Eine Präsentation des Buches „Der Pharma-Bluff. Wie innovativ die Pillenindustrie wirklich ist“ von Marcia Angell.

Der "Pharma-Bluff" ist eine kompromisslose Abrechnung mit der
Funktionslogik der US-amerikanischen Pharmaindustrie. Spannend und
erbarmungslos wie ein erstklassiger Krimi, jagt einer das Sachbuch umso
kältere Schauer über den Rücken, als dass Bedrohungen für Leib und
Leben nicht nur fiktiver Plot, sondern brutale Wirklichkeit sind.
Der Pathologin und ehemaligen Chefredakteurin des New England Journal of Medicine, Marcia Angell, ist am Beispiel der USA eine beklemmende Bestandsaufnahme über die tatsächliche Innovationskraft der Pharmaindustrie gelungen. Ohne der Pharmabranche die Existenzberechtigung entziehen zu wollen, bahnt sie mit ihrer unbeirrten Kritik einen Weg durch den Dschungel der finanzkräftigsten US-amerikanischen Industriebranche.
Müssen Medikamente so teuer sein?
Am Anfang dieses Weges steht die Feststellung, dass die Medikamentenpreise in den USA im Vergleich zu anderen Ländern gigantisch hoch seien. Der Durchschnittspreis pro Medikament liege bei 1.500 US-Dollar im Jahr. Und das obwohl die zehn erfolgreichsten Pharmaunternehmen zusammen einen größeren Gewinn schrieben als die anderen 490 größten börsennotierten amerikanischen Unternehmen. Die staatlichen und privaten Krankenversicherungen könnten zwar einen Teil dieser Belastungen abfangen, dennoch könnten es sich viele US-BürgerInnen nicht leisten, ihre Rezepte einzulösen. Besonders prekär ist die Lage für die 45 Millionen unversicherten US-AmerikanerInnen, die die Preise in voller Höhe tragen müssen.
Wieso aber sind die Medikamentenpreise so hoch? Stimmt die Behauptung der Pharmaindustrie, dass erst mit dem Umsatz aus dem Medikamentenverkauf Forschung und Entwicklung im Gesundheitsbereich gewährleisten werden kann? Marcia Angell meint zu diesem Argument, dass es abgesehen vom strategischen Gehalt nicht viel Wahres an sich habe, denn der Löwenanteil der Forschung werde von staatlichen Forschungszentren, wie etwa den National Institutes of Health (NIH) und Universitätskliniken finanziert. Von ihnen kaufen die Pharmafirmen die Lizenzen an innovativen Wirkstoffen. Häufig beteiligen sich Pharmaunternehmen an der Forschung erst in einem sehr fortgeschrittenen Stadium, etwa zum Zeitpunkt vorklinischer oder klinischer Untersuchungen. Darauf aufbauend formuliert Marcia Angell ihre zentrale These: Die Pharmakonzerne könnten die Medikamentenpreise drastisch senken, ohne die Forschung und Entwicklung zu gefährden.
Warum die Medikamentenpreise tatsächlich so hoch sind
Eine große Mehrheit der auf den Markt kommenden Medikamente sind keine Neuheiten, sondern lediglich Nachahmerpräparate. Zwischen 1998 und 2002 wiesen nur 14% aller zugelassenen Medikamente einen neuen, gegenüber bisherigen Medikamenten besseren Wirkstoff auf Tendenz abnehmend. Trotzdem geben Pharmaunternehmen im Schnitt zweieinhalb Mal so viel Geld für Marketing und Verwaltung (ca. 30%) aus als für Forschung und Entwicklung (ca. 11%). Die Kosten für Marketing sind nicht zuletzt deshalb so hoch, weil die Pharmabranche die Ärzteschaft umgarnt, auf die sie beim Vertrieb ihrer Medikamente angewiesen ist. Pharmareferenten verteilen an MedizinerInnen kostenlose Werbepräparate und locken sie mit unentgeltlichen "Weiterbildungsangeboten", bei denen sie ihre Produkte anpreisen.
Marcia Angell deckt nicht nur das rhetorisch gezeichnete Selbstbild von der innovativen Pharmabranche auf, sondern kritisiert auch die Strategie der Unternehmen, sich möglichst lange Patentlaufzeiten für verschreibungspflichtige Medikamente zu sichern. So wenden die Unternehmen ein Versickern der Einnahmequelle durch auslaufende Patente oft durch die Anmeldung neuer Patente für Nachahmerpräparate ab. Bereits die Änderung der Pillenfarbe könne zu einer Verlängerung der Patentlaufzeit führen. Das Durchsetzen von Monopolrechten würde den Pharmafirmen schließlich durch das Entlohnungssystem der US-amerikanischen Patentbehörde erleichtert. BeamtInnen werden dort nach der Menge der bearbeiteten Anträge bezahlt. Da die Begründung für die Ablehnung eines Patents mehr Zeit in Anspruch nimmt als eine Bewilligung, würden Patente oft übereilt ausgestellt. Darunter leidet in erster Linie die Qualität der medizinischen Versorgung.
Diese Qualität sei auch durch die mangelnde Objektivität der Food and Drug Administration (FDA) gefährdet. Die FDA, welche über die Marktzulassung von Medikamenten entscheidet, richte ihre Forschungsergebnisse nicht selten nach den Interessen der Großkonzerne aus. Besonders in Mitleidenschaft gezogen werde die Glaubwürdigkeit des FDA-Prüfverfahrens dadurch, dass die Wirksamkeit von Arzneien im Vergleich zu Plazebos (Zuckerpillen) und nicht im Vergleich zu bereits etablierten Mitteln getestet werde.
Prädikat: Wertvoll
Marcia Angells Kritik am Profitstreben der Pharmaindustrie ist umfassend und detailliert, hat jedoch den Beigeschmack eines polemischen Untertons, der im deutschen Buchtitel ungleich deutlicher zutage tritt als im englischen Original "The Truth About the Drug Companies". Der unverblümte Stil der Autorin tut jedoch der Sachlichkeit der Argumente keinen Abbruch. Sie argumentiert mit unbarmherzigen Zahlen, entlarvt mit aussagekräftigen Zitaten und belegt mit zahlreichen Medikamentenbeispielen, wie die Pharmaindustrie erfolgreich überteuerte Medikamente vertreibt. Gleichzeitig räumt Marcia Angell ein, dass sie aufgrund einer ungenügenden statistischen Datenlage teilweise auf Zahlen zurückgreift, die einen nur ungefähren Eindruck der Realität vermitteln können. Diese Ehrlichkeit sollte zwar Voraussetzung jeder wissenschaftlicher Arbeit sein, ist jedoch bei kontroversellen Thematiken keine Selbstverständlichkeit. Erfreulich ist auch die Lösungsorientiertheit der Autorin, die mit konkreten Reformvorschlägen aufhorchen lässt.
Für die Zukunft bleibt zu hoffen, dass ein unabhängiges Instituts zur Überwachung klinischer Studien geschaffen wird und die Patentlaufzeit zugunsten eines bessern Marktzugangs für Generika verkürzt wird.
Marcia Angell: Der Pharma-Bluff. Wie innovativ die Pillenindustrie wirklich ist. Bonn/Bad Homburg: KomPart Verlagsgesellschaft, 2005. 288 Seiten. 24,80 . ISBN: 3-9806621-9-5.