Fair Trade muss sich entscheiden: Während zu wenig Menschen die
traditionellen Fair Trade Produkte kaufen, versuchen globale Konzerne,
billig am sauberen Fair Trade Image teilzuhaben. Bleibt Fair Trade fair?
Fair Trade Produkte verzeichnen weltweit steigende Absatzzahlen (32% im letzten Jahr), Sensationsergebnisse einzelner Sparten und Länder werden gern berichtet, und seit kurzem haben sogar globale Multis Geschmack am fairen Image gefunden. Diese Nachrichten sollten jedoch nicht über die realen Probleme hinwegtäuschen.
Das Fair Trade (FT) Segment ist eine Nische und ebenso wie andere Nischen (etwa der Anbau von teuren Spezialsorten) kann auch diese nur einen verschwindend kleinen Teil der weltweit tätigen ProduzentInnen aufnehmen. Am Kaffeemarkt etwa konnten FT Kooperativen 2005 durchschnittlich nur 20% ihrer Produkte an FT Abnehmer verkaufen. Mit den restlichen 80% ihrer Ernte sind selbst diese BäuerInnen voll den Weltmarktpreisen ausgeliefert, und diese befinden sich auf einem historischen Tiefststand: In den vergangenen 100 Jahren waren die realen Preise noch nie so niedrig wie heute. Während die Kaffeeproduktion weltweit immer weiter angestiegen ist, sind die Preise seit 1970 jedes Jahr im Schnitt um 3 bis 5% gefallen.
Die Nische ist zu klein
Produktion für den FT Kaffeemarkt wäre für die fast 25 Millionen Haushalte, die in Entwicklungsländern vom Kaffeeanbau leben, ein dringend gebrauchter Hoffnungsschimmer aber der traditionelle FT Absatzmarkt im Westen ist viel zu klein, um auch nur annähernd alle potentiellen AnbieterInnen aufzunehmen. Was im normalen Kaffeemarkt bereits passiert ist, droht prinzipiell auch den Nischen: Anhaltendes Überangebot ohne Marktausweitung hat sinkende Preise zur Folge. Diese Marktlogik stellt alle ProduzentInnen für spezielle Marktsegmente vor ein Dilemma. Je mehr ProduzentInnen Eingang in diese relativ besser bezahlten Exportmärkte finden, desto geringer wird der Preis, den internationale AbnehmerInnen zu zahlen bereit sind.
Fair Trade im Balanceakt
Das stellt die Fair Trade Organisationen (FTOs) vor besondere Schwierigkeiten: Eine Verringerung des FT Angebots widerspricht allen ihren politischen Zielen, da sie eine Ausweitung von humanen Arbeitsbedingungen und Autonomie auf so viele ProduzentInnen wie möglich wünschen. Angemessene also vom Weltmarkt unabhängige Preise sind ein Eckpfeiler der FT Strategie. Und eine Ausweitung der Absatzmärkte scheint ohne die Einbeziehung multinationaler Konzerne und deren Vertriebsketten nicht möglich zu sein.
Die Antworten auf dieses Dilemma fallen unterschiedlich aus: Die FLO (die seit 1997 bestehende internationale Zertifizierungs-Dachorganisation) versucht seit Jahren, das System der garantierten Minimalpreise für die ProduzentInnen zu überarbeiten ein sehr heikler Prozess, der letztendlich zu einer größeren Differenzierung (etwa unterschiedliche Minimalpreise in verschiedenen Kontinenten) geführt hat. Nationale Zertifizierungs-Institute befinden sich in einem wackligen Balanceakt, wenn sie hohe Qualitätsstandards beibehalten und gleichzeitig neue Absatzmärkten für Fair Trade Produkte erschließen wollen. Als TransFair USA etwa Starbucks in den Kreis ihrer Partnerunternehmen aufgenommen hat, sind die Verkaufszahlen von TransFair Kaffee in den USA rasant in die Höhe geschossen 30% des Fair Trade Kaffees in den USA wird heute von Starbucks verkauft. Solche Unternehmen bringen jedoch ihre eigene Agenda mit an den Tisch.
Unterdessen haben eine Reihe von FT Kooperativen auf eigene Faust begonnen, Handelsverträge mit Supermarktketten oder Großabnehmern auszuhandeln, die zwar keine FT Konditionen bieten, aber für ein sozialeres Image Preise über dem Weltmarktschnitt zu zahlen bereit sind oder die Kooperative schlicht vor dem Bankrott bewahren. Etwa mit Carrefour, dem größten Einzelhandelsunternehmen Europas, das für die unterschiedlichen europäischen Märkte eine Reihe unterschiedlicher Handelspartnerschaften mit sozialem Anspruch abgeschlossen hat manche mit und manche ohne FT Label. Der Anteil des FT Handels, der von multinationalen Firmen kontrolliert wird, wächst. Damit wächst jedoch auch die Gefahr, dass diese Unternehmen, die sonst nicht für ihren humanitären Anspruch berühmt sind, ihre steigende Marktmacht dazu benützen könnten, den anderen Beteiligten am FT Markt ihre Bedingungen zu diktieren.
Konzerne: "Fair Trade light" fürs Image
Andere globale Unternehmen steigen erst gar nicht in den zertifizierten FT Handel ein, sondern entwerfen ihre eigenen Zertifikate oftmals, um die bei FT garantierten Mindestpreise für die KonsumentInnen zu umgehen, um sich nur einige der FT Schutzbestimmungen herauspicken zu können, oder schlicht um ihre eigenen Bedingungen diktieren zu können. Die schlechte Situation der ProduzentInnen macht es den AbnehmerInnen leicht, ein an ihre Wünsche angepasstes "Spezialprogramm" zu fahren.
Lesen Sie in Teil II: Der Fall Starbucks
Die Autorin ist Diplomandin am Institut für Regional- und Umweltwirtschaft der Wirtschaftsuniversität Wien.