Workshop 10: Case-based mutual learning sessions.

Workshop 10 am 18. Nov. 2017 der Entwicklungstagung beschäftige sich mit dem Potential des gemeinsamen Lernens als fundamentales Element für Transdisziplinarität und sozial-ökologische Forschung. Im Fokus: Die „case-based mutual learning sessions (cbMLS)“ – ein transformatives Forschungsformat. 

Zunächst stellten die ReferentInnen Ulli Vilsmaier (Leuphana Universität Lüneburg) und Willington Ortiz (Leuphana Universität Lüneburg) die Basisprinzipien des Formats „Case-based mutual learning sessions (cbMLS)“ vor, um es dann in einem nächsten Schritt anhand von Anwendungsbeispielen greifbar zu machen. Die anschließende Gruppenarbeit bot die Möglichkeit, einen Einblick in die Umsetzung des Formats zu bekommen. Im Plenum wurden dann die Ergebnisse der Gruppendiskussionen zusammengefasst.

Wissensintegration und Transformation durch wechselseitiges Lernen.

Zu Beginn erläuterte Vilsmaier das Konzept von cbMLS: Wissensintegration und Transformation sollen durch wechselseitiges Lernen erreicht werden.

Die zentrale Zielsetzung sei es, von einem spezifischen Fall oder einem Set von mehreren Fällen gemeinsam zu lernen und auf diese Weise zu nachhaltigen Veränderungen hinarbeiten zu können. VertreterInnen aus unterschiedlichen Bereichen arbeiten in verschiedenen Phasen zusammen. Obwohl der Hintergrund der AkteurInnen ein anderer ist, die Interessen gegebenenfalls divergieren, können durch transdisziplinäres Zusammenarbeiten an spezifischen Fällen und kontinuierliches Reflektieren der eigenen Position Erkenntnisse auf übergeordnete Kontexte abgeleitet werden. Vilsmaier verwendete hier den Begriff der „Extrapolation“, durch die fallspezifische Einsichten zu Strategien für grundlegende Zusammenhänge führen können. Demnach diene wechselseitiges Lernen als fundamentales Element für Transdisziplinarität und Nachhaltigkeitsforschung.

Prinzipien fallspezifischen-wechselseitigen Lernens.

Im Kontext des Formats der cbMLS diene ein Fall als sogenanntes Grenzobjekt (engl.: boundary object). In der Betrachtung eines Falls aus verschiedenen Perspektiven werden die Grenzen der jeweiligen erkenntnistheoretischen Wahrnehmungen sowie deren Wissensproduktionen sichtbar. Auf diese Weise werden unterschiedliche Aspekte des Falls sichtbar gemacht und heterogene Interpretationen ermöglicht. Im Folgenden können dann verallgemeinerbare Ergebnisse herausgelesen werden. Dieses Vorgehen sei jedoch mit einem  ganzheitlichen Verständnis und analogem Denken verbunden, betonte Vilsmaier.

Daraufhin unterschieden Vilsmaier und Ortiz verschiedene Typen von cbMLS: Während das Format der „single cbMLS“ das Ziel verfolge, von einem spezifischen Fall zu lernen, strebe das komplexere „multiple cbMLS“ danach, von unterschiedlichen aber ähnlichen Fällen zu Lernen. Für welche Anzahl an Teilnehmenden dieses Format sinnvoll sei, variiere je nach Anzahl und Umfang der Fälle, so die ReferentInnen.

Phasen der cbMLS anhand eines Beispiels aus Kolumbien.

Zur Erläuterung der Prinzipien und des Ablaufs der cbMLS bezog sich Willington Ortiz auf ein Anwendungsbeispiel: „Familienbasierte Landwirtschaft (engl.: family farming) in Kolumbien“. Das cbMLS-Format lasse sich in drei Phasen unterteilen:

In einer Vorbereitungsphase, die etwa drei bis sechs Monate dauere, werde zunächst das zentrale Ziel definiert sowie das Team gebildet. In Bezug auf das hier vorgestellte Anwendungsbeispiel stand gemeinsames Lernen über Strategien und Hilfsmittel, mit denen familienbasierte Landwirtschaft nachhaltig verstärkt werden könnte, im Fokus. In kontinuierlicher Absprache mit den lokalen Organisationen und der Durchführung einiger Experteninterviews fanden die Team-Bildung und die Erörterung des Problemwissens statt. Des Weiteren erstellten die AkteurInnen eine Broschüre, die die festgelegten Ziele, Leitfragen und Problemdefinitionen festhielten.

Die ReferentInnen beschrieben die darauffolgende Phase 2 als „case encounter“ (dt.: Phase der Begegnung/Konfrontation) in der die Teilnehmenden der cbMLS (im Beispiel die VertreterInnen aus BäuerInnen-Organisationen, NGOs und Wissenschaft) vor Ort aufeinandertreffen, um sich ein Bild der lokalen Situation machen zu können. In den Gruppenarbeiten der Phase 1 fanden bereits Prozesse des Wissenstransfers statt. In Phase 2 diskutieren die ExpertInnen nun über gemeinsame Prinzipien und Herausforderungen zur Stärkung der landwirtschaftlichen Familien. Die Ergebnisse werden schließlich in der dritten Phase der Nachbereitung (engl.: post-processing) ausgewertet und in Endberichten sowie Publikationen dokumentiert.

cbMLS als Format für transformative Forschung.

Anhand eines Textes zu „Lebensmittelproduktion und –konsum“ sollten dann abschließend die einzelnen Schritte des Formats cbMLS in Kleingruppen erfahrbar gemacht werden. Die TeilnehmerInnen diskutierten unterschiedliche Problemstellungen des Falls, zum Beispiel die eingeschränkten Möglichkeiten einer/s Kleinbäuerin/Kleinbauers, im globalen Agrarsystem mitzugestalten. Daraufhin wurden die unterschiedlichen Problemstellungen im Plenum gesammelt und es zeigte sich, dass die Tatsache der „eingeschränkten Handlungsmöglichkeiten des Individuums“ ein verallgemeinerbares Grundproblem dieses Falls war. Des Weiteren wurde also die Frage diskutiert, ob eher beim individuellen oder kollektiven Verhalten angesetzt werden müsse, um das größere System zu verändern.

In einer abschließenden Diskussion wurde jedenfalls festgehalten, dass das Format des fallspezifischen, wechselseitigen Lernens den meisten Anwesenden als geeignete Methode für transformative Forschung erschien, da es einen differenzierten Blick aus unterschiedlichen Perspektiven und dadurch diverse Ansatzpunkte für sozial-ökologische Transformationsprozesse eröffne.

 

Die Autorin ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at

 


 

Weiterführende Links:

– Zur Seite der Entwicklungstagung: www.entwicklungstagung.at

– Zu weiteren Artikeln über die Tagung: https://www.pfz.at/list193.htm

 


 

Fotos: Fabian Franta (c) Paulo Freire Zentrum

Veröffentlicht in Dokumentation, Entwicklungsforschung, Entwicklungstagung 2017.