„Shit happens Kein Klo also wo?“

Am 27.09. 2007 fand
anlässlich der Eröffnung der Ausstellung "Sanitation is Dignity Wo
würden Sie sich verstecken?" in Wien eine Diskussion im Alten AKH
statt.
Das Motto der Diskussion "Shit happens Kein Klo also wo?" lässt schmunzeln, die dahinter stehenden harten Fakten aber schon nicht
mehr: Laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) und dem Kinderhilfswerk
der Vereinten Nationen (UNICEF) müssen weltweit 2,6 Milliarden
Menschen, rund 42% der Weltbevölkerung, ohne sanitäre Einrichtungen
auskommen. Die negativen Auswirkungen auf Hygiene, Trinkwasserqualität
sowie Wohlbefinden und Würde sind enorm. Aber auch in Österreich ist
die Toilettengrundversorgung besonders im öffentlichen Raum oft
mangelhaft. Großveranstaltungen, Stichwort Fussball-EM 2008, stellen
die heimische Infrastruktur immer wieder auf die Probe und decken so
manchen Missstand auf.

Bilder von Kindern, die sauberes Wasser
trinken, lassen sich gut vermarkten. Entsprechende Projekte werden in
der Entwicklungshilfe gerne unterstützt. "Toiletten sind nicht sexy!",
meint Thilo Panzerbieter, Vorstandsvorsitzender und Gründungsmitglied
der German Toilet Organization (GTO) anlässlich der
Ausstellungseröffnung und spricht damit die fehlende Priorität von
Toilettenthemen an. Die Arbeit des Vereins, Initiativen wie das
Internatonal Year of Sanitation 2008 (IYS) der UNO, aber auch die
aktuelle Ausstellung sollen dies ändern. Ziel sei es Aufklärung und
Bewusstseinsbildung, politischen Willen zur Projektumsetzung sowie
Investitionsbereitschaft von potentiellen GeldgeberInnen zu erreichen.

Die
Ausstellung "Sanitation is Dignity" (Toilette bedeutet Würde) vom 25.
bis 30. September 2007 in Wien wurde vom EcoSan Club in Kooperation mit
der GTO veranstaltet. Finanziell ermöglicht wurde die Ausstellung durch
die Österreichische Entwicklungszusammenarbeit, die Universität für
Bodenkultur (BOKU), die Dreikönigsaktion sowie die Hygienefirma CWS.

Der
2002 gegründete EcoSan Club mit "BOKU-Hintergrund" beschäftigt sich mit
der Umsetzung ökologischer Sanitärkonzepte in Entwicklungsländern wie
z.B. Uganda. Die nach Wien geholte Ausstellung soll zur Enttabuisierung
beitragen und mit einem Lächeln auf diese ernste Thematik aufmerksam
machen. Die Wanderausstellung wurde von zwei Designagenturen aus Berlin
gestaltet und war bereits in Singapur, Berlin, Zürich, Lausanne und
Bremen zu sehen. Es handelt sich um lebensgroße Figuren, die sich halb
hinter schützenden Objekten wie Blumenkübeln, Taschen oder Schirmen
verstecken, um ihr "Geschäft" zu verrichten. Die Aufschrift "Where
would you hide?" und die bewusst gewählte künstlerische Form der
Darstellung sollen die BesucherInnen zur Problematik aktiv ansprechen
bzw. zur allgemeinen Diskussion anregen.

Die Diskussionsrunde im
Alten AKH bestand aus in- und ausländischen ExpertInnen aus der
Entwicklungshilfe bzw. "Toiletten-Szene". Den Anfang machte Catherine
Mwango von der Kenya Water for Health Organisation. Sie betont, dass
eine Verbesserung der hygienischen Situation in Entwicklungsländern vor
allem den Frauen und Kindern zugute komme. Sie trügen die Verantwortung
für die Wasserversorgung sowie Hygiene im Haushalt und seien auch für
die Kranken der Familie zuständig. Mit dem Mangel an sanitären
Einrichtungen gingen vor allem Gesundheitsauswirkungen wie die
Verbreitung von "water-related diseases" einher.

Hans
Schattauer von der African Development Bank betrachtet die
Finanzierungsseite von Sanitärprojekten in Entwicklungsländern kritisch
und beklagte, dass Hilfe zur Selbsthilfe nicht gefördert werde. Ohne
kreative Finanzierungskonzepte, könne das ehrgeizige Ziel bis 2015 rund
80% des weltweiten Versorgungsbedarfs zu decken, nicht erreicht werden.
Da reiche auch die im Gegensatz zu Wasserspülungsklos überlegene
Technologie der Trockentoilette nicht.

Marie-France Chevron ist
Soziologin an der Universität Wien. Sie betont die federführende Rolle
der Sozialwissenschaften gerade bei der technischen Projektumsetzung.
IngenieurInnen würden noch zu selten die soziologische Komponente des
Themas betrachten. Die interdisziplinäre Zusammenarbeit von
SoziologInnen und TechnikerInnen könne maßgeblich zum
Problemverständnis beitragen: "Wir haben immer gefragt, wie die
Menschen im Land das Problem eigentlich sehen!" Begriffe wie Sauberkeit
und Hygiene sind stark kulturabhängig und an entsprechende Gewohnheiten
geknüpft.

In Ländern wie Österreich wird eine funktionierende
Abwasserversorgung als Selbstverständlichkeit angesehen. Mängel wie
unzureichende öffentliche Toiletten, hoher (Trink!)Wasserverbrauch von
12.800 Litern pro Person und Jahr und ebenso hohe Entsorgungskosten in
Kläranlagen rufen nach Alternativen. Dazu meint Martin Regelsberger,
Universität für Bodenkultur: "Die Konsumseite ist bei uns gut
entwickelt, aber die Ausscheidungsseite wird tabuisiert". Er sieht die
Verantwortung vor allem bei den Ländern des industrialisierten
"Westens": "Es ist unsere Aufgabe ein generelles Umdenken zu initiieren
und nachhaltige Innovationen im Sanitär- und Abwasserbereich zu
entwickeln!"

Markus Lechner, Gründungsmitglied des EcoSan
Clubs argumentierte: "Gute Sanitation muss umfassend sein; wirtschaftlich
leistbar und substanziell ökologisch. In Österreich ist beispielsweise
auch nur die Schonung der Oberflächengewässer gut gewährleistet". Er
fügt hinzu: "In Afrika wird oft ein (unser) unsinniges System erfolglos
kopiert. Die westlichen Länder leben eine Technologie vor, die nur
schwer alternative Möglichkeiten aufkommen lässt!"

Dan Lapid,
Center for Advanced Philippine Studies (Philippinen) richtete den Fokus
der Diskussion abschließend wieder auf die Problematik in
Entwicklungsländern und sprach von "Empowerment through Sanitation".
Investitionen in funktionierende Sanitär- und Abwassersysteme förderten
nicht nur Hygiene, Gesundheit, Wohlempfinden und Würde, sondern seien
auch eine Grundlage für eine selbstbewusste und leistungsfähige
Gesellschaft.

Der Autor ist Dissertant und
wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Regional- und
Umweltwirtschaft an der Wirtschaftsuniversität Wien

Veröffentlicht in Entwicklungspolitik.