Landlose Bäuerinnen und Bauern und Landreformprozesse in den Chars von Bangladesch Teil 2

Neben den ökologischen Problemen, mit denen die BewohnerInnen der Chars (Schwemmlandinseln) in Bangladesch zu kämpfen haben, stellen weiters die ungleichen Machtverhältnisse auf lokaler, nationaler sowie internationaler Ebene eine ernste Bedrohung ihrer Lebensgrundlagen dar. Sophie Schaffernicht berichtet von Missständen und schlägt Perspektiven vor, wie umverteilende Landreformen möglich wären.

Die lokale und nationale Ebene

Das politische System der Lathiyali spielt eine wichtige Rolle. In der Vergangenheit stellten Lathiyali eine Art „Privatarmee“ der Zamindars dar. Im heutigen Sprachgebrauch sind Lathiyali die angeheuerten Schläger von Landbesitzern (Jotedars, Talukdars, etc.), die sie in Kämpfen dabei unterstützen, die Kontrolle über neu entstandenes Schwemmland zu gewinnen. Fatima Begum wird während der Erntezeiten oder wenn sie mit dem Fischfang beschäftigt ist, von einem Jotedar und den für ihn arbeitenden Lathiyali bedroht. Die landlose Frau kämpft, um ihren Reis und ihre Tiere behalten zu können.

Obwohl das Zamindari-System mit dem Bengal State Acquisition and Tenancy Act von 1950 offiziell abgeschafft  wurde, spielen Jotedars immer noch eine dominante Rolle in der Agrarstruktur Bangladeschs. Fatima Begum ist gezwungen, ihre Ernte mit einem Jotedar zu teilen. Von der Stadt aus kontrolliert er eine 300 Mal größere Fläche an Staatsland als Fatima Begum bewirtschaftet. Die Frau kann 80% ihrer Ernte behalten, wenn andere Char-BewohnerInnen ihr helfen, aber dem Jotedar gelingt es oft, 70% ihrer Ernte einzunehmen. Die Jotedars haben meist gute Beziehungen zur lokalen Verwaltung und fördern Verbrecher, die das Vieh der Bäuerinnen und Bauern stehlen und Frauen entführen. Viele Ehemänner der landlosen Frauen leben nicht in den Chars, weil sie Arbeitsplätze außerhalb gefunden haben beispielsweise in Ziegeleien oder in den Industrien von Chittagong. Phulbano Soukina verteidigt ihr Haus zusammen mit einer Gruppe landloser Frauen: In der Nacht kommen manchmal Räuber, um unsere Beine oder Arme zu brechen oder jemanden umzubringen. Deshalb schlafen wir nicht. Wir bewachen unsere Häuser. Ein weiteres Problem ist, dass viele Jotedars zugleich auch Politiker sind und deswegen auch die Polizei auf ihrer Seite haben.

Die internationale Ebene

Die lokale Machtausübung der Jotedars ist auch mit der internationalen Ebene verbunden und zwar über die industrielle Schrimpzucht. Während sich die führenden Schrimp-ProduzentInnen in der Asien-Pazifik-Region befinden, sind die wichtigsten Märkte in Japan, den USA und Europa. Obwohl der Schrimp-Sektor eine Schlüsselrolle in der Wirtschaft Bangladeschs in Bezug auf Deviseneinnahmen, Beschäftigung und Einkommen spielt, gibt es einen Konflikt zwischen wirtschaftlichen Interessen und negativen sozialen und ökologischen Folgen. Wegen der Störung des Ökosystems, der Vertreibung vieler Menschen und der Erzeugung von sozialen Konflikten gibt es häufig Kritik an Schrimp-ProduzentInnen. Dennoch unterstützt die Regierung Bangladeschs den Schrimp-Sektor mit ihrer Politik. Diese wiederum erhielt für die Stärkung des Sektors in den 1990ern finanzielle und technische Unterstützung von Weltbank und DFID (Department for International Development).

Währungsgewinne durch Schrimp-Projekte zu erzielen, hat jedoch nachteilige Auswirkungen auf die sozial-ökologischen Systeme der Chars. In den Chars kommt es oft zu Konflikten und Rechtsstreitigkeiten zwischen den EigentümerInnen der Schrimp-Farmen und den Kleinbäuerinnen und -bauern. Monora Katoum schildert ihr Hauptproblem: Ein beträchtlicher Teil des Landes wird auf illegale Weise von Schrimp-Farmen in Anspruch genommen. Einige der Schrimpzüchter versuchen, ihre Fischereiprojekte zu erweitern und vertreiben landlose Frauen in den Chars. Da sie und ihre Gruppe sehr nah an einem Schrimp-Projekt leben, bedrohen die Männer sie häufig. Laut Monora Katoum sind gewalttätige Übergriffe eine gängige Praxis: Sie machen viele Probleme. Sie haben sogar jemanden ermordet. Dieser Schrimp-Züchter hat einige Häuser abgebrannt. Er versucht uns zu vertreiben, wir werden bedroht, geschlagen und es gibt heftige Kämpfe.

Schlussfolgerungen  

Unterstützung von außen während und nach dem Prozess der Landreformen ist entscheidend für landlose Bäuerinnen und Bauern. Damit diese erfolgreicher sind, müssten landlose Gruppen und bäuerliche Organisationen ihre eigenen AnwältInnen haben. Durch die Sensibilisierung von Lehrkräften, landwirtschaftlichen BeraterInnen und NGO-AktivistInnen könnten wichtige Allianzen entstehen. Weiters bräuchte es mehr Alphabetisierungskurse, Ausbildungsprogramme und juristische Informationen für landlose Bäuerinnen und Bauern.

Gefälschte Dokumente, Korruption, Gewalt, Enteignungen, Morde, Vergewaltigungen und die Beschlagnahme von Pflanzen und Tieren sind momentan etablierte Praktiken in Landreformprozessen. Trotz dieser Missstände wären umverteilende Landreformen möglich. Land, das sich in Staatseigentum befindet, sollte sofort identifiziert und an Landlose verteilt werden, um eine genossenschaftliche Landbewirtschaftung zu ermöglichen. Im Rahmen des dominierenden Modells der industrialisierten Landwirtschaft und des ihr zugrunde liegenden Eigentumsregimes, bergen Landreformprozesse in Bangladesch jedoch das Risiko einer weiteren gesellschaftlichen Hierarchisierung und Polarisierung sowie einer Verschärfung der aktuellen agrar-ökologischen Krise.

Sophie Schaffernicht ist Absolventin des Studiums der Internationalen Entwicklung und lebt in Wien. Wir danken der ÖBV Via Campesina Austria für die Genehmigung des Abdrucks.



Literaturhinweise:

Baqee (1998): Peopling in the Land of Allah Jaane. Power, People and Environment: The Case of Char-Lands in Bangladesh. Dhaka: The University Press.

Barkat / Zaman / Raihan (2001): Political Economy of KHAS Land in Bangladesh. Dhaka: Association for Land Reform and Development.

Veröffentlicht in Entwicklungspolitik.