Food Security The Global Perspective

Steffen Fritz vom „International Institute for Applied Systems Analysis“ (IIASA) hielt am 11. April 2012 in der Reitschulgasse einen Vortrag zum Thema Landnutzung und Ernährungssicherheit. Die „Österreichische Gesellschaft für Außenpolitik und die Vereinten Nationen“ lud gemeinsam mit der ÖFSE und dem SID Vienna zu der Veranstaltung mit dem vielversprechenden Titel: „Food Security The Global Perspective“.

Herausforderungen heute und morgen

Zu Beginn gab Fritz einen Überblick über die Herausforderungen, die uns bis 2030 erwarten. Die Weltbevölkerung steuere auf die 8-Milliarden-Grenze zu, weshalb man mit einer gesteigerten Nachfrage von etwa 50% an Wasser und Energie rechnen müsse. Der Temperaturanstieg werde 1 Grad Celsius überschreiten und neue Krankheiten auf Grund von Biodiversitätsverlust und dem Zurückdrängen von Naturflächen seien zu erwarten. Aber der Schwerpunkt des Abends lag auf dem Anstieg der Nachfrage nach Nahrungsmitteln. 40% mehr Nahrung würden bis 2030 gebraucht werden und der Kampf um Landflächen ein neues Ausmaß erreichen.

Subventionen und Preisschwankungen

Fritz sprach über die Auswirkungen von Agrarsubventionen und anderen Gesetzen von Seiten Europas und den USA auf Länder des globalen Südens. Die Subventionen seien ein großes Hindernis für Ernährungssicherheit in Afrika. Die geleistete humanitäre Hilfe der USA in Form von Nahrungsmittelhilfe ist 2003 auf $500 Millionen angestiegen während nur $5 Millionen in Projekte für landwirtschaftliche Entwicklung investiert wurden. Da seit 1940 die Nahrungsmittelhilfe der USA aus inländischen Erzeugnissen bestehen muss, spielt diese Form der „Hilfe“ eine große Rolle im Kontext landwirtschaftlicher Produktion und Ernährungssicherheit.

Mit einigen Statistiken machte Fritz auf einen weiteren wichtigen Faktor aufmerksam: die Preisvolatilität im Lebensmittelbereich. Ob Reis, Soja oder Weizen die Preisschwankungen sind extrem hoch und beeinflussen Ernährungssicherheit in ambivalenter Weise. Einerseits, postulierte Fritz, bekomme der/die ProduzentIn ein höheres Einkommen, andererseits nehme seine/ihre Anfälligkeit zu, in eine Armutsfalle zu rutschen. Die Strategie für die Umkehrung dieses Trends sieht Fritz in der Öffnung der Märkte für den (internationalen) Handel. Die Lösungsvorschläge des Vortragenden blieben also wenig kreativ und dem neoliberalen Paradigma verhaftet.

„Marginal Land“ und Biokraftstofferzeugung

Anschließend ging Fritz zur Landnutzungsdebatte über und blendete Statements über die Potenziale der Biokraftstofferzeugung sowie über das Ausmaß an verfügbaren, unbewirtschafteten Flächen von unterschiedlichen Websites ein. Dort werden hoffnungsvoll Millionen von Hektar als verfügbares Land ausgewiesen. In einem weiteren Schritt verglich Fritz die Resultate von drei verschiedenen Projekten, deren Ziel es ist, einen Überblick über die Lage der weltweiten Landnutzung zu geben: das Global Land Cover Project 2000 des Joint Research Centers der Europäischen Kommission, GlobCover und MODIS. Alle drei kommen zu unterschiedlichen Ergebnissen über weltweit landwirtschaftlich genutzte Flächen für das Jahr 2005. Steffen Fritz Fazit war deshalb: „Wir sollten mit höchstens 50% der Flächen rechnen, die als marginal land deklariert werden.“ Persönlich spekuliere er auf nur 10% an wirklich verfügbarem Land.

Ein neues Instrument: Geo-Wiki-Mobile

Der Wissenschaftler betonte, dass die Bedeutung der Daten über Landnutzung nicht zu unterschätzen sei, da politische Entscheidungen in vielen Bereichen wie Klimawandel, Ernährungssicherheit, Biokraftstofferzeugung etc. darauf aufbauen. In diesem Kontext sei die Interpretation der Daten ein kritischer Punkt. So verwenden die verschiedenen Programme meist unterschiedliche Definitionen von Landnutzung. Als Beispiel nannte Fritz den Wald, da dieser oft nicht als Bewirtschaftungsform eingestuft wird.

Nun wurde ein neues Instrument entwickelt, um einen höheren Grad an Transparenz zu ermöglichen: Geo-Wiki. Während die anderen Programme ihre Daten hauptsächlich auf Satelliteninformationen stützen, verlinkt Geo-Wiki diese Informationen mit Bildern der Flächen vor Ort und eröffnet somit einen öffentlichen Validierungsprozess. Ein Foto einer Landfläche mit einem IPhone, das durch den Blickwinkel die Koordinaten des Standortes berechnet, kann nun einen großen Beitrag zur globalen Datenbasis über Landnutzung leisten. Mittels dieser Art des „Crowdsourcing“ könne jedeR an Ort und Stelle (vorausgesetzt er/sie hat ein Mobiltelefon mit Internetverbindung) die Satelliteninformationen durch ein Foto bestätigen oder korrigieren.

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Ein Beispiel für Fotos im Geo-Wiki.

The way forward! Wo bleibt die „Food Efficiency“?

Steffen Fritz stützte sich bei seinen abschließenden Worten auf den Bericht „How to feed the world in 2050“ von der Food and Agriculture Organisation (FAO). Massive Investitionen in die Landwirtschaft seien notwendig, um die Ernährungssituation in Ländern des globalen Südens zu verbessern. Eine weitere wichtige Erkenntnis sei, dass 80% des steigenden Bedarfs an Nahrungsmitteln aus erhöhter Produktivität und nur 20% durch eine Ausweitung der landwirtschaftlich genutzten Flächen gedeckt werden könne. Der Zugang zu Daten über Landnutzung und ein kontinuierliches Monitoring seien essentiell.

Das Publikum versuchte mit seinen anschließenden Fragen, politische Handlungsfelder aufzumachen und sprach Themen wie „Food Efficiency“, also die Produktionsmuster und den Umgang mit Nahrungsmitteln an. Weltweit werden bereits ausreichend Nahrungsmittel produzieren, nur verschwende sie der globale Norden in exzessivem Ausmaß. Wenn man über die Situation der Ernährungssicherheit diskutiert, müsse man auch immer über die Fleischproduktion sprechen, die Lebensmittel für Menschen in rauen Mengen zu Futtermittel für Tiere umwidmet. Steffen Fritz stimmte zu und blieb in seiner Rolle des Wissenschaftlers, dessen politische Handlungsfähigkeit begrenzt ist.

Die Autorin ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum und studiert Internationale Entwicklung. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.

Veröffentlicht in Entwicklungspolitik.