Ist Kultur ein menschliches Grundbedürfnis? Wenn ja, warum werden dann kulturelle und künstlerische Projekte in der österreichischen Entwicklungszusammenarbeit kaum gefördert? Mit derartigen Fragen setzte sich eine Podiumsdiskussion am 27. Mai 2009 im Kulturlokal am Gaußplatz 11 auseinander.
Silke Anger präsentierte an diesem Abend ihre Master Thesis „Kulturelle Entwicklungszusammenarbeit“, die sie an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien verfasste. Im Anschluss wurde ihre Präsentation von Personen aus Musik, Kunst und Kultur kommentiert. Gerald Faschingeder (Paulo Freire Zentrum) führte durch die Veranstaltung und bettete den Abend in einen größeren Kontext ein. Impulse wie das Onda Latina Festival, die UNESCO Konferenz zur Bewahrung des immateriellen Kulturerbes oder Ausgaben des Journals für Entwicklungspolitik, die sich mit dem Thema auseinandersetzen, sind Versuche, den Diskurs zu Entwicklung und Kultur in Österreich zu beleben.

Franz Schmidjell, Regine Allgeyer-Kaufmann, Gerald Faschingeder, Ragnhild Roed, Silke Anger (Foto: Irmi Egger)
Kultur = Zufallsprodukt der OEZA?
In ihrer Arbeit untersuchte Anger den Stellenwert von Kunst- und Kulturprojekten in der österreichischen Entwicklungszusammenarbeit (OEZA) anhand von drei Beispielprojekten in Kolumbien, Uganda und Nicaragua: Artelatino Viena ist eine Konzertgruppe, die den kulturellen Austausch zwischen Kolumbien und Österreich fördert; die Tanz- und Theatergruppe Ndere Troupe mit Sitz in Kampala sieht das Theater als Weg zu sozialer Transformation; und das Kulturzentrum Casa de los Tres Mundos mit dem Trägerverein Pan y Arte wurde vom österreichischen Schauspieler Dietmar Schönherr gegründet und fördert Kulturprojekte in Zentralamerika.
Die öffentliche Förderlandschaft in Österreich ist vielfältig. Sie reicht von Förderungen durch die Austrian Development Agency (ADA) und Bundesländer bis zur kommunalen und kirchlichen Ebene. Im EZA Gesetz wird die Wichtigkeit des kulturellen Austausches betont. Allerdings sind die meisten kulturellen Projekte bereits ausgelaufen und warten auf Nachfolgeaktivitäten. In einem Interview mit Silke Anger bezeichnete Anton Mair von der Sektion 7 des Außenministeriums selbstkritisch Kultur als „zufälliges Ergebnis“ der OEZA. Das Verhältnis der Kulturausgaben zu den Gesamtausgaben der OEZA im Jahre 2007 (1:1000) verdeutlicht diese Aussage. Doch was sind die Gründe für ein derartiges Vorgehen in einem „Kulturland“ wie Österreich?
Kultur als Selbstzweck

Silke Anger (Foto: Irmi Egger)
Die Reduzierung von Schwerpunkten in der ADA würde die Kultur durch die Latten fallen lassen, meinte Anger. Ein unterschiedliches Kulturverständnis der Beteiligten sowie mangelnde Einbeziehung von NGOs, KünstlerInnen und Zivilgesellschaft seien ebenso Gründe für fehlende Förderungen.
Als grundsätzliche Herausforderung nannte sie das nicht vorhandene Bewusstsein über den Zusammenhang von Kultur und Entwicklung. Abermals zitierte Anger Anton Mair, der von einer „Sperre im Kopf“ sprach, die es in Österreich und in den Partnerländern zu überwinden gelte. Eine zentrale Problematik, so Anger, stelle die Funktion von Kultur dar. Es fehle an einem intrinsischen Verständnis von Kultur, wonach Kultur Selbstzweck sei. Stattdessen werde sie instrumentell-funktionalistisch gesehen, als Mittel zu einem bestimmten Zweck, um beispielsweise Konflikte zu bearbeiten oder Identität zu stärken.
Zwischen Anspruch und Wirklichkeit
Abschließend wies Anger auf die große Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklich hin, die in diesem Bereich herrsche. Um wirklich etwas zu erreichen, brauche es klare politische Vorgaben und auch einen starken Partner, eine Persönlichkeit wie Schönherr beispielsweise. Als Erfolgsfaktoren von Kulturprojekten nannte sie Langfristigkeit und Ownership die Identifikation, Eigenverantwortung und Mitbestimmung der betroffenen Menschen. Von besonderer Relevanz sei die Eingliederung von Kindern und Jugendlichen in kulturelle und künstlerische Projekte. Gerade in Zeiten der Krise sei die Auseinandersetzung mit Kunst und Kultur zentral.
Regine Allgeyer-Kaufmann (Vorständin des Instituts für Musikwissenschaft der Universität Wien) wies auf die Verantwortung gegenüber anderen Menschen und die Schwierigkeit das Richtige zu tun hin. EineN MusikerIn allein finanziell zu unterstützen, reiche nicht aus, um seine/ihre Situation zu bessern. Nachhaltige und wirkungsvolle Projekte zu vollziehen, sei keine einfache Sache. Dem schloss sich auch Ragnhild Roed (Bildende Künstlerin) an, die im Projekt Agnam Goly in Senegal arbeitet.
Als zentrale Ansatzpunkte sah Franz Schmidjell (Kulturen in Bewegung/VIDC) die Instrumentalisierung von Kunst und Kultur, die immer ein „wofür“ mit sich bringe, den fehlende Bekanntheitsgrad alleine des Begriffs „kulturelle Entwicklungszusammenarbeit“ und den Faktor Zeit, der in vielen Projekten übersehen werde. Notwendige Maßnahmen für die Zukunft in Österreich seien die Erstellung politischer Richtlinien, der Ausbau von Kultur als Querschnittsthema in der OEZA und die Stärkung von Ownership.
Verbindung zwischen Sozialem & Kunst
Dass soziale von künstlerischen Projekten anderswo kaum zu trennen sind, berichtete Allgeyer-Kaufmann. In den Favelas von Rio de Janeiro werde in Projekten des Ethnomusikologen Samuel Araújo das Soziale gleichwohl wie das Künstlerische ins Visier genommen und nach Grundsätzen von Paulo Freire gearbeitet. In diesem Zusammenhang verwies Gerald Faschingeder auf den kulturorientierten Zugang Freires und stellte die provozierende Frage, ob es den Verantwortlichen an künstlerischer Alphabetisierung fehle.
Die abschließende Publikumsdiskussion warf einige neue spannende Aspekte auf, wie etwa die Rolle des Staates. Sind informelle private Initiativen zur Unterstützung von KünstlerInnen nicht oftmals fruchtbringender als staatliche Förderungen? Kann Kunst nicht erst abseits von staatlichen Beschränkungen ihre gesamte subversive Kraft entfalten? Auch die Funktion von Kultur war erneut Thema. Einerseits wurde der kreative, zweckfreie und spielerische Aspekt von Kunst und Kultur hervorgehoben, andererseits aber auch ihre Fähigkeit der Bewusstseinsschaffung für andere zentrale Bereiche der EZA.
Master-Thesis_Anger_Silke.pdf (1.48 MB)
Powerpoint_Praesentation_Silke_Anger.pdf (1.38 MB)