Wie sozial kann Ökonomie sein?

Das Spannungsverhältnis von Ökonomie und Solidarität war Thema einer Podiumsdiskussion, die im Rahmen der Wiener Vorlesungen am 23. Juni 2009 stattfand.

Am Podium diskutierten die WirtschaftsexpertInnen Karin Küblböck, Gabriele Michalitisch, Andreas Novy, Stephan Schulmeister und Wilfried Stadler. Die Leitfrage der Veranstaltung Wie sozial kann Ökonomie sein? führte die Mehrheit der DiskussionsteilnehmerInnen zur Kritik am Kapitalismus. Kontroversen ergaben sich vor allem hinsichtlich der Radikalität dieser Analyse sowie bei den für möglich erachteten Perspektiven und Alternativen.  



Kapitalismus und Soziales ein Widerspruch?



Die kapitalistische Marktwirtschaft sei per se nicht sozial, denn sie gewinne ihre zentrale Energie aus dem individuellen Profitstreben, stellte WIFO-Ökonom Stephan Schulmeister im Eingangsstatement fest. Ökonomie und Soziales werden als Gegensätze gedacht, zeigte die Entwicklungsökonomin Karin Küblböck (ÖFSE) auf. Andreas Novy von der WU Wien brachte wiederum ein, dass Kapitalismus in der Tat auch auf Kooperation, Solidarität und Subsistenzwirtschaft beruhe. Denn das kapitalistische System würde ohne eine Arbeitsteilung, welche strukturelle Ungleichheiten (re-)produziere, nicht funktionieren. Die feministische Ökonomin und Politologin Gabriele Michalitsch kritisierte ebenfalls die Reduktion des Wirtschaftsbegriffs auf die Marktwirtschaft: Haushalts- und Subsistenzwirtschaft, die noch immer den Großteil unserer Wirtschaftsleistung ausmachen, würden systematisch ausgeblendet und degradiert. Der Volkswirt und Unternehmensberater Wilfried Stadler beschränkte seine Kritik auf den angelsächsischen Kapitalismus, welcher sich im entdemokratisierten Neoliberalismus manifestierte, und der die soziale Marktwirtschaft abgelöst hat.

Sozialisierung des Ökonomischen!

Der Grundkonsens der am Podium vorgebrachten Kritik an unserem Wirtschaftssystem betraf die Dominanz marktwirtschaftlicher Kräfte und Kriterien in unserer Gesellschaft. Statt der seit Jahren fortschreitenden Ökonomisierung aller Lebensbereiche forderten Karin Küblböck und Gabriele Michalitsch eine Sozialisierung und Demokratisierung des Ökonomischen. Die Wirtschaft müsse wieder in die Gesellschaft eingebettet und von dieser bestimmt werden statt umgekehrt. Die geforderte Entscheidungsermächtigung der Menschen über ihre Wirtschaftsweise impliziere auch eine dringend nötige Wertediskussion: Wie wollen wir wirtschaften? Was sind unsere tatsächlichen Bedürfnisse und wie können sie befriedigt werden? Was sind unterschiedliche Tätigkeiten wert? Diese fundamentalen Fragen müssten nach Karin Küblböck Bestandteil einer breiten gesellschaftlichen Auseinandersetzung sein.

Der Diskurs über die Krise sei unter dem Lichte der bestehenden Interessen und Machtverhältnisse zu betrachten. Küblböck, Michalitsch und Schulmeister forderten, Dogmen und Postulate der uns vorgesetzten Wirtschaftspolitik zu hinterfragen und die tieferen Wurzeln der Krise zu erörtern. Eine wesentliche der Krise zugrunde liegende Ursache identifizierten die ÖkonomInnen beispielsweise in der extrem ungleichen Vermögensverteilung, welche vergleichbar ist mit jener vor der Großen Depression des Jahres 1929.

Zähmung oder Überwindung des Raubtiers Kapitalismus?

Nach der äußerst kritischen Bewertung unseres derzeitigen Wirtschaftssystems folgte die Frage nach den daraus resultierenden Konsequenzen. Hierbei unterschieden sich die Perspektiven je nach ideologischer Ausrichtung der ÖkonomInnen. Stephan Schulmeister vertrat die Position, dass die durch den Kapitalismus bedingten sozial destruktiven Kräfte, wie das Profitstreben, durch Regulation gebändigt werden könnten. Karin Küblböck forderte mehr demokratische Bestimmung darüber, welche Wirtschafts- und Lebensbereiche dem Markt überlassen werden können, und welche als öffentliche Güter dem Gemeinwohl dienen sollen. Darüber hinaus plädierte sie dafür, solidarischen Wirtschaftsformen größere Beachtung zu schenken und Alternativen zu denken, zu leben und anzuerkennen. Andreas Novy sah in Anbetracht eines längeren Zeithorizonts die Überwindung unseres Kapitalismus, welcher sich vor allem durch Machtbefugnisse und Eigentum auszeichne, als Notwendigkeit. Wir bräuchten ein neues, auf Kooperation und Solidarität basierendes Modell des Produzierens und Lebens.

Wilfried Stadler verteidigte daraufhin vehement die kapitalistische Privatwirtschaft sie sei das Pferd, das den Wagen der Gesellschaft zieht, denn sie fördere Dynamik und Innovation. Es gebe in Österreich ohnehin einen übergeordneten politischen Willen, der die Wirtschaft im Sinne des sozialen Wohls reguliere. Stadler sprach sich für einen responsible capitalism aus, der auch diejenigen versorgt, die die emanzipatorische Chance des Kapitalismus (Berufswahl und -aufstiegschancen) nicht ergreifen (können). 

Zwei Seiten einer Medaille

Schulmeister enttarnte die von Stadler hoch gelobte soziale Marktwirtschaft als einen euphemistischen Begriff, welcher von neoliberalen ÖkonomInnen erfunden wurde, um ihr Gedankengut schön zu verpacken. Auch im Hinblick auf die ökologische Krise seien marktwirtschaftliche Ansätze nicht hilfreich, sondern sie würden Ressourcenengpässe hervorrufen und verschärfen. Michalitsch hinterfragte kritisch einige Mythen, die um das Wesen der Marktwirtschaft kursieren. So seien wir oft von den positiven Assoziationen mit der Marktwirtschaft geblendet, übersähen dabei aber die Schattenseite der Medaille, die sich beispielsweise in Form von massiver Ungleichheit, Armut und Umweltzerstörung ausdrücke. Weiters sei zu hinterfragen, ob Konkurrenz wirklich der Garant für Effizienz und soziale Innovation sei, oder ob hierbei Kooperation nicht eine weit wichtigere Rolle spiele. Die Ökonomin kam, wie viele Gäste am Podium und im Publikum zu dem Schluss, dass wir, angesichts der sozialen Problematiken, die die Marktwirtschaft produziert, über das Bestehende hinausgehen und uns reorganisieren müssen.

Zum Vortrag von Andreas Novy.

Die Autorin ist Mitglied des online-Redaktionsteams des Freire Zentrums

Veröffentlicht in Entwicklungspolitik.