Bon Voyage!? Der C3-Library Slam für Reisen mit Zukunft.

Ende Oktober wurde die C3-Bibliothek wieder Schauplatz einer ganz besonderen Veranstaltung: Unter dem Titel „Bon Voyage!?“ lieferten sich Poetry-SlammerInnen ein poetisches Wortgefecht zum Thema nachhaltiger Tourismus. Slampoetin, Autorin und Rapperin Yasmo führte erneut durch den Abend.

Bereits zum vierten Mal ging am 24. Oktober 2017 der C3-Library Slam über die Bühne. Der Slam sei fixer Bestandteil der Veranstaltungsreihe „Bildung im C3ntrum“, erklärte Veranstalterin Gabi Slezak (ÖFSE) einleitend. „Bildung im C3ntrum“ ist eine Kooperation der C3-PartnerInnen ÖFSE, Frauen*solidarität, Baobab, Mattersburger Kreis und Paulo Freire Zentrum. Das gemeinsame Anliegen sei es, durch kreative Veranstaltungsformate neue Perspektiven auf entwicklungspolitische Zusammenhänge zu eröffnen. Beim Poetry Slam handelt es sich um einen Wettbewerb, bei dem Slam-PoetInnen Texte vortragen und das Publikum schlussendlich eine/n Sieger/in kürt – wobei nicht der Sieg, sondern die Texte im Zentrum stehen. Es geht darum, die ZuhörerInnen durch Poesie zu erreichen und bestimmte Thematiken für sie greifbarer zu machen.

Wohin führt die Reise?

„Wir reisen heute mehr denn je. Doch wohin führt uns die Reise? Ins Urlaubsparadies oder in die sozial-ökologische Katastrophe?“ fragte Veranstalterin Laura Magenau (Paulo Freire Zentrum) zu Beginn. Tourismus sei heute eine bedeutende wirtschaftliche Ressource, doch vor Ort zeige sich oft ein negatives Bild: Schlechte Arbeitsbedingungen, soziale Ungleichheit, verheerende ökologische Folgen, Konflikte, Kapitalabfluss zu Global Players sowie rassistische und genderspezifische Diskriminierung verstecken sich hinter Hochglanz-Fotos von Palmen, Strand und Cocktailglas.

Um dieser Problematik entgegenzuwirken, haben die Vereinten Nationen das Jahr 2017 zum „Internationalen Jahr des nachhaltigen Tourismus für Entwicklung“ erklärt. Doch wie kann lokal nachhaltiger Tourismus im Kontext wirtschaftlicher Wachstumsideologien bestehen? Was kann jede/r von uns zu sozial-ökologisch gerechtem Reisen beitragen? Diese Fragen sollten im Fokus des Slams stehen.

Nachhaltiger Tourismus im toten Winkel.

Acht PoetInnen hatten dafür viele originelle Texte vorbereitet. Sehr kreativ, manchmal auch etwas holprig, gestaltete sich bei einigen das Brückenschlagen vom eigenen Thema zum Motto des Abends. Da verwandelte sich die Erzählung über einen depressiven jungen Mann kurzerhand zu einer „Fantasiereise“ oder die Protagonistin eines anderen Texts zur „Reiseleiterin ins Leben“ (die Rede war von einer Hebamme). Auf ihren Ausflügen schafften es diese Vortragenden dennoch, bepackt mit aberwitzigen Anekdoten, das Publikum abzuholen.

Reisen als „Posterromantikkitsch“.

Andere SlammerInnen griffen das Thema Tourismus direkter auf. Ihre Schilderungen waren Beispiele für die Romantisierung und Idealisierung des Reisens. Durch die rosarote Sonnenbrille sieht Reiselust wohl oft wie Weltoffenheit aus: Reisen als Synonym für Toleranz und Lebenserfahrung. „Generation Erasmus, Generation Interrail, Generation Interflix“ waren Begriffe, die Slammerin Andrea Graf in den Sinn kamen. Schon allein Bahnhöfe und Flughäfen lösen ihrem Text zufolge Nostalgie in uns aus. Auch Poetin Tereza Hossa wunderte sich über die emotionale Bindung, die selbst zu einzelnen Fluggesellschaften aufgebaut werde. Das Ende der Air Berlin beschrieb sie überspitzt als „Untergang eines Lifestyles, eines Zusammengehörigkeitsgefühls“.

Leben im Widerspruch.

Doch Slammerin Andrea Graf bemerkte in einem Nebensatz auch einen anderen Aspekt unseres kosmopolitischen Daseins: Während wir blindlings Avocados kaufen, „die mehr Reiseerfahrung haben als wir“, sehen wir uns gleichzeitig dennoch als „Generation Nachhaltigkeit“. Poetin Ann Air stellte fest, dass ihr „Fußabdruck im Sand“ nicht nur „mystische Symbole“ hinterlässt, sondern sich die Spuren eines Jetset-Lebens vor allem in Tonnen von CO2 manifestieren. Der Strand sei nicht nur Paradies, sondern auch „Konsumtempel“, wo Einheimische auf TouristInnen angewiesen sind.

Auch Slammerin Mieze Medusa redete nicht um den heißen Brei: „Erdöl gibt’s gerade noch ein bisschen. Dafür fahren die Autos zirka jetzt gelegentlich mit Strom. Und zwar gerne mit dem, der aus Atomen hergestellt wird, was eine Zukunft hat. […] Eine so unüberschaubar lange Zukunft. Im Vergleich dazu ist das Wort Atommüllzwischenlager richtig einsilbig.“ Weiters verdeutlichte sie die Ambivalenzen zwischen gepredigten Werten und tatsächlichen Urlaubsgewohnheiten: “Wir wollen unserem fabelhaften Ich eine Auszeit von unserem fabelhaften Leben gönnen in einer Sache, die aussieht wie eine Bacardi-Werbung“. Dabei puffe hinten immer das raus, „was so gar nicht nach Zukunft riecht“. „Aber dort drüben hinter dem Berg aus Nespresso-Kapseln geht eh grad wieder die Sonne auf“, schilderte Mieze Medusa die Urlaubsromanze ihrer ProtagonistInnen. „Als die beiden Hand in Hand Richtung eat as much as you can-Frühstücksbuffet spazieren […], kommen ihnen ein paar Einheimische entgegen. Die reinigen morgens den Hotelstrand vom über Nacht angeschwemmten Plastikdreck.“

„Vor der Welt gut dastehen.“

Besonders eine Reisetradition schienen die meisten PoetInnen in ihrem Umfeld beobachtet zu haben: Alles, was man erlebt, muss verwertet werden, muss „Statusupdates, Reiseblogs und Speicherkarten“ füllen, wie Mieze sagte. „Bewaffnet mit Digitalkameras und bezahltem Urlaubsanspruch“ würden wir „ein Selfie vom Taj Mahal und ein Duckface vom Baum im Regenwaldreservoir“ knipsen. Unser Konsumverhalten verglich Mieze mit dem imperialen Lebensstil von einst Franz Ferdinand: „Ich kauf alles aus Gold, alles aus Tier, alles aus Samt, alles aus Holz, alles von hier und – verdammt nochmal – alles andere auch. Will mit nachhause nehmen mit dem einzigen Ziel, vor der Welt selbst gut dazustehen“. Die Devise lautet also stets „vor der Welt gut dastehen“, anstatt die Welt gut dastehen zu lassen.

Endstation?

Doch wohin führt uns diese Reise nun? Eines steht fest: Das ewige „gib dir, gönn dir“, von dem Poet Markus Köhle sprach, führt uns wohl in eine Sackgasse. Es ist allerhöchste Zeit, eine andere Richtung einzuschlagen. Nachhaltigkeit darf kein Stolperstein, sondern muss Wegweiser sein.



Die Autorin ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at

 


 

Weiterführende Links: 

– Veranstaltungsreihe Bildung im C3ntrum

Rückblick zu vergangenen Bildung im C3ntrum Veranstaltungen

 


Fotos: © BIldung im C3ntrum

Veröffentlicht in Sozial-ökologische Transformationen, Themen.