Kurze Zeit nach dem vermehrten Auftreten kritischer Stencils und dem wachsenden Medieninteresse an ihnen, fanden aber auch kritisch zu betrachtende Entwicklungen statt: So werden nun auch StencilistInnen eingeladen, Ausstellungen in Galerien oder Museen zu gestalten.2004 fanden z. B. solche Ausstellungen in der Universität Buenos Aires statt oder im Centro Cultural Recoleta (einige Arbeiten sind dort sogar Teil der permanenten Ausstellung), einem Kulturzentrum das dem Kulturministerium der Stadt Buenos Aires untersteht. Manche Ausstellungen, an denen StencilistInnen teilnahmen, waren vor allem an wohlhabende Bevölkerungsschichten gerichtet.
Politik via Kunst
Diese Entwicklungen stehen in vielen Hinsichten im Gegensatz zur Stencil-Philosophie. Holger Kube Ventura grenzt vom Bereich Kunst mit politics den Bereich Politik via Kunst ab, ein Bereich, in dem Kunst oft zur Repräsentation der Macht eines/r (meist mächtigen) Akteurs/in (z. B. dem Staat) genutzt wird, in dem aber auch fremde Werke für eigene Zwecke instrumentalisiert werden können. Es kann aber ebenso eine gezielte Integration von kritischen Kunstprojekten geschehen, die ihrer Entschärfung dienen soll. Das Hereinholen der Stencils in den institutionellen, geregelten Rahmen hat ähnliche Auswirkungen: Eine kritische, weitgehend unkontrollierbare Bewegung wird durch die Aneignung durch den Staat oder die Mainstream-Kultur so offiziell und kontrollierbar gemacht, das Stencil wird vom öffentlichen Kommunikationsraum zum offiziellen Konsumgut. Viele StencilistInnen in Buenos Aires sind deshalb gegen die Teilnahme an solchen Ausstellungen und kritisieren jene, die sich so selbst verkaufen (vgl. Pagina 12 2007). Zu erwähnen bleibt aber, dass es auch Kollektive und KünstlerInnen gibt, die an besagten Veranstaltungen zwar teilnehmen, aber versuchen, die Problematik solcher Ausstellungen genau dort anzusprechen. Das Kollektiv Bs As Stencil z.B. kreierte für eine Kunstausstellung ein Stencil, das genau diesen auf Konsum ausgerichteten Kunstmarkt kritisierte: Es handelte sich um eine Serie von Stencils, die Einkaufswägen zeigten, die mit kleinen Stencil-Motiven gefüllt waren.
Gegner Stencils
Eine besonders heikle Form der Aneignung der Stencil-Technik geschieht aber auch durch jene, die indirekt wohl der größten Kritik durch StencilisInnen wie Vomito Attack ausgesetzt sind: durch Konzerne. So verteilte z. B. Heiniken Schablonen seines Logos. Diese Nutzung der Technik für kommerzielle Zwecke stellt eine billige Werbung für den Konzern dar, kratzt aber auch stark an der Glaubwürdigkeit der kritischen Kraft der Stencils. Der teilweisen Aneignung des öffentlichen Raumes der BürgerInnen durch das Erschaffen von Nischen zur Mitbestimmung folgt der Versuch der Rückaneignung dieser Nischen durch Teile der profitausgerichteten Wirtschaft. Dennoch kann der Gegner (die offene Kritik der Stencils) wohl kaum nachhaltig mit seinen eigenen Mitteln geschlagen werden. Denn begibt sich der Konzern auf dieses offene Terrain ist er gleichsam dessen Gesetzen ausgeliefert und steht, so wie die Stencils Vomito Attacks und anderer KünstlerInnen einer kritischen Interpretation oder einer Neuaneignung durch andere frei.
Conclusio
Stencils in Buenos Aires besitzen also durchaus kritisches Potential. Sie greifen politische Themen auf und können so zur Sensibilisierung von Öffentlichkeiten beitragen. Das Herstellen eines Stencils ist eine billige Angelegenheit. Es handelt sich also um ein Kommunikationsmedium, das auch Personen mit geringen finanziellen Ressourcen nützen können. StencilistInnen gestalten durch ihre Arbeit aktiv öffentliche Räume mit und geben Inputs, die politische Auseinandersetzungen in öffentlichen Räumen anregen können. Da die StencilistInnen keine Besitzansprüche an ihre Werke stellen, sondern sie an die Straße freigeben, bestimmen sie auch nicht über ReziptientInnen und Rezeption, was die Offenheit von Öffentlichkeit unterstützt. Da eine Selektion des Publikums so nur sehr eingeschränkt stattfindet, schützen sich die GestalterInnen nicht vor verschärften Angriffen jener Mächte, die sie kritisieren. Der Raum, den die Stencils eröffnen, bleibt umkämpft. Gerade darin aber liegt das demokratische Potential der Stencils. Ob das kritische Potential der Bewegung durch neue Prozesse der institutionellen (Schein?-)Akzeptanz entschärft werden kann oder ob StencilistInnen neue Wege finden, mit diesen Entwicklungen umzugehen, bleibt abzuwarten.
Sollten Sie Interesse daran haben, diese Artikelserie weiterzuverwenden oder zu zitieren, wenden Sie sich bitte an die Autorin: christina.haslehner@gmx.at.
Den vollständigen Originaltext finden Sie hier: Stencils in Buenos Aires.pdf (213.11 KB)
Verwendete Literatur:
Jakob, Kai (2008): Street Art. Kreativer Aufstand der Zeichenkultur im urbanen Zwischenraum. In: Geschke, Sandra M. (Hg.): Straße als kultureller Aktionsraum. Interdisziplinäre Betrachtungen des Straßenraums an der Schnittstelle zwischen Theorie und Praxis. Wiesbaden: VS Verlag, 73-97.
MacPhee, Joshua/Reuland, Erik (2007): Realizing the Impossible. Art Against Authority. Oakland: AK Press.
Pagina 12 (01.02.2007): El fenomeno de los stencils evoluciona. Paredes con altura. [Zugriff: 24.05.2009].
Ventura, Kube H. (2002): Was ist politische Kunst? In: iz3w, 261 global links | Kunst & Politik auf der documenta_11, Kassel 2002, unter der Leitung von Okwui Enwezor, 20-38.
Die Autorin ist Studentin der Internationalen Entwicklung.