Dörfliche Projektökonomie

Im Rahmen eines Zivilersatzdienstes verbrachte Philip Taucher 14 Monate in Nicaragua. Er beteiligte sich am Aufbau eines Projekts zur
Unterstützung einer dörflichen Jugendbewegung.

Montag 2. Februar 2004, La Ceiba. Die Vorschulkinder blinzeln durch die Rost-Löcher der Gedenktafeln vergangener Entwicklungsprojekte, die nun als Zaunvertäfelung für den Schulpark verwendet werden, auf den Schulhof: Auf einer mit rot-weiss-roten Laken abgedeckten Ladefläche eines LKW-Anhängers bauen sich verschiedene Personen auf, um die 400 anwesenden SchülerInnen des "Instituto La Ceiba" an ihrem ersten Schultag mit ihren Reden zur Eröffnung eines Projektes zu quälen.

Die vorderen Reihen besetzt der US-amerikanische Multimillionär Dal P., seines Zeichen lebender Schutzpatron der Gemeinde, mit seinem 15-köpfigen Gefolge. Diese Gruppe hatte zwar nichts mit dem vorgestellten Projekt zu tun, führte aber gerade die halbjährliche Visite in "ihrem Entwicklungsdorf" durch. Ein Segen des Multimillionärs hebt die Erfolgswahrscheinlichkeit eines Projekts beträchtlich. Dahinter drängen sich einige der Dorfautoritäten in "Projektuniformen" (weißes T-Shirt mit der Aufschrift "Proyecto de…"). Den Rest des Publikums bilden die in blau-weisser Schuluniform gekleideten 400 SchülerInnen der Dorfschule.

In den Pausen zwischen den Reden preist der Stadionsprecher (es gibt zwar im Dorf nichts, das nur annähernd Stadion genannt werden könnte, aber man gab dem Mann mit der stärksten Stimme diesen Namen, in der Hoffnung, dass sich jemand fände, der ihm ein Stadion baut) mit voller Stimme die dreiköpfige Band an, die bei keiner Projekteröffnung im Dorf fehlen darf. Diese kann schon auf ein Repertoir zurückgreifen, das spezifische Songs zu jeder Art von Projekten, von Brunnenbau bis Schulfrühstück, beinhaltet. In fantasievollen Improvisationen, schaffen sie es, ihre Songs für den jeweiligen Projektfinanzier anzupassen.

Als Abschluss der Veranstaltung tritt die US-amerikanische Delegation auf die Bühne, um in einer eindrucksvollen halbstündigen Zeremonie (der Bruder des millionenschweren US-"Dorfheiligen" ist Oberhaupt einer christlichen Vereinigung) das Projekt zu segnen.

Projektalltag

In La Ceiba, einer ländlichen Gemeinde in der nordwestlichen Pazifikebene Nicaraguas, ist ein solches Szenario schon fast Alltag. Projekte kommen und gehen, genauso wie deren Finanziers, ob Multimillionäre aus den USA, Entwicklungsorganisationen aus Europa, oder Solidaritätsgruppen aus der ganzen Welt. Nicht nur die Überlebensstrategien der Menschen sind auf eine "Entwicklungs-Projekt-Kultur" ausgerichtet, die Gewohnheiten der BewohnerInnen haben sich in 25 Jahren Entwicklungszusammenarbeit sehr stark "entwickelt". Für jede Siedlung, die mehr als zwei Häuser umfasst, gibt es eineN lokaleN ProjektkoordinatorIn, im Dorf hat neben dem Pfarrer vor allem das "pastorale Entwicklungskommitee" Entscheidungsbefugnisse in der Hand.

JedeR ist ProjektkoordinatorIn

Schon der Stuhlgang wird von manchen DorfbewohnerInnen ironisch als "microproyecto" bezeichnet. Wer in der Dorfgemeinschaft etwas auf sich hält, sollte im Koordinationsgremium eines Entwicklungsprojektes sein. Somit werden diese Projekte auch als Kapital in lokalen Machtkämpfen eingesetzt, und meist gewinnen dabei diejenigen, die bessere Finanziers im Rücken haben. Diese lokalen Machtverhältnisse werden in den Entwicklungsprojekten meist nicht thematisiert. Man ist auch gut beraten dies nicht zu tun, denn wer dieses Spiel mitspielt hat Chancen "sein" oder "ihr" Projekt erfolgreich abzuschliessen, wer die Regeln bricht, eben nicht. Vorallem die Stimmen von schwächeren Gruppen wie Jugendliche und Frauen werden dadurch oft überhört.

Gegen diesen Missstand starteten Jugendliche aus den Gemeinden La Ceiba und Chacraseca, unterstützt durch private Spendengeldern aus Österreich, eine lokale Initiative. Das Ziel: den Jugendlichen eine stärkere Stimme und eine aktivere Rolle in der Gestaltung des Gemeinschaftslebens in der Gemeinde zu verleihen. Es sollte eine Art Jugendbewegung entstehen und Wahlen für eine Jugendvertretung abgehalten werden. Sehr bald wurde aber den Jugendlichen klar, dass sie dazu zu wenig organisiert waren. Eine Ausbildung sollte Abhilfe schaffen. Im Rahmen eines Wochenendkurses wurden von Februar bis Dezember 2004 40 Jugendliche von 4 AusbildnerInnen einer lokalen Entwicklungsorganisation im Aufbau einer Jugendorganisation und in der Planung von Initiativen und Projekten geschult. Die Jugendlichen organisierten dörfliche Sportwettkämpfe, renovierten den Basketballplatz, hielten Tanz- und Malkurse ab, wählten eine erste Jugendvertretung im Dorf und besuchten zahlreiche Jugendinitiativen ausserhalb des Dorfes.

Projektende: ein Anfang?

Die Aktivitäten der Jugendgruppe wurden jedoch Ende September eingestellt. Die Ausbildung wurde zwar fortgesetzt, die eigentliche Bewegung geriet aber ins Stocken: Die aktive Teilnahme der Jugendlichen war von den Dorf-Autoritäten nicht mehr erwünscht. Zudem hatten sie auch mit internen Schwierigkeiten zu kämpfen. Es kam zu Unregelmässigkeiten in der Abrechnung der Finanzmittel. Der Projektkoordinator war in einen gemeindeinternen Machtkampf verstrickt.

Mit der Auflösung der Projektstruktur und der entsprechenden Verantwortungs- und Machtverteilungen durch das Ende des Projektes, entspannte sich die Situation wieder. Die Jugendlichen distanzierten sich vom bisherigen Koordinator und formierten eine eigene Vertretung. Dadurch gelang es ihnen, auch in der Gemeinde wieder grössere Akzeptanz und Handlungsspielräume zu gewinnen. Abseits der Projektkultur.

Der Autor war Zivildiener in Nicaragua, Praktikant am Paulo Freire Zentrum und Co-Initiator der beschriebenen Initiative. Er studiert Soziologie an der Universität Wien.

Veröffentlicht in Entwicklungspolitik.