Make Capitalism History: der Kongress.

Der Kapitalismus steckt mitten in einer Krise. Viele sehen darin eine Chance, ihn zu überwinden aber wie? Auch die Linke ist sich darin nicht einig. Vom 2. bis 4. Oktober 2009 fand daher ein Kongress unter dem Motto Make Capitalism History an der Freien Universität Berlin statt. Seinem Aufruf folgten mehr als 1.000 StudentInnen und Interessierte aus ganz Europa.

Risse im System

Der Slogan Make Capitalism History ist nicht neu. Entstanden ist er bei den G-7 Protesten im Jahr 2005 und er tauchte immer wieder auf, so auch bei den Blockaden in Heiligendamm 2007. Er bringt auf den Punkt, was die OrganisatorInnen, der SDS (Sozialistischer Deutscher Studentenbund), mit dem Kongress erreichen wollten: die Überwindung des Kapitalismus und die Schaffung einer neuen Weltordnung. Der Kongress folgte diesem Konsens und fokussierte hauptsächlich auf gemeinsame Aktionen nach der Veranstaltung, wie Proteste, Kundgebungen oder Petitionen.

Das Programm war bunt gefächert. Der insgesamt sehr gut organisierte Kongress war in eine Analyse-Phase, eine Alternativen-Phase und eine Aktions-Phase eingeteilt. Im Rahmen dieser Phasen konnten die TeilnehmerInnen zwischen den großen Themenblöcken Kapitalismus, Kultur, Bildung und Marx wählen, die wiederum in Workshops unterteilt waren. Die TeilnehmerInnen sollten merken, dass sie mit ihrer Kapitalismuskritik nicht alleine dastehen. Es ging um die Vernetzung von sozialen Bewegungen und Einzelpersonen, die gemeinsam ein Ziel verfolgen. Aus diesem Grund wurden GastrednerInnen aus verschiedenen Ländern, wie Italien, Frankreich, Griechenland und Venezuela, eingeladen.

Vorbild Venezuela?

Die junge Studentin Osli aus Venezuela war beispielsweise angereist, um über die sozialistische Politik ihres Landes zu berichten, die eine andere Form von Hochschule möglich gemacht hat. Die venezolanische Regierung hat in den letzten Jahren das Hochschulsystem radikal reformiert. Die StudentInnen seien nun nicht mehr gezwungen, in den reicheren Norden des Landes zu ziehen um zu studieren, so Osli. Die Andersheit der Hochschule zeige sich in deren Philosophie: Im Sinne der Pädagogik von Paulo Freire basiere das SchülerInnen-LehrerInnenverhältnis auf Gleichheit und Respekt und der Unterricht sei sehr praxisbezogen. Gemeint ist eine dezentrale, praxisorientierte Bildung, die es den Menschen ermöglicht, in ihren Dörfern oder Städten zu bleiben, die Studienzeit an die Arbeitszeiten anzupassen und ihr Wissen mit der dortigen Bevölkerung zu teilen. Damit profitiert die Gesellschaft direkt von der Wissenschaft. Osli, selbst Mitglied der Partei PSUV (Partido Socialista Unido de Venezuela) des umstrittenen venezolanischen Präsidenten Hugo Chavez, war auch mit sehr kritischen Fragen seitens der WorkshopteilnehmerInnen konfrontiert. Ihre einfache aber klare Antwort war: Kommt und seht selbst!.

Fakt ist: Erste Erfolge sind schon sichtbar. Die Regierung hat durch Sozialprogramme, die speziell an die ärmsten Schichten der Bevölkerung gerichtet sind (z.B. das Alphabetisierungsprogramm Robinson und die zwei Programme für Erwachsenenbildung Ribas und Sucre) geschafft, Venezuela von der UNESCO-Liste der von Analphabetismus betroffenen Länder zu streichen. Partizipation und demokratische Prozesse sind in der bolivarianischen Hochschule, zumindest theoretisch, an der Tagesordnung.

Rekapitulation und Aktion

Am Sonntag wurden die TeilnehmerInnen schließlich zur Aktion aufgerufen. Nach den Aktionsworkshops am Morgen wurde die abschließende Podiumsdiskussion von einem besonderen Aufruf des SDS eingeleitet: einer der OrganisatorInnen machte auf die prekäre Arbeitssituation der RaumpflegerInnen aufmerksam. Die TeilnehmerInnen wurden aufgefordert, sich ihnen im Dialog anzunähern und ihre Arbeit zu erleichtern. Dieser Aufruf wurde musikalisch von einem Rap unterstützt. Ein einmaliger Dialog ist jedoch nicht genug. Der Aufruf sollte symbolisch für die Solidarität zwischen StudentInnen und ArbeiterInnen stehen.

Im Anschluss diskutierten Friederike Benda (SDS), Katja Kipping (DIE LINKE), Tim Laumeyer (Interventionistische Linke), Werner Sauerborn (Gewerkschaftssekretär) und Jutta Sundermann (Attac). Die Reden der PodiumsreferentInnen waren sehr unterschiedlich und wurden auch so aufgenommen. Werner Sauerborn betonte die Solidarität zwischen StudentInnen und der Gewerkschaft. Friederike Benda politisierte den Diskurs mit ihrer Rede stark, da sie auf die Politik der Linken in Deutschland einging. Die anschließende Rede am Podium erregte allerdings einigen Unmut, da Jutta Sundermann mit einer, laut ihr, in den USA häufig angewandten Methode versuchte, die HörerInnen zu motivieren: Sie stellte Fragen in den Raum und forderte alle auf aufzustehen, falls sie zustimmten. Ihr als etwas zu fanatisch empfundener Tonfall verschreckte jedoch viele. Einige ZuhörerInnen verließen kopfschüttelnd den Saal, andere blieben und applaudierten.



Ist vor dem Kongress nach dem Kongress?

Der Kongress war eine interessante Plattform für Alternativen, ein Podium für Aktionsorganisation und eine Vernetzung von AkteurInnen, die alle an ein gemeinsames Ziel glauben und sich dafür einsetzen. Doch dies kann nicht passieren, wenn der linke politische Flügel weiterhin gespalten bleibt. Diese und andere Erkenntnisse konnten die TeilnehmerInnen von Berlin mitnehmen und durch hoffentlich viele Aktionen in ihre Heimat tragen. In Österreich scheint der Geist des Kongresses jedenfalls schon Flügel zu tragen bei der Uni-Besetzung in Wien sieht man hier und dort einige bekannte Gesichter.

Die Autorin ist Mitglied des online-Redaktionsteams des Freire Zentrums.

Veröffentlicht in Entwicklungspolitik.