Während der Kolonialzeit führte Großbritannien auf Verträgen basierende Eigentumsrechte und Zamindars (LandbesitzerInnen) als SteuereintreiberInnen ein. Das moderne Konzept des Privateigentums wurde somit zentral. Dasselbe Eigentumsregime bestimmt heute in den sozial-ökologischen Systemen der Chars (Schwemmlandinseln) über die Verteilung von Land.
Das Entstehen des Eigentumsregimes
Im vorkolonialen Bengalen war es durchaus üblich, dass Raiyats (Kleinbäuerinnen und -bauern) von einem Jahr bis zum nächsten nicht die gleichen Felder bewirtschafteten. Vieles änderte sich, als die Britische Ostindien-Kompanie im Jahr 1765 mit der Annahme der Diwani (das formelle Recht, Steuern zu erheben und die zivile Gerichtsbarkeit auszuüben) zur eigentlichen Machtträgerin in Bengalen wurde. Während der Kolonialzeit führte Großbritannien auf Verträgen basierende Eigentumsrechte und Zamindars als SteuereintreiberInnen ein. Das moderne Konzept des Privateigentums wurde somit zentral. Die „wahren Landeigentümer“ wurden identifiziert und die weitere Aneignung von „unkultivierten“ Flächen legitimiert. Mit dem Permanent Settlement wurden im Jahr 1793 alle Landeigentümer mit einem Schlag gleichgesetzt und unter nur eine Kategorie gebracht: die der Zamindars. Dies bedeutete einen Verlust von Ansprüchen für große Teile der Bevölkerung und Gewinne für nur einige wenige.
Dasselbe Eigentumsregime bestimmt heute in den sozial-ökologischen Systemen der Chars in Bangladesch über die Verteilung von Land. Obwohl die Agrarökosysteme der Chars durch einen saisonalen Anstieg des Wassers in den Flüssen und eine immer wiederkehrende Erosion gekennzeichnet sind, bietet das natürliche Umfeld der Chars einige der produktivsten landwirtschaftlichen Flächen in Bangladesch. Dies führt zu heftigen Streitigkeiten um Nutzungs- und Eigentumsrechte. Als Folge dieser Konflikte verlieren Kleinbäuerinnen und -bauern allmählich das von ihnen bewirtschaftete Land. Ihre Verwundbarkeit wächst zudem durch eine sozial-ökologische Krisendynamik, die auch durch den Klimawandel bedingt wird (z.B.: Anstieg des Meeresspiegels, tropische Wirbelstürme, Sturzfluten, monsunale Überschwemmungen, Arsenkontamination etc.). Unter den am meisten betroffenen Bevölkerungsgruppen gibt es eine unverhältnismäßig hohe Anzahl von Haushalten, die von Frauen geführt werden. Im Folgenden analysiere ich zwei Faktoren, die eine wichtige Rolle bei Landreformprozessen in den Chars spielen: das natürliche Umfeld und die Machtverhältnisse.
Das natürliche Umfeld
Die Landschaft Bangladeschs ist von riesigen Flüssen geprägt. Mit einem Netzwerk von ungefähr 250 Flüssen nimmt Bangladesch den größten Teil des „Bengalischen Deltas“ ein. Über 10 Millionen Menschen leben in der unmittelbaren Nähe der drei großen Flüsse Padma, Meghna und Jamuna. Einer davon ist Fatima Begum: Sie ist eine landlose Bäuerin, Haushaltsvorständin und Mutter von sechs Kindern, die auf die Umverteilung von Khasland (Staatsland) wartet: „Ich kam von einem Ort in der Nähe des Flusses Meghna. Der Fluss hat mein Haus zerstört. Das ist der Grund, weshalb ich hierher kam. Auch hier ist mein Haus in der Monsunzeit überschwemmt, wenn die Flut kommt.“
Die niedrige Topographie und eine hohe jährliche Niederschlagsmenge führen zu Überschwemmungen von etwa einem Drittel des Landes. Jedes Jahr sind hunderttausende Menschen gezwungen, ihre Behausungen und Felder wegen der massiven jährlichen Bodenerosion zu verlassen. Einer Schätzung zufolge sind über 50% der ruralen landlosen Haushalte in Bangladesch Opfer der Erosion der Flussufer. Der Klimawandel ist ein Grund für die verstärkte Erosion der Küstengebiete.
Den 2. Teil des Artikels finden Sie hier.
Sophie Schaffernicht ist Absolventin des Studiums der Internationalen Entwicklung und lebt in Wien. Wir danken der ÖBV Via Campesina Austria für die Genehmigung des Abdrucks.