Mit Evo und Hugo für eine andere Welt

Der Alternativengipfel 2006 ist Geschichte. Bewertungen variieren im
Detail, das Signal war unmissverständlich: Eine andere Welt ist
notwendig. Sofort. Atmosphärische Schlaglichter von drei Tagen
internationaler Regimekritik.
Die Offenheit des Alternativengipfels im Vergleich zum offiziellen EU-Lateinamerika- und Karibikgipfel (EU-LAC) zeitigte unmittelbare Konsequenzen. Er bot JournalistInnen, die vom offiziellen EU-Verlautbarungssprech gelangweilt waren, eine Alternative. Die Dissidenten der "westlichen Wertegemeinschaft", die Präsidenten Evo Morales (Bolivien) und Hugo Chávez (Venezuela), kehrten dem offiziellen EU-LAC-Gipfel zwischenzeitlich den Rücken und demonstrierten mit den TeilnehmerInnen des Alternativengipfels für eine andere Welt. Das Signal war deutlich, die JournalistInnen berichteten und machten den Gipfel zum Medienereignis.

Organisation Programm Ziele

Enlazando Alternavitas 2 wurde von einem biregionalen Netzwerk organisiert, das von über 200 Organisationen unterstützt wird. Zu den österreichischen TrägerInnen gehörtenzahlreiche Organisationen von Attac über die Dreikönigsaktion bis zu Südwind. Die eineinhalbjährige Vorbereitung, die eine Einigung von sehr heterogenen Gruppen aus Europa und Lateinamerika erforderlich machte, war erfolgreich, aber auch prägend. Das Programm war, trotz einer massiven Reduzierung kurz vor dem Beginn, noch immer riesig und vielfältig, ein Umstand, der den Gipfel ein wenig "auseinanderdriften" ließ. Der für ein Event dieses Ausmaßes reibungslose organisatorische Ablauf wurde von einer fast unüberschaubaren Anzahl an freiwilligen HelferInnen sichergestellt. Allein für die Übersetzungen sind mehr als 50 ehrenamtliche DolmetscherInnen des Netzwerks Babels aus ganz Europa angereist. Das Eröffnungspodium im Wiener Kongresshaus umriss am Mittwoch, den 10. Mai 2006, die Ziele: der Alternativengipfel sei als Plattform Ausdruck von Widerstand, Ort des Austausches und der Vernetzung sowie Teil eines neuen Prozesses gegen Ungerechtigkeit und Unterdrückung. Ein wesentlicher Teil des Programms war die erste Etappe des Tribunals der Völker gegen die transnationalen Konzerne Europas und gegen ihr Herrschaftssystem in Lateinamerika und der Karibik.

alternativas_tribunalW135.jpg

alternativas_interpretersW135.jpg

alternativas_parlamentW135.jpg

Tribunal, DolmetscherInnen und Demonstration vor dem österreichischen Parlament. (Fotos: EA2)

Messe der Ideen: Wiener Stadthalle

Es herrschte geschäftiges Treiben in der Wiener Stadthalle, auch wenn sich der Ansturm in Grenzen hielt. Um mehrere Foren/Diskussionen parallel anbieten zu können, war die Halle zweigeteilt, dazwischen bildeten Trennwände Boxen für Workshops. Raumaufteilung und Lärmpegel prägten das Bild einer Messe alternativer Ideen. Saal 2, Freitag 11:30: Möglichkeiten einer solidarischer Zusammenarbeit zwischen Europa und Lateinamerika im Bereich alternative Energien. Einheitlich wird der Energieimperialismus transnationaler Konzerne verurteilt.

Gewöhnungsbedürftig waren die kleinen Boxen, euphemistisch ebenso Säle genannt. Freitag 11:00, Saal 3: Die ReferentInnen des vom Mattersburger Kreis und dem Institut für Politökonomische Forschung veranstalteten Workshops Metamorphosen der regionalen Integration in Nord und Süd kämpfen gegen Klatschen und revolutionäre Gesänge aus den Nebenboxen an. Trotz dieser Schwierigkeiten entspinnt sich am Ende der Inputs eine rege Diskussion, die schließlich aus Zeitgründen vom Workshopleiter abgebrochen werden muss. Wieder im großen "Saal 1" um 16:30: Die Cocabäuerin und Abgeordnete des bolivianischen Parlaments, Leonlida Zurita, wendet sich gegen die Verteufelung des Rohstoffes Coca, einer Pflanze, die in der Andenregion vielen Menschen als Lebensgrundlage diene. Die Verarbeitung zu Kokain sei ohne tatkräftige Unterstützung des Auslandes gar nicht möglich. Ein kräftiger Aufruf, den Hebel bei der Verarbeitung, nicht aber bei der Aufzucht der Pflanze anzusetzen.

In den mehr als 70 selbstverwalteten Seminaren und zahlreichen Nebenveranstaltungen während des Gipfels, kam die Vielfalt der Themen zum Ausdruck. Dies einte letztendlich auch die vielen TeilnehmerInnen von beiden Seiten des Atlantiks. Den OrganisatorInnen gelang dabei trotz beschränkter finanzieller und personeller Ressourcen eine überaus erfolgreiche Veranstaltung..

Konkrete und praktische Alternativen

Im Programm fanden sich dann auch sehr konkrete und praktische Alternativen, die zeigten, wie diese andere Welt aussehen kann. Der brasilianische Straßenkünstler Galo de Souza sprach über kulturpolitische Strategien zum Aufbau eines Netzwerks für solidarischen Widerstand. Er berichtete sehr anschaulich von den Versuchen politische Bewusstseinsbildung mit dem Aufbau einer kollektiven Identität auf Gemeindeebene zu verbinden. Die unterschiedlichen Initiativen innerhalb des Netzwerks integrieren diesen explizit politischen Anspruch (von Graffiti über Musik bis Kunsthandwerk). Das Netzwerk, das sich anfangs auf periphere Stadtviertel von Recife beschränkte, umfasse mittlerweile mehrere Gemeinden in den küstennahen Regionen Pernambucos.

Ein Workshop zu Methodologie der betrieblichen Selbstverwaltung brachte interessante Eindrücke aus Argentinien und Frankreich. Für das Schaffen einer konkreten politischen Alternative, so die Vortragenden, könne betriebliche Selbstverwaltung ein sehr wirksames Instrument sein.

Uh ah, Chávez no se va!?

Der Freitagabend war für viele der Höhepunkt. Rund 4000 Menschen drängten sich in die Wiener Arena um vor allem Hugo Chávez zuzuhören. Viele andere mussten vor verschlossenen Türen kehrt machen. Unter dem Licht des Vollmonds standen die Worte der RednerInnen im Zeichen der Notwendigkeit eines globalen Kampfes gegen Imperialismus und Kapitalismus. Internationale Solidarität sei dafür eine der wichtigsten Bedingungen. Speziell Chávez wies auf die Notwendigkeit hin, sich weiterzubilden und kritische Reflexionen zur aktuellen politischen Lage zu lesen. Während er die Jugendlichen der Welt als revolutionäres Subjekt hervorhob, streute er in seinen Worten immer wieder kleine Anekdoten ein. Die meisten der PilgerInnen harrten derart umschmeichelt auch bis zum Ende der Reden aus.

arena3W135.jpg

arenarf1W135.jpg

arena2W135.jpg

PilgerInnen, Fahnen und schließlich trat er auf, der venezolanische Präsident. (Fotos: Michael Botka)
Trotzdem war Chávez‘ Rede nicht jedermanns und -fraus Sache. Nach 30 Minuten begannen die ersten abzuwandern. Banalität, Selbstbeweihräucherung und Widerstandsrhetorik gehören zu den Kritikpunkten. Der Rückgriff auf Zitate von Nietzsche, Sartre und anderen erschien ihnen skurril und nicht enden wollend. Auch wenn es taktische Gründe waren, weshalb Chávez die USA mit Kritik überhäufte und die EU aussparte, bei manchen, die sich kritisch mit dem EU-LAC-Gipfel auseinander setzten, stieß dies auf kein Verständnis.

Es wird heller, doch nicht ganz: ein österreichisches Resümee

Für österreichische Verhältnisse ungewohnt war die Präsenz zahlreicher regimekritischer Gruppen (auch österreichischer) in den Medien. KommunistInnen und ChristInnen unterstützten einen Gipfel für eine andere Welt. Selbst Kanzler Wolfgang Schüssel lobte den Alternativengipfel. Während jedoch die Ankündigung des bolivianischen Präsidenten Morales, die Gasindustrien Boliviens zu vergesellschaften, am Alternativengipfel als richtig und positiv aufgenommen wurde, scheint die gegensätzlichen Tendenz in Österreich in der Euphorie untergegangen zu sein: Die OMV kündigte an, den österreichischen Energiekonzern Verbund übernehmen zu wollen. Da sich der Verbund zu 51 Prozent im Eigentum der Republik Österreich befindet, würde dieser Schritt eine Privatisierung gesellschaftlichen Eigentums bedeuten. Dazu müsste jedoch ein Verfassungsgesetz aus dem Jahre 1947 geändert werden, wofür die Zustimmung beider großen im Nationalrat vertretenen Parteien erforderlich wäre.

Mitarbeit: Markus Auinger, Martin Bors, Daniela Hermetinger, Pia Lichtblau, Hannes Schenk und Rudy Weißenbacher

Veröffentlicht in Entwicklungspolitik.