Panel 4: Forschen für Transformationen – Eine Eva Klawatsch-Treitl commemorative lecture*.

Welche Rolle spielen Wissenschaft und Forschung für sozial-ökologische Transformation? Welchen Herausforderungen müssen sich Forschende stellen, um dazu beizutragen? Auf der Entwicklungstagung 2017 reflektierten EntwicklungsforscherInnen am 19. Nov. 2017 ihre eigene Rolle.

Ausgehend von diesen Fragen referierten die Wissenschaftlerinnen Ulli Vilsmaier (Juniorprofessorin Leuphana Universität Lüneburg) und Donna Andrews (Rite Edward Collective, Südafrika) am 19. November 2017 und letzten Tag der Entwicklungstagung in Graz über die Rolle von Forschung für Transformationen. Unter der Moderation von Karin Fischer (Mattersburger Kreis) fand anschließend eine Diskussion im Plenum statt.

Entfesselung des Forschungsbegriffs.

Im Rahmen der Tagung trafen AkteurInnen aus verschiedenen Kontexten aufeinander, um sich mit Themen sozial-ökologischer Transformationen auseinanderzusetzen. Diese Vielfalt der Disziplinen und Arbeitsfelder gelte es zu nutzen, so Ulli Vilsmaier am Beginn ihres Vortrages. Denn so könne man sozial-ökologische Transformationsprozesse aus diversen Perspektiven diskutieren und erreiche mehr Differenziertheit der Diskussion. Vilsmaier plädierte grundsätzlich für eine  Entfesselung des Forschungsbegriffs. Dafür brauche es ein umsichtigeres Verständnis und Differenzieren des Forschens, die unterschiedlichen disziplinären Perspektiven seien dazu erforderlich. Die Wissenschaftlerin vertrat zudem die These, dass es im Sinne der „anstehenden, drängenden, sozial-ökologischen Transformationen“ sowohl eine Forschung über Transformationsprozesse benötige, also auch eine transformative Forschung an sich.

Forschung als transformative Praxis.

Laut Vilsmaier richte sich die Forderung nach dem Ausbau eines transformativen Potentials also ebenfalls an die Wissenschaft. Hierzu bedürfe es einerseits einer Forschung über sozial-ökologische Transformationsprozesse, um Wege für nachhaltige Neugestaltungen aufzeigen zu können. Andererseits brauche es eine Forschung, die sich selbst als transformative Praxis begreift. Diese sollte nicht nur Wissen produzieren, sondern die geforderten Neugestaltungen zu ihrem Ziel machen. Dafür seien Wissensproduktion und gesellschaftliche Praxis näher aneinanderzurücken, miteinander zu verbinden. Es könne keine „rein akademische Aufgabe sein, Forschung als transformative Praxis zu praktizieren“, vielmehr brauche es „gemeinsames Nachdenken, Experimentieren und Arbeiten“, so Vilsmaier. Forschung als transformative Praxis sei außerdem nicht an gesellschaftliche Institutionen oder wissenschaftsbehaftete Methoden gebunden, betonte sie abschließend.

Forschung für Transformation aus kritischer Perspektive.

Auch Donna Andrews plädierte für transformatives Forschen. Aus ihrer Sicht bedürfe es  einer Forschung, die nach Demokratie und Gerechtigkeit weltweit strebt. Die sogenannte „Erd-Demokratie“ erfordere, so Andrews, vor allem eine Neugestaltung sozialer Beziehungen: Also die Entfernung vom am Wirtschaftswachstum orientierten Produktionssystem, von Zerstörung, Konsum und Verschwendungskultur, hin zu einer Umkonfiguration des Ressourcenverbrauchs und neuen Arbeitskonzepten, mit denen BewohnerInnen der Erde die Natur und soziale Reproduktion als Grundstein von Gesellschaft anerkennen.

Forschung für Transformationen solle die hierarchischen und ausbeuterischen Verhältnisse zwischen Menschen sowie zwischen Mensch und Natur aufbrechen. Es ginge jedoch nicht darum, einen richtigen Lösungsansatz zu präsentieren, sondern darum, die entscheidenden Fragen zu stellen. Doch welche transdisziplinären Ansätze seien hierfür notwendig?

Auch Donna Andrews formulierte in diesem Zusammenhang die Forderung nach einer Offenheit und Differenziertheit von Forschung, die eine Zusammenarbeit zwischen AkteurInnen aus heterogenen Bereichen und den von sozial-ökologischen Ungleichheiten Betroffenen ermöglicht.

Forschung eingebettet in Widerstand, Reflexion und Solidarität.

Aus der wissenschaftlichen Perspektive einer „Öko-Feministin aus dem Globalen Süden“, wie sich Andrews selbst bezeichnete, plädiere sie außerdem dafür, das hegemoniale, vom Westen dominierte und im akademischen Bereich verankerte Wissenssystem zu hinterfragen. Es brauche einen radikalen Diskurs, eine Sprache des Widerstands und Gegennarrative sowie Alternativen, von denen marginalisierte Personen nicht länger ausgeschlossen werden.

Um diese Forderung zu erläutern, führte Donna Andrews verschiedene Fragen an: Zunächst die Frage danach, ob vom Globalen Norden aus „über den Süden“ geforscht wird. Sie kritisierte, dass dieser Blick von oben herab autokratische, fehlgeleitete und ignorante Politikentwicklungen hervorbringen würde. Es bedürfe hingegen einer Forschung, in der alle Schichten und Ebenen inkludiert sind. Die nächste Frage bezog sich auf die Durchführung von Wissenschaft: Welche Methoden und Praktiken werden angewendet? In diesem Zusammenhang argumentierte sie für eine Kombination aus Methoden und dafür, dass Indikatoren von „Betroffenen“ mitentwickelt werden sollten. Des Weiteren gebe es dominierende Medien, wissenschaftliche Journals, sowie Sprachen, die zur Ausgrenzung von anderen beitragen würden – also auch die Verbreitung von Wissenschaft sei zu hinterfragen.

Abschließend fasste Donna Andrews die für transformative Forschung relevanten Kernpunkte zusammen: Essenziell sei die Frage, wie wir das Leben und die Arbeitswelt weg von industrialisierten und kommerzialisierten Konzepten hin zu nicht-ausbeuterischen, transparenten und wertschätzenden Konzepten umgestalten.

Zusammengefasst waren sich die Vortragenden darüber einig, dass es im Sinne transformativer Forschung einer Methodenvielfalt sowie transdisziplinärer Zusammenarbeit bedarf. Forschung sei nicht nur in institutionellen Bereichen verankert, sondern in die Sphären des Alltags unterschiedlicher AkteurInnen einzubetten. Die Partizipation von Betroffenen in transformativen Forschungsprozessen sei dabei zentral.

Die Autorin ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at

 



* Wieso eine Eva Klawatsch-Treitl commemorative lecture?

Eva Klawatsch-Treitl wuchs in Wiesen im Burgenland auf. Sie studierte Wirtschaftspädagogik und arbeitete von 1992 bis 2001 als entwicklungspolitische Bildungsreferentin bei der Dreikönigsaktion der Katholischen Jungschar Österreich. Danach führte sie bis 2006 den ehrenamtlichen Vorsitz der DKA. In dieser Zeit war sie sowohl bei WIDE aktiv als auch im Vorstand der AGEZ (dem vormaligen Dachverband entwicklungspolitischer Organisationen), immer bemüht, feministische Anliegen einzubringen und die Solidarität unter den Frauen zu stärken. Sie scheute nicht vor Verantwortung und öffentlicher Positionierung zurück, und nahm auch in der AGEZ die Funktion der stellvertretenden Vorsitzenden wahr.

Eva Klawatsch-Treitl engagierte sich ab Mitte der 90er Jahre bei WIDE, war Mitinitiatorin der WIDE-Arbeitsgruppe „Frauen und Wirtschaft“, aus welcher später „Joan Robinson – Verein zur Förderung frauengerechter Verteilung ökonomischen Wissens“ hervorging. Von 2009 bis März 2016 war sie Obfrau von WIDE.

Mehrere Jahre hindurch unterrichtete Eva an der FH Campus in Wien, wo sie zuletzt eine Professur im Department „Soziales“ erhielt. Im Rahmen dieses Arbeitsfeldes schuf sie neuerlich Verbindungen zwischen Nord und Süd, so im Rahmen eines akademischen Austauschs zwischen Sozi-alarbeiterInnen in San Salvador und Wien, dokumentiert in der Publikation „Soziale Arbeit und ihr Beitrag zu einer gerechten und inklusiven Entwicklung“ (2014). In dieser Zeit wurde sie auch Mitglied des Mattersburger Kreises.

Am 14. Dezember 2016 ist Eva Klawatsch-Treitl im fünfzigsten Lebensjahr völlig unerwartet verstorben.

(Aus dem Nachruf auf https://www.wide-netzwerk.at/index. php/ueber-uns/298-wide-trauert-um-eva-klawatsch-treitl)


 

Weiterführende Links:

– Zur Seite der Entwicklungstagung: www.entwicklungstagung.at

– Zu weiteren Artikeln über die Tagung: https://www.pfz.at/list193.htm

 


 

Fotos: Michael Straub ©Paulo Freire Zentrum

 

Veröffentlicht in Dokumentation, Entwicklungsforschung, Entwicklungstagung 2017.