Vomito Attack ist nur eines von vielen Stencil-Kollektiven in Buenos Aire, das lokal als eines der politischsten gilt. Um das mögliche politische Potential von Stencils als eine etwas andere Kunstform aufzuzeigen, sollen einige seiner Arbeiten im Folgenden exemplarisch analysiert werden.Die (vermutlich) ersten zwei Mitglieder des Kollektivs sprayen ihre Motive seit 2003 zusammen auf die Stadtoberfläche Buenos Aires`, diverse Internet-blogs betonen aber, dass die einzelnen Mitglieder schon seit 2001 aktiv waren und sich die Anzahl der KünstlerInnen mittlerweile vergrößert hat. Da der Wunsch der Anonymität unter den Stencil-KünstlerInnen weit verbreitet ist, fehlen jedoch genauere Informationen über die Identität mancher Mitglieder.
Vomito Attack
Vomito Attack sieht Stancils als Kommunikationsmedium, durch das Gedanken und Inhalte vermittelt werden können. Der Name ist
– natürlich im übertragenen Sinne – zugleich Konzept: Das dritte Manifest des Kollektivs beschreibt metaphorisch seinen (künstlerischen) Prozess der Auseinandersetzung mit für den Menschen unverträglichen Teilen politischer, wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Systeme:
Upon a toxic substance entering its body, an organism immediately takes action and tries to eliminate it. The action of vomiting is very complex and is a common reflex with a great variety of stimuli and psychopathological causes [] Vomiting is a cleansing act, a natural defense mechanism that protect[s] (sic!) the body from harm. After vomiting there is relief and expection of feeling better.
(Vomito Attack 2005)
Die meisten Arbeiten von Vomito Attack zeigen Kritik am Kapitalismus und der flächendeckenden Werbung in der Stadt, sowie an der fragwürdigen Unabhängigkeit und Objektivität der Medien. Aber auch die politische Situation im In- und Ausland bleibt nicht verschont. Bei seinen Stencils handelt es sich meist um relativ einfache Motive oder Sätze, die manchmal sehr geradlinig prägnante Botschaften vermitteln, dem/r Rezipienten/in manchmal aber auch einiges an Interpretationsarbeit aufbürden.

Foto: Vomito Attack
Eines seiner Stencils z. B. zeigt einen Strichcode, wie er auf allen käuflichen Waren in Supermärkten und anderen Geschäften zu finden ist. Dahinter kommen zwei Hände hervor, die sich an zweien der Linien festhalten. Das Motiv erinnert so an die Gitterstäbe eines Gefängnisses. Dass dem Bild eine generelle Kritik an der Warenform der Dinge innewohnt, scheint nahe liegend. Wie weit sich die Botschaft aber fortspinnen lässt, bleibt dem/r Rezipienten/in überlassen. Thematisiert es die Unterwürfigkeit des Menschen als Konsument? Wird der Mensch zu einem Gefangenen seines eigens errichteten kapitalistischen Systems? Verschwindet das Individuum hinter einem variablen Wert, der auch ihm selbst einzig und allein durch seine Arbeitskraft angehaftet bzw. abgesprochen wird?
Wie die meisten Stencils sind auch jene von Vomito Attack nicht mit weiteren Erklärungen versehen und lassen Raum für fremde Deutung.
Thi$ Is Art
Auch das Stencil Thi$ Is Art scheint das zur-Ware-werden von allem mehr oder weniger gut Vermarktbaren – in diesem Fall Kunst – zu kritisieren: Denn auch Kunst, die durch ihre (scheinbare) Unabhängigkeit in der Lage sein sollte, system- und gesellschaftskritische Inhalte zu kommunizieren, ist – will sie über institutionelle Anerkennung ein größeres Publikum erreichen – kommerziellen Zwängen unterlegen. Der Kunstmarkt, auf den sich KünstlerInnen zu solchem Behufe begeben, ist ein asymmetrischer, von Konkurrenz geprägter Raum, in dem mächtigere TeilnehmerInnen (nach Camnitzer das Zentrum) versuchen, schwächere PartizipantInnen (nach Camnitzer die Peripherie) zu beherrschen. Dies lässt sich auf der internationalen, aber auch auf der nationalen Ebene beobachten.
Werbung im öffentlichen Raum
Der Schablonen-Schriftzug Y si hacemos que todos usen Colgate? (wörtlich: Und wenn wir machen, dass alle Colgate verwenden?) ist wohl als eine Anspielung auf die ständige Manipulation der flächendeckenden Werbung zu sehen, die PassantInnen ungefragt erdulden müssen, wollen sie sich im öffentlichen Stadtgebiet aufhalten. Sieht man die Straße als Teil eines öffentlichen Raumes (neben Zeitungen, Internet, etc), so wird zugleich die Logik sichtbar, die hinter dem Konzept steckt: dem Wort öffentlich sind laut Duden Synonyme wie allen zugänglich und für alle bestimmt (vgl. Geilert 2009: 3) zugewiesen. Dennoch werden die meisten öffentlichen und somit für alle BürgerInnen bestimmten Räume in auf Konsum ausgerichteten Systemen in beinahe präpotenter Art und Weise von wenigen gestaltet und vereinnahmt. Auf diese Tatsache und auf die so gegebene Möglichkeit zur verstärkten Manipulation, wird durch subversive Affirmation aufmerksam gemacht.
Ein Stencilbeispiel das auf die nationale Situation anspielt, wurde kurz vor Weihnachten 2005 (zum vierten Jubiläum der Krise von 2001) an die Wände gesprüht: Vomito Attack wünschte den Menschen in Buenos Aires an Stelle von Feliz Navidad (Frohe Weihnachten) Feliz Crisis (Frohe Krise). Ein Stencil das wohl dafür sorgte, dem/r Rezipienten/in die Vorkommnisse der Krise wieder ins Gedächtnis zu rufen.

Foto: Vomito Attack
Zu Teil III.
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Den vollständigen Originaltext finden Sie hier: Stencils in Buenos Aires.pdf (213.11 KB)
Verwendete Literatur:
Camnitzer, Luis (1995): Die Korruption in der Kunst / die Kunst der Korruption. [Zugriff: 29.05.2009].
Geilert, Gerald (2009): Street Art Eine verlockende Utopie. [Zugriff: 30.05.2009].
Hellmann, Kai-Uwe/Schrage, Dominik (2004): Vorwort. In dies. (Hg.): Konsum der Werbung: zur Produktion und Rezeption von Sinn in der kommerziellen Kultur. Wiesbaden: VS Verlag, 7-9.
MacPhee, Joshua/Reuland, Erik (2007): Realizing the Impossible. Art Against Authority. Oakland: AK Press.
Pagina 12 (01.02.2007): El fenomeno de los stencils evoluciona. Paredes con altura. [Zugriff: 24.05.2009].
Vomito Attack (September 2005): Tercer Manifesto. [Zugriff: 24.05.2009].
Vomito Attack (o. J.): Vomito Attack. [Zugriff: 23.05.2009].
Die Autorin ist Studentin der Internationalen Entwicklung.