30 Jahre mobilisieren für globale Gerechtigkeit

Was hat sich seit 1979 geändert?  Und unter welchen Umständen wurde in jenem Jahr der Österreichische Informationsdienst für Entwicklungspolitik (ÖIE) heutiger Südwind gegründet? An seinem 30-sten Geburtstag wurden Ideen von damals mit heutigen Paradigmen verglichen und auf 30 Jahre Entwicklungspolitik zurückgeblickt.

Wir mobilisieren für globale Gerechtigkeit!

Unter diesem Leitspruch stand die Geburtstagsveranstaltung von Südwind, die am 9. Mai 2009 ca. 60 Personen im Albert Schweitzer Haus versammelte. Zu Gast war unter anderem der alternative Nobelpreisträger Walden Bello, der Strategien für globale Gerechtigkeit beleuchtete.

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Walden Bello (Foto: Johannes Rigal für Südwind)

Inge Jäger, ehemalige Geschäftsführerin des ÖIE, unterstrich in der Begrüßungsrede das wichtigste Anliegen der Organisation, damals wie heute, Entwicklungspolitik im eigenen Land zu machen. Im Anschluss betonte die Nationalratspräsidentin Barbara Prammer den Wert der Zusammenarbeit von Politik und NGOs. Die Regierung habe die Verpflichtung, den Kontakt mit Organisationen wie Südwind zu halten, um einen konstruktiven entwicklungspolitischen Diskurs aufrecht zu erhalten.


Wie kann man denken und handeln?

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Walden Bello (Foto: Johannes Rigal)

Der als Globalisierungskritiker bekannte philippinische Parlamentsabgeordnete Walden Bello kritisierte vehement das globale Wirtschaftssystem und den Kapitalismus als Gefahr für Gesellschaft und Umwelt. Nur eine Neustrukturierung der Weltwirtschaft könne Gerechtigkeit auf globaler Ebene bringen. Ohne einen Bruch mit vorherrschenden Paradigmen sei der zivile Kampf um Gleichheit und Frieden schwer erreichbar.

 

Man müsse alte Werte und Normen dekonstruieren und gleichzeitig neue Ideen und Visionen für eine bessere Welt schaffen. Die Wirtschaftskrise bedeute gleichzeitig eine Chance, um Menschen für den Kampf um soziale Gerechtigkeit zu gewinnen, sei aber auch Nährboden für populistische, nationalistische Parteien nicht nur in Europa, sondern überall auf der Welt. Da wir aber laut Bello erst am Beginn der Krise stehen, wissen wir noch nicht in welche Richtung die Welt sich bewegen wird. Die Arbeit von Einzelpersonen und NGOs für eine Neuordnung der Welt sei deshalb umso wertvoller. Er betonte, dass Staaten nicht nur in Krisenzeiten in die Wirtschaft eingreifen müssten, da dies schlussendlich den Kapitalismus stärke und zu Krisenanfälligkeit führe. Ein radikaler Schritt sei nötig, sodass die Wirtschaft dem Menschen diene und nicht umgekehrt. Walden Bello nennt seine Utopie global social democracy und versteht darunter eine Koalition von Wirtschaft und Staat im Dienste der Menschheit. NGOs wie Südwind als auch Individuen sollten an alternativen Modellen arbeiten, um gemeinsam gegen eine kapitalistische Restabilisation und nationalen Populismus zu kämpfen.

Seine Vision, die im Publikum teilweise auf Zustimmung stieß, teilweise belächelt wurde, basiert auf der Theorie, dass Globalisierung reversibel sei.

Entwicklungspolitik in Österreich

Dass nach 30 Jahren Entwicklungspolitik zwar einige Ziele erreicht wurden, die Entwicklungszusammenarbeit aber noch vor vielen Herausforderungen steht, darüber sprachen Inge Jäger, Martin Jäggle (Dekan der Katholisch – Theologischen Fakultät Wien), Andreas Missbach (Geschäftsleiter und Finanzexperte der Schweizer Organisation Erklärung von Bern) und Helmuth Hartmeyer (Leiter der Abteilung Entwicklungspolitische Kommunikation und Bildung der Austrian Development Agency).

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Inge Jäger, Andreas Missbach, Irmgard Kirchner, Martin Jäggle, Helmuth Hartmeyer (Foto: Johannes Riegal für Südwind).

Die vier entwicklungspolitisch engagierten Podiumsgäste sprachen unter der Moderation von Südwind Redakteurin Irmgard Kirchner über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der österreichischen Entwicklungspolitik. Alle waren sich einig, dass die bereits von Bello angesprochene Wirtschaftskrise eine große globale Herausforderung in der Entwicklungszusammenarbeit bedeute. Im österreichischen Kontext gebe es die Schwierigkeit, so Inge Jäger, entwicklungspolitische Grundsätze in die nationale und in die EU-Politik einzubringen. Helmuth Hartmeyer betonte dabei die Problematik in den Sozialwissenschaften, geeignete Indikatoren zur Messung von Ergebnissen zu finden. Vor allem im Bildungsbereich, bei Präventionsarbeit und Armutsstrategien könne man die verlangten Besserungen nicht oder wenn, dann erst nach vielen Jahren aufzeigen. Martin Jäggle dazu: Es gibt kein Wirkungs Ursache Prinzip, das ist aber keine Legitimation für Nichtstun.



Altbewährt oder ganz anders?



Insgesamt waren sich alle im Saal einig: Österreich steht vor vielen komplexen Herausforderungen, wie dem Klimawandel, der globalen Ungleichheit und der Wirtschaftskrise eigentlich keine österreichischen, sondern globale Themen. Wie man zu einer globalen Lösung kommen sollte, dazu hat zumindest Walden Bello seine Vision vorgetragen.

Südwind feierte sich selbst und 30 Jahre Aktion für globale Gerechtigkeit. Kritische Stimmen aus dem Publikum forderten von Südwind, Begriffe wie Entwicklung aus seinem Wortschatz zu verbannen oder andere Strategien zu entwickeln, um die Öffentlichkeit besser für das Thema zu sensibilisieren. Andere begrüßten den derzeitigen Kurs und gratulierten zum Geburtstag. Was die Zukunft bringen wird, was aus der Vergangenheit gelernt wurde und ob Walden Bello Recht hatte, wird sich vielleicht beim 60. Geburtstag von Südwind herausstellen.

Die Autorin ist Mitglied des online-Redaktionsteams des Freire Zentrums.

Veröffentlicht in Entwicklungspolitik.