des Paulo Freire Zentrums. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.

Veröffentlicht in Entwicklungspolitik.