Fußball als Spiegel (neo)liberaler Entwicklungen? ATTAC Wien lud am 6. Juli 2006 anlässlich der Weltmeisterschaft der Herren zu Filmabend und Podiumsdiskussion rund um die politische Ökonomie des Fußballsports in den Europasaal des Lateinamerika-Instituts.
"Their dreams become nightmares of human trafficking"
Kickende Jugendliche aus Ghana in einem illegalisierten Migrantendasein in Belgien: Seit Jahren werben
europäische Fußball-Clubs afrikanische Nachwuchstalente an, die im Sport eine der wenigen Hoffnungen sehen, nach Europa zu kommen.
Der Dokumentarfilm "Sold Out. From Street to Stadium" (Österreich 2002, Regie: John Buche) gibt
Einblicke in Bereiche des Fußballgeschäfts, die in den Medien oft unterschlagen
werden. Es wird aufgezeigt, dass dieser "football drain" von Afrika
nach Europa bereits eine umfangreiche Infrastruktur herausgebildet hat: Anhand
der Lebensgeschichten einzelner Jugendlicher wird dargestellt, wie in sog. "Fußballakademien"
in Ghana, Kamerun oder Nigeria junge Talente für die europäische
Fußballökonomie angeworben werden. Europäische Clubs seien entweder
MehrheitseigentümerInnen der bekanntesten Fußballschulen oder stünden in
Kooperation mit ihnen. In weiterer Folge erfülle sich jedoch nur für die
wenigsten der angeworbenen Jugendlichen ihre erträumte Fußballerkarriere; die meisten fänden sich in unsicheren Arbeitsverhältnissen wieder. Besonders prekär
sei die Situation für Minderjährige, die keine Möglichkeit haben, Arbeitsverträge
bei den Vereinen zu unterschreiben, die sie rechtlich absichern würden: Sie
seien gezwungen, sich als "U-Boote" durchzuschlagen.
Martin Blumenau, Journalist bei FM4, moderierte die anschließende Podiumsdiskussion; es diskutierten der Historiker Gerald Hödl
(Universität Wien), Alexandra Strickner (Ökonomin, ATTAC Österreich) sowie die Sportpädagogin Rosa Diketmüller (Universität Wien).
Transnationalisierung des Fußballgeschäfts
Während sich Fußball über lange Zeit im nationalen Rahmen abgespielt habe und "Ausländerregelungen"
der verschiedenen europäischen Ligen den Anteil der ausländischen Spieler
beschränkten, sei – so Gerald Hödl heute ein wesentlicher Bruch zu bemerken:
Spätestens seit den 1990er Jahren sei der europäische Clubfußball fest in
globale Netzwerke eingebettet. Deren Strukturen spiegelten weltwirtschaftliche
Machtverhältnisse wider, in denen europäische Großclubs als "Global
Players" das Fußballgeschäft dominierten.
Neben der interkontinentalen Fußballer-Migration stellten die globalisierten Märkte für den Verkauf von
Fernsehrechten und Merchandising-Produkten eine zweite transnationale Achse im
Fußballgeschäft dar. Große europäische Clubs profitierten von diesen
Entwicklungen überproportional: Im Gegensatz zu kleineren werden ihre
Fanartikel in der ganzen Welt gekauft, was eine erhebliche Einnahmequelle
darstelle.
Zurückweisung der Verantwortung
Alexandra Strickner versuchte in ihrem Input
einen Bogen zu anderen Bereichen zu spannen, die einer ähnlichen Umgestaltung
der Produktionsstrukturen unterlägen. Gerade Deregulierung der Arbeitsmärkte,
Transnationalisierung und ökonomische Konzentrationstendenzen zeigten
Parallelen zu allgemeinen sozioökonomischen Tendenzen.
Eine weitere Ähnlichkeit zu vielen anderen
wirtschaftlichen Bereichen sieht Strickner in der Zurückweisung von
Verantwortung: Sowohl FIFA-Präsident Joseph Blatter als auch die jeweiligen "ZwischenhändlerInnen",
durch die junge Talente nach Europa gebracht werden, "bedauerten" die
schwierige Situation dieser Personen, in der sie sich in den Empfangsländern
wieder finden, verantwortlich für die Misere sehe sich jedoch niemand.
"Männlichkeitsritual Fußballsport"
Im Anschluss widmete sich Rosa Diketmüller in ihrem Impulsreferat Kernproblemen des Frauenfußballs. Die "Kategorie
Geschlecht" habe bedeutenden Einfluss auf das Ausmaß des Aufgreifens von Sportereignissen in den Medien: Während sich dieser Tage selbst Desinteressierte dem Fußballwahn kaum entziehen könnten, sei die letzte Weltmeisterschaft der Frauen (USA 2003) kaum medial präsent gewesen. Die fehlende Medienpräsenz bewirke Zurückhaltung auf Seiten der SponsorInnen. Auch in Verträgen mit Verbänden lägen zwischen den Prämien noch Welten: Die geringeren finanziellen Leistungen für Teilnahme an Spielen bzw. Siege von Frauen zeigten, dass im Fußball nicht die sportliche Leistung zähle, sondern ihr massenmediales
Verwertungspotenzial. In Norwegen etwa bekäme das Nationalteam der Frauen für einen Sieg im WM-Finale weniger ausbezahlt als die Herren im Falle eines Versagens im Viertelfinale. Das "Männlichkeitsritual Fußballsport" reproduziere so in besonderer Weise Geschlechterhierarchien.
Doch konstatiert Diketmüller in den letzten Jahren einen gewissen Aufwind im Frauenfußball: Mädchen und Frauen übten immer
mehr Druck auf Vereine aus, Platz und Geld auch für weibliche Teams zur Verfügung zu stellen.
Ende des Nationalismus im Fußball?
Die anschließende Diskussion kreiste um die Frage, inwieweit die dargestellten Transnationalisierungstendenzen den
Nationalismus, der traditionell mit Fußball in Zusammenhang gebracht wird, zurückdrängen könnten. Zweifellos seien nationalistische Grundtendenzen bei Welt- oder Europameisterschaften unter den Fans nach wie vor von Bedeutung. Die
Frage, wie sich die latenten Konflikte zwischen dem national organisierten Verbandswesen und den global agierenden, international zusammengesetzten Clubs in Zukunft entwickeln werden, müsse zum gegenwärtigen Zeitpunkt offen bleiben.