Vergleicht man die simplen Grafiken der Stencils mit einem Monet, drängt sich natürlich die Frage auf, ob das, was da so rapid an die Wand gesprüht wurde, denn überhaupt als Kunst bezeichnet werden kann/darf, oder ob es sich doch bloß um einen Akt der mutwilligen Beschädigung fremden Eigentums handelt.Es scheint generell eine starke Zurückhaltung darin zu geben, die unter dem Begriff Street Art lose zusammengefassten Arbeiten in den Straßen als tatsächliche Kunst zu bewerten. Denn selten handelt es sich dabei um Kunst im klassischen Sinne, für die Aspekte wie Ästhetik als zentrale Eigenschaften gelten (zumal es sich bei Stencils ja sogar oft nur um einzelne Sätze handelt).
Kunst oder Schmiererei?
Was macht ein Werk also zu einem Kunst-Werk? An theoretischen Ansätzen dazu besteht wahrlich kein Mangel. Eine gängige Meinung ist wohl, dass ein vom Menschen geschaffenes Werk um als Kunst zu gelten, von einem der Kunstwelt Angehörigen (Institutionen, Galerie-besitzerInnen, KünstlerInnen,) als solches definiert oder auch lediglich als solches behandelt werden muss. Hängt ein Bild in einer Galerie, gilt es demzufolge als Kunst. Diesen Anspruch können und wollen viele StencilistInnen wohl oft nicht erfüllen. Denn er drängt in eine Abhängigkeit vom Urteil einer kleinen Elite und schränkt so den Spielraum der KünstlerInnen ein. Die hierarchische Beschaffenheit dieses Kunstsystems schließt ein Mitspracherecht der breiten Masse aus.
Einen demokratischeren Ansatz vertraten dagegen Theoretiker des idealistischen Ansatzes, unter ihnen R. G. Collingwood (1889-1943). Sie banden den Kunststatus eines Objekts nicht an das Wohlgefallen einer kleinen Gruppe, sondern an die Fähigkeit des/r Künstlers/in, eigene Ideen oder Emotionen durch ein künstlerisches Medium auszudrücken. Das so entstandene Objekt ist zwar Ausdruck der inneren Idee oder Emotion, doch der zentrale Punkt des Werkes, das Kunstwerk, ist die innere Auseinandersetzung, die Idee selbst.
Kunst & Handwerk
Essentiell daran ist die Unterscheidung zwischen art und craft, also Kunst und Handwerk. Zwar können sich beide gleicher Medien bedienen (z. B. Schrift, Holz, Farbe,), Kunst zielt aber im Gegensatz zum Handwerk nicht primär darauf ab, ein Objekt für einen bestimmten Nutzen zu erschaffen. Der Akt des Handwerks beginnt mit einem bereits existierenden Plan und wird einzig und allein durchgeführt, um ein Objekt zu erzeugen, das im Anschluss eine gewisse Funktion erfüllen kann. Die Herstellung eines Tisches ist z. B. als Handwerk zu bezeichnen. Natürlich schließen sich die beiden Bereiche nicht völlig aus. Auch Kunst kann craft-Elemente in sich tragen, KünstlerInnen müssen gewisse handwerkliche Fähigkeiten besitzen, um ihren Emotionen eine physische Form verleihen zu können. Planung ist in diesem Prozess nicht ausgeschlossen. Das geschaffene Objekt aber dient primär dem emotionalen Ausdruck des/r Künstlers/in und keinem vorbestimmten allgemeinen (Nutzungs-) Zweck.
Das Schaffen von Stencils ist, wie die Ölmalerei, das Arbeiten mit Holz oder anderen Materialien, lediglich eine Technik und die durch ihre Hilfe entstandenen Werke können nach der idealistischen Theorie nicht von vornherein als Kunst bezeichnet werden, ihnen kann aber auch nicht grundsätzlich der Kunststatus abgesprochen werden. Die Beurteilung hängt vom jeweiligen Beispiel ab. Obwohl die beiden Bereiche ja ineinander spielen, kann man erkennen, dass die Verwendung der Stencil-Technik in Buenos Aires in vielen Fällen als einfaches Handwerk (z. B. für Konzertankündigungen, Parteiwerbung, Produktwerbung) verwendet wird, es lassen sich aber (gerade bei den verschiedenen Stencil-Kollektiven) auch etliche Kunstwerke entdecken. Die exemplarisch angeführten Beispiele Vomito Attacks bestätigen dies. Sie sind als Ausdruck von Ideen oder Emotionen zu sehen, die die Gruppe mit Hilfe von künstlerischen Mitteln (Grafik oder Wort) nach außen kehrt. Das bestätigt das Kollektiv auch selbst: Making stencils is my way to express myinterior things (Santiago zitiert nach McPhee 2007: 82), meint Santiago von Vomito Attack.
Kunst mit politics
Bleibt jedoch die Frage nach dem politischen Potential der Stencils, bzw. die Frage nach ihren Möglichkeiten politische Inhalte zu kommunizieren und Auseinandersetzungen anzuregen. Der von Holger Kube Ventura geprägte Begriff Kunst mit politics ist passend. Darunter zu verstehen sind künstlerische Arbeiten oder Aktionen, deren politische Ebene darin liegt, dass sie sich gegen die politische Macht (politische Praktiken, die der Staat/die Regierung zu verantworten hat), gegen gesellschaftliche Mächte (z. B. Konzerne aus den Bereichen Wirtschaft und Wissenschaft), symbolische Mächte (Ideologien, Verhaltensnormen, etc) oder die Macht des Kunstsystems richten. Das kann z. B. durch ein Aufzeigen geschehen, also ein Anklagen oder Richtigstellen verschiedener Verhältnisse oder Situationen (vgl. Ventura 2002: 25f).
Stencil-KünstlerInnen (so auch Vomito Attack) arbeiten in der Regel illegal und suchen im Normalfall keine Genehmigungen von HausbesitzerInnen oder zuständigen Institutionen. Sie autorisieren sich selbst, ihre Arbeiten in der Stadt zu platzieren und gewinnen so als nicht eingeladene Gäste am Parkett der Public-Space-Designer an bedeutendem Spielraum. Durch das Umgehen von jedweden Kontroll-instanzen, sind sie in der Lage, delikatere Themen zu behandeln und auch die von Ventura angeführten Positionen einzunehmen. Dieses Draußensein, außerhalb eines institutionellen Rahmens, nennt auch Ventura selbst als einen weiteren wichtigen Punkt von Kunst mit politics.
Die genannten Beispiele decken beinahe alle von Ventura genannten Optionen ab: Während das Stencil Feliz Crisis die nationale Politik anspricht, stehen das Motiv des Strichcodes und das Stencil Y si hacemos que todos usen Colgate für die Kritik an gesellschaftlichen Mächten. Thi$ is Art bezieht sich auf den Geldwert von Kunst, womit Vomito Attack also die Macht des Kunstsystems kritisiert (siehe Teil II).
Zu Teil IV.
Sollten Sie Interesse daran haben, diese Artikelserie weiterzuverwenden oder zu zitieren, wenden Sie sich bitte an die Autorin: christina.haslehner@gmx.at.
Den vollständigen Originaltext finden Sie hier: Stencils in Buenos Aires.pdf (213.11 KB)
Verwendete Literatur:
Geilert, Gerald (2009): Street Art – eine verlockende Utopie. https://www.kunsttexte.de/2009-1/geilert-gerald-7/PDF/geilert.pdf [Zugriff: 30.05.2009]
MacPhee, Joshua/Reuland, Erik (2007): Realizing the Impossible. Art Against Authority. Oakland: AK Press.
Pagina 12 (01.02.2007): El fenomeno de los stencils evoluciona. Paredes con altura. https://www.pagina12.com.ar/diario/suplementos/no/12-2614-2007-02-01.html [Zugriff: 24.05.2009].
Philipps, Axel (Mai 2008): Das politische Schablonengraffiti. Eine Stadtteiluntersuchung. cd=2&hl=de&ct=clnk&gl=at&client=firefox-a“>https://209.85.129.132/search?q=cache:ay_rvTfSE0UJ:www.forschungsgruppe-soziales.de/pdf/LFSArbeitsbericht3+stencil+schablonengraffiti+protest&cd=2&hl=de&ct=clnk&gl=at&client=firefox-a [Zugriff: 31.05.2009].
Reinecke, Julia (2007): Street-art: Eine Subkultur zwischen Kunst und Kommerz. Bielefeld: transcript Verlag.
Ventura, Kube H. (2002): Was ist politische Kunst? In: iz3w, 261 global links | Kunst & Politik auf der documenta_11, Kassel 2002, unter der Leitung von Okwui Enwezor, 20-38.
Warburton, Nigel (1999): Philosophy. The Basics. New York: Routledge.
Waburton, Nigel (2003): The Art Question. London: Routeledge.
Die Autorin ist Studentin der Internationalen Entwicklung.