Schablonengraffitis gestalten den öffentlichen Raum mit und tragen so zu einem lebendigen und kreativen Stadtbild bei, das sich der allgemeinen Kritik aussetzt. So sind sie ständiger Veränderung unterworfen und kämpfen gegen überdimensional große Werbeplakate um das Gesehenwerden.Das Positionieren der Stencils in den Straßen bringt Vomito Attack und anderen StencilistInnen aber noch weitere Gewinne hinsichtlich des politischen Potentials ein. Der scheinbar öffentliche Raum Straße ist in Wirklichkeit ein durchorganisierter, funktionalistischer Raum, der der breiten Masse zwar die Rolle der KonsumentInnen, nicht aber die der aktiven MitgestalterInnen, zuweist. StencilistInnen wirken durch ihre Werke aber aktiv in der Gestaltung dieser Räume mit (Reclaim the Streets) und eignen sich so Teile des scheinbar öffentlichen Raumes wieder an. Sie stehen somit der Reservierung dieses Postens ausschließlich für dominante Mächte (seien es – um wieder auf Ventura zurückzukommen – politische, gesellschaftliche, oder ideologische) entgegen.
Stencils im öffentlichen Raum
Indem sich die Stencils den Besitzansprüchen und Archivierungszwängen institutioneller Kunst entziehen, können sie öffentliche Räume erweitern und selbst zum Ort öffentlicher Kommunikation und Auseinandersetzung werden. Denn der/die StencilistIn eignet sich durch sein/ihr Stencil zwar einen Teil eines öffentlichen Raumes an, gibt aber sein/ihr Werk gleichzeitig als Impuls an diesen Raum frei und stellt es zur weiteren Aneignung durch Interpretation und Neuverwendungen bzw. verwertungen (z.B. durch künstlerische Weitergestaltung, Übermalung, etc.) zur Verfügung. Die oft kritisierte kurze Lebensdauer der Werke (z.B. durch Übermalung) stellt gleichzeitig eine große Chance dar: denn durch die Vergänglichkeit der Werke läuft der eröffnete Raum nicht Gefahr zur bloßen Archivierungsstätte von Gedanken zu werden, sondern gibt durch seine Aktualität Möglichkeit zur ständigen Weiterentwicklung. Vomito Attack scheint diese Qualität ebenfalls zu schätzen: Ein eigener Menüpunkt seiner Internetseite ist seinen durch andere veränderten, übermalten oder überklebten Stencils gewidmet.
Stencils werden somit in gewisser Weise zum Allgemeingut urbaner Öffentlichkeiten und haben daher auch keinen Anspruch auf die Bestimmung und Einschränkung ihres Publikums. In dieser demokratischen Beschaffenheit lässt sich ebenfalls politisches Potential entdecken.
Stencils versus Werbung
Oft wird das politische Potential der Stencils durch das Argument geschmälert, dass die Motive durch ihre beschränkte Größe nur eine geringe Reichweite besitzen und zwischen den überdimensionalen Werbeplakaten, die die Stadt überfluten, leicht untergehen. Darin steckt auf der anderen Seite aber auch der besondere Reiz der Stencils in Buenos Aires. Denn StencilistInnen stellen sich so nicht auf die gleiche Stufe mit Konzernen, deren Werbekonzept primär auf die Manipulation der KonsumentInnen abzielt. Die vergleichsweise kleinen Stencils beanspruchen nicht die gesamte Stadtoberfläche für sich, sondern sind nur Teil dieser Fläche und stehen zur Entdeckung und Verwendung frei. So stehen sie dem Ideal einer möglichst flächendeckenden Werbekampagne entgegen.
Dennoch sind sie durch ihre spezielle Technik nicht an einen bestimmten Raum gebunden. Die Schablone als Form der technischen Reproduktion ermöglicht die Vervielfältigung eines Motivs. Die Bedeutung der Echtheit des Werkes (also der Status eines Werkes als Original im Gegensatz zur Kopie) tritt zurück, wodurch das Werk selbst und nicht nur dessen Echtheits-Status in den Mittelpunkt gerückt werden kann. Walter Benjamin spricht von einer Emanzipierung des Werkes von seinem Ritualdasein (auch als Schönheitskult zu verstehen, der lange Zeit elementar für die Bedeutung von Kunstwerken war) und macht so neu gewonnene Wirkungsmöglichkeiten eines Kunstwerks sichtbar: But as soon as the criterion of authenticity ceases to be applied to artistic production, the whole social function of art is revolutionized. Instead of being founded on ritual, it is based on a different practice: politics (Benjamin 2008: 25).
Vorteil Internet
Technische Errungenschaften wie das Internet sind ein bedeutender Faktor, der dazu beiträgt, die Grenzen der Reproduktion noch weiter auszudehnen. Die unzähligen Stencil- und Graffiti- Internetforen machen die Bilder überall dort, wo diese Technik vorhanden ist, sichtbar. Und es ist denkbar einfach, ein Stencil aus Buenos Aires hier in Österreich auszudrucken, nachzuschneiden und zu sprayen. Das vom argentinischen Stencil-Kollektiv Bs As Stencil entworfene Motiv von Gorge W. Bush mit Mickey Mouse Ohren und dem Untertitel Disney War macht dies deutlich. Denn dieses in Buenos Aires entworfene Stencil ging um die Welt und ist sogar an österreichischen Hauswänden zu finden.
Zu Teil V.
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Den vollständigen Originaltext finden Sie hier: Stencils in Buenos Aires.pdf (213.11 KB)
Verwendete Literatur:
Benjamin, Walter (2008): The Work of Art in the Age of Its Technological Reproducibility. Second Version. In: Jennings, Walter/Doherty, Brigid/Levin, Thomas (Hg.): The Work of Art in the Age of Its Technological Reproducibility and Other Writings on Media. Cambridge: Harvard University Press, 19-55.
Jakob, Kai (2008): Street Art. Kreativer Aufstand der Zeichenkultur im urbanen Zwischenraum. In: Geschke, Sandra M. (Hg.): Straße als kultureller Aktionsraum. Interdisziplinäre Betrachtungen des Straßenraums an der Schnittstelle zwischen Theorie und Praxis. Wiesbaden: VS Verlag, 73-97.
MacPhee, Joshua/Reuland, Erik (2007): Realizing the Impossible. Art Against Authority. Oakland: AK Press.
Falter (16.04.2008): Nachtschattengewächse. [Zugriff: 26.05.2009].
Philipps, Axel (Dezember 2007): Schablonengraffitis im Stadtgebiet. Eine empirische Untersuchung der Inhalte und Verteilung. https://209.85.129.132/search?q=cache:35GeSzjaZAkJ:www.forschungsgruppe-soziales.de/pdf/LFSArbeitsbericht1+schablonengraffiti+definition&cd=3&hl=de&ct=clnk&gl=at&client=firefox-a [Zugriff: 26.05.2009].
Vomito Attack (o. J.): Vomito Attack.
Hellmann, Kai-Uwe/Schrage, Dominik (2004): Vorwort. In dies. (Hg.): Konsum der Werbung: zur Produktion und Rezeption von Sinn in der kommerziellen Kultur. Wiesbaden: VS Verlag, 7-9.
Die Autorin ist Studentin der Internationalen Entwicklung.