Eine Buchpräsentation mit Diskussion und Film rund um das Recht auf
Nahrung. Begierig aufgenommen von rund 50 Interessierten im Weltcafé am Donnerstag, dem 19.1. 2006.Der Mattersburger Kreis und FIAN (Foodfirst Information and Action Network) luden zu einer Präsentation und Diskussion unter dem Titel "Recht auf Nahrung – Alternativen zum weltweiten Freihandel mit Agrarprodukten".
Moderiert von Lisa Sterzinger (Entwicklungssoziologin, Projekt- und Bildungsreferentin FIAN) vermittelten die an der gleichnamigen Ausgabe (3-2005) des Journals für Entwicklungspolitik (JEP) beteiligten ReferentInnen Ralf Leonhard (Obmann FIAN) und Ulla Ebner (Autorin und Filmemacherin) sowie Gertrude Klaffenböck (Sektionskoordinatorin FIAN) einen Einblick in die Problematik der und die Kontroverse um die Nahrungssicherung.
Einleitend präsentierte Ralf Leonhard einen Überblick über das JEP, zog Bilanz über Entwicklungen in der Nahrungsfrage und stellte die Organisation FIAN und ihre Tätigkeitsbereiche vor. Als weltweites Netzwerk organisiert, informiert FIAN Betroffene über ihre Rechte, bringt Unrechtsituationen an die Öffentlichkeit und setzt vielfach wirksame Aktionen zur Verhinderung von Vertreibungen bzw. zur Ermöglichung der Verteilung von Land.
Gertrude Klaffenböck schloss mit einem Überblick über die in der fortgeschrittenen Globalisierung immer wichtiger gewordenen internationalen Verpflichtungen in Bezug auf das Recht auf Nahrung und deren reale Vernachlässigung an.
Nahrungssicherung – eine Verpflichtung
Laut Klaffenböck manifestierten sich die innerstaatlichen Verpflichtungen hinsichtlich des Rechts auf Nahrung in einer "Pflichten-Triade", nämlich Menschenrechte zu respektieren, zu schützen und zu gewährleisten. Dies bedeute, dass Staaten nichts unternehmen dürften, was Menschen von der Nahrungsbeschaffung abhielte. Sie müssten Menschen vor Übergriffen Dritter beschützen, wenn sie im Zugang zu Nahrung beschnitten werden. Schließlich müssten sie menschenrechtliche Standards einhalten und sukzessive verbessern (Stichwort Gewährleistung von Mindestlöhnen).
In sogenannten Entwicklungsländern werde das Recht auf Nahrung auf allen drei Ebenen oft und schwerwiegend verletzt. Hinzu kämen die sich mehrenden Konflikte mit Interessen transnationaler AkteurInnen, oftmals gefördert durch WTO-Abkommen oder Projekte über die Weltbank. Auf dieser Ebene des wirtschaftlichen Eindringens von außen hätten Staaten – im Prinzip nun auch extraterritoriale Verpflichtungen, die sie dazu anhielten, bei Verletzung der menschenrechtlichen Normen durch "ihre" StaatsbürgerInnen, diese auch zur Verantwortung zu ziehen. Klaffenböcks appellierte an die österreichische Entwicklungszusammenarbeit, sich in der Nahrungssicherung neu, und zwar an der Frage der internationalen Verpflichtungen zu orientieren, wobei "FIAN () durchaus auch Unterstützung aus allen Teilen der Zivilgesellschaft brauchen kann".
Nahrungssicherung Der öffentliche Diskurs und die Realität
"Sobald von Ernährungssicherung die Rede ist, klaffen der Diskurs, wie er von politischen Entscheidungsträgern betrieben wird, von Wissenschaftern und insbesondere von Konzernvertretern, und die Realität sehr stark auseinander" – Ulla Ebner wies gleich zu Beginn ihres Beitrags auf die hegemoniale Struktur zur Kontrolle von Information hin und machte auf eklatante Widersprüche aufmerksam:
"Das heißt, im echten Leben haben wir auf der Welt mehr als genug Nahrungsmittel um die Weltbevölkerung ernähren zu können.
Im echten Leben haben wir zum Beispiel in Indien volle Getreidespeicher, die verrotten, wo indische Bauern dazu angehalten werden weniger Reis zu produzieren, weil man keine Kapazitäten hat, das ganze zu lagern, und hat in der selben Provinz Hungernde.
Es ist immer die Rede davon "wir haben zu wenig, wir müssen mehr produzieren" und deshalb ist immer, wenn von Ernährungssicherheit die Rede ist, gleichzeitig von Produktionssteigerung die Rede und man hat oft den Eindruck als wäre das der einzig zulässige Weg. Und das ist nicht erst seit jetzt so, das ist seit einiger Zeit, seit der Grünen Revolution (1) so, dass die Bandbreite an möglichen Lösungsstrategien von vornherein eingegrenzt wird."
Ebner scheute sich in ihrer Analyse der Zusammenhänge und Abhängigkeitsverhältnisse nicht, "ungemütliche" Fragestellungen aufzuwerfen und Involvierte beim Namen zu nennen. (2) Die Situation der betroffenen Bauern und Bäuerinnen selbst fing sie in ihrem Film "Reis – Das goldene Korn" in der philippinischen Region Cotabato ein. In drei Kapiteln werden die Abhängigkeitsspirale eines Chemiebauern, das neueste Gentechnikprojekt des Internationalen Reisforschungsinstituts (IRI), und ein Fallbeispiel eines Biobauern geschildert.
Nahrungssicherung der humane Weg
"Und ich halte mittlerweile biologische Landwirtschaft für das Subversivste überhaupt, weil es die einzige Möglichkeit ist, sich wirklich dem Einflussgebiet der Konzerne nachhaltig zu entziehen", argumentierte Ebner. In ihrem Film war jedoch die beispielhafte Person eines Biobauern eher spirituell als politisch motiviert. Dennoch beharrte Ebner, die stark anwachsende biologische Landwirtschaft gehe in vielen Fällen mit politischer Bewusstseinsarbeit einher.
Die im Anschluss an den Film geführte Diskussion nahm die Frage der Möglichkeiten, Grenzen und Rahmenbedingungen für eine Durchsetzung biologischer Landwirtschaft – weltweit und flächendeckend – ins Visier. Zweifel wurden diesbezüglich mit dem Verweis auf die im "Norden" zu hohen Kosten der arbeitsintensiven Produktion und auf bereits etablierte Wettbewerbszwänge in der Vermarktungsstruktur vorgebracht. Die Kritik an den Verhältnissen wurde mit folgenden Fragen formuliert: Gibt es Chancengleichheit im Wettbewerb? Kann man den Einsatz von Chemikalien als effizient betrachten, wenn er nachhaltig schadet? Wem nützt technischer Fortschritt, wenn er für viele einen Rückschritt in der realen Lebenssituation bedeutet.
1 Siehe https://de.wikipedia.org/wiki/Gr%C3%BCne_Revolution
2 Nachzulesen in JEP No. 3-2005
https://www.fian.at
https://www.mattersburgerkreis.at
Der Autor ist Student an der Romanistik Wien