
Eine Präsentation des Buches „Das Wissen vom Geld: Auf dem Weg zum Finanzbürgertum.“ von Martin Schürz und Beat Weber.Finanzkrisen erschüttern das System. Die Reichen werden reicher.
Brauchen wir mehr Wissen in Form finanzieller Allgemeinbildung, wie von
neoliberalen IdeologInnen behauptet? Welches Wissen vom Geld brauchen
wir? Was macht glücklich? Die „subprime“ Krise in den USA zeigt scheinbar deutlich, dass
„finanziell ungebildete“ ärmere Menschen Kredite aufgenommen haben, die
sie nun nicht bezahlen können.
Höchst bezahlte Bankenchefs/-innen und RisikomanagerInnen haben sich quantitativ noch in einem viel höheren Ausmaß verspekuliert, müssen jedoch kaum mit schwerwiegenden Konsequenzen rechnen. Geschieht dies alles aus Unwissenheit? Kann finanzielle Allgemeinbildung Abhilfe schaffen? Was hat es mit Geld wirklich auf sich? Finanzthemen haben den Ruf sperrig und ja langweilig zu sein. Ein Buch das mit der Zielsetzung entstand, die Frage nach dem Geld für ein breites Publikum kritisch zu behandeln, stellt sich daher einer großen Herausforderung. Gleich vorweg: Das Projekt von Martin Schürz und Beat Weber ist glücklich gelungen. Nicht zuletzt weil das Buch damit beginnt, die (philosophische) Frage nach dem Glück zu stellen. Damit ist das Buch viel mehr, als der (trockene) Titel verspricht.
Was ist Glück?
Die Auseinandersetzung mit Glück ist nicht nur aus gesellschaftlicher sondern vielleicht angesichts des sich mit Glück auftuenden Reflexionsraums im bevorstehenden Sommerurlaub auch aus individueller Sicht bedeutend. Das Buch spannt den Bogen von Aristoteles bis zu den neueren Erkenntnissen der boomenden ökonomischen Glücksforschung, zwischen individuellen und kollektiven Glücksvorstellungen. Dabei wird herausgearbeitet, wie bestimmte Glücksvorstellungen dominant werden und welche empirischen Faktoren aus unterschiedlichen wissenschaftlichen Perspektiven glücklich machen. Die Rolle des Geldes wird dabei relativiert. Auch die Frage, was der/die Einzelne dazu beitragen kann. Dies hat wichtige Implikationen für die Wirtschaftspolitik. Damit ergibt sich auch die Begründung, warum die Frage nach dem Glück in einem Buch zu Finanzfragen gestellt wird.
“ … zum Schmied des eigenen Glücks?“
Die Autoren arbeiten sehr klar heraus, wie sich Ratgeberliteratur unter dem Übergriff „denke nach und werde reich“ in Mechanismen neoliberaler Gouvernmentabilität des Selbst einordnet. Auch wird gezeigt, wie damit bestimmte gesellschaftliche Transformationen, Stichwort „vom Wohlfahrtsstaat zur (finanziellen) Eigenverantwortung“, diskursiv abgesichert werden.
Damit geht auch eine Veränderung der Gerechtigkeitsvorstellungen einher. Auch dazu liefert das Buch sehr einfach nachvollziehbar die Grundlinien der Diskussionen. Sich verändernde Gerechtigkeitsdiskurse und die Bedeutung von Begriffen wie Leistungsgerechtigkeit werden dabei auf materielle Veränderungen bezogen. Die Zunahme der Interessen der FinanzvermögensbesitzerInnen in einer finanzialisierten Ökonomie hat auch ihre diskursiven Implikationen: „Was unter Leistung zu verstehen ist, kann nur als Ergebnis sozialer Kämpfe um Hegemonie verstanden werden … die Bedeutung von Leistung ist nicht mehr die selbe wie einst, als sie eng mit einer Arbeitsethik verknüpft war. In paradoxer Weise wird der Leistungsbegriff, der liberalen Vorstellungen von Leistungsgerechtigkeit zu Grunde liegt, ausgeweitet und inhaltlich ausgehöhlt. Während der politische Diskurs zur Eigenverantwortung auf Disziplinierung zielt und für die Armen eine rigidere Arbeitsethik vorsieht, um deren Leistungsbereitschaft zu erhöhen, werden die Führungskräfte von einer arbeitsorientierten Leistungsbestimmung ausgenommen. Es wird dem Geniekult gehuldigt… In der Debatte um explodierende Einkünfte von Führungskräften verdrängt Erfolg die Kategorie der Leistung als zentrales Rechtfertigungsargument für Einkommensungleichheit“ (S. 36ff). So hängen die Dinge also zusammen.
… durch Erbschaft?
Aus aktuellem Anlass der Abschaffung der Erbschaftssteuer in Österreich wird die dazu ablaufende Debatte sehr aufschlussreich nachgezeichnet. Besonders spannend ist dabei die Autorensicht von „innen“. An diesem Beispiel werden bündnispolitische und diskursiven Strategien rund um Leistungsgerechtigkeit usw. nachgezeichnet. Ein Lehrstück dafür, wie Politik „gemacht“ wird! Ebenso werden detailliert Parallelen zum Prozess der Reduktion der Erbschaftssteuer anderswo etwa in den USA gezogen. Auch das sehr aufschlussreich.
… oder durch Wahlfreiheit, Eigenverantwortung und finanziellem Allgemeinwissen?
Des Weiteren wird genau gezeigt, wie die Rede von Wahlfreiheit, Eigenverantwortung und finanziellen Allgemeinwissen um es plakativ zu formulieren den Reichen nützt, den Armen aber nur schadet und sie weiter diszipliniert. Erfrischend ist, dass in diesem Zusammenhang auch der Begriff „Wissensgesellschaft“ unter Anführungszeichen gesetzt und nicht wie so häufig einfach als scheinbare Tatsache hingenommen wird. Vielmehr sprechen sie von einer „selektiven Wissensgesellschaft“. Sie betonen, dass auch die Armen über Finanzwissen verfügen. Darüber hinaus werden auch genauer die Mechanismen der Produktion von (finanziellem) Allgemeinwissen untersucht: Wie setzen die beteiligten Akteure ihre Interessen durch? Welche Rolle spielen dabei „ExpertInnen“, private Think Tanks etc? Wie hängt das mit einem Paradigmenwandel in der wirtschaftswissenschaftlichen universitären Forschung zusammen? Allesamt zentrale Fragen, die sehr übersichtlich und allgemeinverständlich bearbeitet werden. Gleichzeitig wird auch deutlich gemacht, wie eine Zunahme des moralisierenden Jargons (Stichwort: „ethische Verantwortung des Unternehmers“) damit verbunden und gleichzeitig verschleiernd ist: „… Unternehmen, die sich von staatlichen Regulierungen freigespielt haben, beschwören in Sonntagsreden Wirtschaftsethik“ (S. 91).
… oder durch Wissen vom Geld
Welches Wissen vom Geld brauchen wir daher? Eines stellt die Autoren klar: So wie in dominanten Diskursen finanzielles Allgemeinwissen als wichtiger Schritt zum Finanzbürgertum diskutiert wird, kommt es primär Reichen zu Gute. Das Buch bildet hingegen in seiner Klarheit und Differenziertheit eine zentrale Grundlage für ein kritisches Verständnis der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Zusammenhänge rund ums Geld und ums Glück.
Martin Schürz/Beat Weber: Das Wissen vom Geld: Auf dem Weg zum Finanzbürgertum. Wien: Nausner & Nausner Verlag. Wien: Promedia Verlag, 2008. 123 Seiten. 12 . ISBN 978-3-901402-13-5.
Der Autor ist Volkswirt an der FH des bfi Wien.