Workshop 15: Als NGO zur Transformation beitragen?

Im Workshop 15 der Entwicklungstagung 2017 diskutierten Cornelia Barger (Aktion Familienfasttag) und Daniela Klocker (Aussätzigen Hilfswerk Österreich) die Rolle von NGOs in einer sozial-ökologischen Transformation. Sowohl verschiedene Formen von Projektarbeit als auch Kritik an der Arbeitsweise von NGOs wurden besprochen.

Visionen: eine Stadt ohne Autos.

Als Einstieg versuchten sich die TeilnehmerInnen vorzustellen, wie die Welt in einer großen Transformation aussähe. „Transformation ist, wenn… alle in der Wiener U-Bahn morgens glücklich lächeln. Und ich lächle auch“, begann Daniela Klocker. „Außerdem gibt es auf Wiens Straßen keine Autos mehr, sondern nur noch Fahrräder“, so eine Teilnehmerin. „Wenn wir uns in die Augen schauen können und uns auf einer menschlichen Ebene begegnen können“, schlug eine weitere Teilnehmerin vor. „Für mich ist es der Tag, an dem Konzerne für deren Auswirkungen auf Menschen im Globalen Süden Konsequenzen tragen müssen.“ oder „Alle Menschen auf der ganzen Welt haben genug zu essen.“ waren andere Ideen.

Wurzeln von Krisen und Transformation.

Die aktuelle Situation analysierte Cornelia Barger anhand eines Baumes als Sinnbild: Die „Wurzeln“ unserer Gesellschaft seien Patriarchat, Kapitalismus, technische und soziale Beschleunigung, Expansions- und Modernitätskultur. Diese Wurzeln brächten als „Blüten“ ökologische, soziale, ökonomische, spirituelle und demokratische Krisen hervor. Gemeinsam erarbeiteten die TeilnehmerInnen anschließend neue Wurzeln und daraus entstehende Blüten einer sozial-ökologischen Transformation. Als Voraussetzungen benannten sie die Werte Gemeinwohl und Gerechtigkeit sowie eine globale Gemeinschaft, Reflexionsfähigkeit und einen offenen Austausch. Früchte dieser Voraussetzungen seien Arbeitszeitverkürzung und sichtbare Care-Arbeit, ein bedingungsloses Grundeinkommen und öffentliche sozial-ökologische Infrastruktur.

Potenzial von Kampagnen.

Anschließend wurden mehrere konkrete Kampagnen von NGOs und deren Stellenwert am Weg zu einer Transformation in Kleingruppen studiert. Darunter waren die „Clean Clothes“-Kampagne (dt.: saubere Kleidung) für faire Kleidungsproduktion, Sachspendenaufrufe sowie Spendenaufrufe für sogenannte „Hilfe zur Selbsthilfe“ für mexikanische Backöfen, eine Kampagne über die Veränderung persönlicher Lebensstile und eine Petition für ArbeiterInnenrechte in der Textilindustrie. Die Workshop-TeilnehmerInnen überlegten, welche Kampagnen weniger und welche mehr emanzipatorisches Potenzial für eine Transformation haben könnten. Dabei ergaben sich viele Widersprüche: Etwa sei es zwar besser, DorfbewohnerInnen, deren Häuser von einem Hurrikane zerstört wurden, Backöfen zu finanzieren, als Brot zu spenden. Jedoch setze man auch hier nicht an der Wurzel an, nämlich bei den nicht-nachhaltigen Lebensstilen.

Kritik an NGOs.

Das transformative Potenzial von entwicklungspolitischen NGOs an sich diskutierte Cornelia Barger in Hinblick auf innere Strukturen von NGOs, deren Auftreten nach außen und ihre Projektarbeit. Innerhalb von NGOs falle bei der Haltung zu Arbeitszeit auf, dass auch hier sehr viele Überstunden gemacht werden. Außerdem befänden sich nach wie vor sehr wenige Frauen in Chefposten.

Zur Frage, wie es um transformativ Bildungsarbeit, Anwaltschaft und Öffentlichkeitsarbeit von NGOs stehe, kritisierte Daniela Klocker, dass komplexe Probleme oft heruntergebrochen würden. Oft werde ein „Wir gegen die“-Narrativ gepflegt und Unternehmen als Feinbi lder konstruiert. „Das ist eine problematische Vereinfachung. Komplexe Probleme bedürfen komplexer Lösungen“, so Klocker. Zudem habe moralische Überlegenheit oft mehr Priorität, als Menschen für sich zu gewinnen. Projektarbeit selbst führe außerdem oft Abhängigkeiten fort. Beispielsweise bleibe man beim Vergeben von Mikrokrediten an Frauen innerhalb der kapitalistischen Logik.

Wie Wandel funktionieren kann.

Als mögliche Lösungen wurden folgende Konzepte vorgestellt: „Buen Vivir“, Ökofeminismus, Solidarökonomie, Gemeinwohlökonomie, Bedingungsloses Grundeinkommen, Rights of Mother Earth, Ökosozialismus, Ernährungssouveränität und Degrowth. Darüber, ob Nischen umfassende Veränderungen bewirken können, gingen die Meinungen stark auseinander. „Wenn es so stark regnet, dass die Samen auf den Beton geschwemmt werden, dann können diese nicht wachsen“ meinte ein Teilnehmer, worauf eine andere erwiderte: „Man muss doch wo im Kleinen anfangen.“

Vier Rollen von NGOs für Transformationen.

Die Workshop-Leiterinnen stellten dann verschiedene konkrete Aufgaben für NGOs, die es für einen Wandel brauche, in symbolischen Rollen vor. Erstens, der Gärtner: Er bringt PionierInnen zusammen, schafft und schützt Nischen der systemischen Innovation und stärkt alternative Wirtschaftsmodelle. Zweitens, die Organisiererin: Sie organisiert Gruppen, bestärkt BürgerInnen, erlernt systemischen Wandel, baut eine globale BürgerInnenbewegungen auf. Drittens, der Akupunkteur: Er betätigt konkrete Hebel im System, öffnet Fenster für Veränderung, wählt präzise Kämpfe und verändert den Diskurs. Viertens, die Fragestellerin: Sie stärkt große Transformation durch breite demokratische Beteiligung und bringt konkrete fundierte Vorschläge zur Verbesserung der Demokratie.

Wie NGOs bei sich selbst beginnen können.

Systemisches Denken solle auch innerhalb der NGOs selbst verankert werden. Dies bedeute, Diversität, Work-Life Balance und Nachhaltigkeit tagtäglich zu praktizieren. „Kommunikation mit und über Zielgruppen soll respektvoll vor sich gehen“ forderte Cornelia Barger. Daraus ergäben sich Widersprüche: Lange Texte in Broschüren würden zwar weniger vereinfachen, seien dafür aber weniger ansprechend und brächten weniger Spenden für NGOs ein. Das motivierende Schlusswort einer Teilnehmerin lautete: „Ich glaube, es ist sehr wichtig, durch die eigene Tätigkeit etwas voranzutreiben. Alles was wir machen bringt etwas, auch wenn wir es nicht mehr im eigenen Leben erleben.“


Die Autorin studiert ‚Socio-Ecological Economics and Policy‘ und ist Mitglied im Online-Redaktionsteam. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at 

 


 

Weiterführende Links:

–          Aussätzigen-Hilfswerk Österreich: https://www.aussaetzigen-hilfswerk.at/

–          Aktion Familienfasttag der Katholischen Frauenbewegung: https://www.teilen.at/


 

 

Veröffentlicht in Dokumentation, Entwicklungstagung 2017, Sozial-ökologische Transformationen.