Am 29. Mai 2012 organisierten die Dreikönigsaktion, die Katholische Frauenbewegung Österreich und die Guatemala Solidarität Österreich einen spannenden Informationsabend mit drei Vertreterinnen der Nichtregierungsorganisation MIRIAM Guatemala im Amerlinghaus.
Doris Huber ist Gründerin und Geschäftsführerin von MIRIAM Bildungsprojekt zur Frauenförderung. Seit über 20 Jahren werden damit Mädchen und Frauen in Nicaragua und Guatemala unterstützt. Mittels Stipendienprogrammen und Projekten für Frauenrechte und gegen innerfamiliäre und sexuelle Gewalt soll ihnen die Chance zur Fortführung ihres Bildungsweges in einer von extremer Gewalt geprägten Gesellschaft ermöglicht und erleichtert werden. Vilma Matzir Miculax, Stipendiatin und Studentin der Literaturwissenschaften an der Universität San Carlos, erzählte vor circa 30 TeilnehmerInnen ihre tragische Geschichte von sexueller Gewalt und der Suche nach Gerechtigkeit. Sie sprach damit für die Situation vieler indigener Frauen in Guatemala.
Strukturelle Benachteiligung indigener Frauen
Zum besseren Verständnis der spezifisch guatemaltekischen Lage betonte Susanne Kummer, Stipendienkoordinatorin von MIRIAM Guatemala, die verschiedenen problematischen Dimensionen wie ein schlechtes Bildungssystem, korrupte Politik, Gewalt, Kriminalität und ein schwacher Rechtsapparat , die sich derart überschneiden und gegenseitig verstärken, dass sich guatemaltekische und insbesondere indigene Frauen starker Benachteiligung ausgesetzt sehen.
Einige ernüchternde Zahlen veranschaulichten dies: Die Analphabetenrate in dem zentralamerikanischen Land liegt bei Männern bei 20,9%, bei Frauen sind es 35,4%. Von Armut ist rund die Hälfte der Guatemalteken betroffen, jedoch gelten allein unter der indigenen Bevölkerung 75% als arm. Diese Disparitäten sind nicht nur zwischen männlichem und weiblichem Geschlecht auszumachen, sondern auch unter den Frauen selbst. So erhalten insgesamt 9,6% aller Frauen eine universitäre Ausbildung, 7,3% sind davon Mestizinnen und nur 0,8% indigene Frauen. Daher liegt auch der Fokus des Projekts MIRIAM Guatemala auf der Förderung dieser besonders benachteiligten Gruppe. Die hohe Rate extremer Gewalt erschwert zusätzlich jegliche Bemühungen in Richtung Demokratie, Gendergerechtigkeit und soziale Sicherheit.
Zwischen Reformversuchen und Machtlosigkeit staatlicher Gewaltorgane
Unter der sozialdemokratischen Regierung von Álvaro Colom Caballeros konnte durch soziale Projekte, kostenlose Grundschulbildung sowie die Stärkung der Zusammenarbeit von Polizei und Justizapparat zumindest eine Basis für Sozialpolitik geschaffen werden. Kummer kritisierte aber, dass diese Programme keine Nachhaltigkeit versprächen, da es keine wesentlichen Reformen gegeben hätte. Coloms Nachfolger, seit 2011 der Ex-General Otto Pérez Molina, gelang die Steuerreform, doch bleibt die Steuerverteilung immer noch ungerecht, so Kummer. Auch der kürzliche Vorschlag des Präsidenten zur Entkriminalisierung von Drogen als Alternative zum gescheiterten Kampf gegen den Drogenhandel sei kritisch zu hinterfragen.
Aktuell vertrete die Politik laut Kummer einen karitativen Ansatz, der korporative Interessen priorisieren würde. Damit einher gingen eine massive Militarisierung der Gesellschaft als Konzept gegen Gewalt, autoritäre Politik, kein Interesse an Frauenpolitik, Kriminalisierung der Sozialbewegungen und Korruption. Frauen besitzen bereits seit mehreren Legislaturperioden Mitspracherecht, aber sie werden weiter ignoriert und die offiziellen Positionen nicht einmal ernannt, kritisiert Kummer.
Welchen Beitrag leistet MIRIAM?
Diese gesellschaftspolitischen Probleme führten in Guatemala zu einer starken Frauenbewegung, wobei MIRIAM als national und international anerkannte Organisation in den Bereichen Bildung, Frauenförderung und Gender einen aktiven Teil ausmacht. Als Oberziel gilt für MIRIAM die Förderung der ganzheitlichen Entwicklung von Frauen ihres Empowerments, der Durchsetzung ihrer Rechte sowie sozialer und Gender-Gerechtigkeit. Programme und Projekte zur fachlich qualifizierten Ausbildung sollen die persönliche und berufliche Entwicklung unterstützen und werden vom Grundwert der sozialen Verantwortung getragen. Zur Verbesserung der Situation von Studentinnen aus ländlichen Gebieten, indigenen Frauen, allein erziehenden Müttern und Überlebenden von innerfamiliärer und sexueller Gewalt werden Kenntnisse über Aneignungs- und Durchsetzungsmöglichkeiten ihrer Menschenrechte weitergegeben.
MIRIAM Guatemala bietet Stipendien für die universitäre Ausbildung und ein spezielles Studienabschlussprogramm an. Zusätzlich werden die Stipendiatinnen durch Workshops zur Persönlichkeitsbildung und Empowerment sowie begleitende Psychotherapie zur Traumabewältigung unterstützt. Bildung wird hier als wesentlicher Faktor für die Überwindung von Gewalt und die Gestaltung ihres neuen Lebensplans gesehen, informierte Kummer.
„Gebe ich auf oder mache ich weiter?“
Als Überlebende mehrfacher sexueller Gewalt, anschließender Entführung und Folterung, stellte sich die Indigene Vilma Matzir Miculax letztendlich verzweifelt die Frage: Gebe ich auf oder mache ich weiter? Sie entschloss sich für letzteres. In einem System, in dem Gewalt einem sich stetig selbstverstärkenden Zirkel folgt und der Rechtsstaat nahezu absent beziehungsweise selbst in Korruptionen verstrickt ist, stellte die junge Frau die Frage in den Raum, wie eine einzelne Person diesem Problem begegnen kann ohne zusätzliche Gewalt anzuwenden. Heute unterrichtet sie den Schüler einer ihrer Täter mit Würde und mit der Hoffnung, ihm für die Zukunft positive Werte vermitteln zu können.
Sie hat den Glauben an den Kampf um ihre Rechte und die vieler Frauen nicht aufgegeben. Im Gegenteil, sie führt ihn entschlossen fort. Die persönlich vorgetragene Geschichte der Stipendiatin vor einem unbekannten Publikum hinterließ bei den TeilnehmerInnen sichtlich große Betroffenheit, aber auch Bewunderung für ihr Durchhaltevermögen und ihre nach außen getragene Stärke.
Mehr Informationen über das Projekt MIRIAM finden Sie auf dessen Homepage.
Die Autorin ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum und studiert Internationale Entwicklung. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.