Am 12./13. Okt. 2017 feierte die Österreichische Forschungsstiftung für Internationale Entwicklung ihr 50-jähriges Bestehen mit einer Konferenz zum Thema „Neue mehrpolige globale Ordnung und die Herausforderung der SDGs“. Die Auftaktveranstaltung lockte 150 Menschen ins C3.
Welche konkreten Herausforderungen die Umsetzung der Sustainable Development Goals (SDGs) birgt, wurde bei der Eröffnungsfeier am Donnerstagabend erörtert. Nach einleitenden Worten von Andreas Novy (Vorstandsvorsitzender der ÖFSE) und Peter Launsky-Tieffenthal (Chef der Sektion VII im Bundesministerium für Europa, Integration und Äußeres), führte Werner Raza (wissenschaftlicher Leiter und Geschäftsführer der ÖFSE) durch den Abend. Den Hauptpart der Veranstaltung stellten die Gastvorträge von Klaus Töpfer (IASS Potsdam) und Jayati Ghosh (Jawaharlal Nehru University, Neu Delhi) dar sowie die abschließende gemeinsame Diskussion, an der auch Ulrich Brand (Uni Wien) teilnahm.
Fortschritte der letzten Jahrzehnte.
Jayati Ghosh eröffnete ihren Vortrag mit einer Gegenüberstellung der SDGs mit den Millennium Development Goals (MDGs). Die SDGs seien bereits sehr prozessorientiert und damit schon wesentlich fortschrittlicher als ihre Vorgängerversion. Auch Klaus Töpfer betonte positive Entwicklungen, als er in seiner Rede die internationalen Bemühungen um Nachhaltigkeit der letzten Jahrzehnte Revue passieren ließ. Positiv sei, dass Umwelt und Entwicklung nicht mehr voneinander getrennt gehandelt würden und Nachhaltigkeits-Überlegungen mittlerweile auch den Globalen Süden einschließen. Dies sei lange Zeit nicht so gewesen, weil sich der wirtschaftliche Erfolg des Nordens maßgeblich auf die Ausbeutung des Südens stützte.
Mehr „bottom-up“.
Allerdings gebe es dennoch signifikante Unterschiede zwischen Globalem Norden und Süden, die bei der konkreten Umsetzung der SDGs zu berücksichtigen seien, betonte Töpfer. So verfügen etwa afrikanische Länder nicht über dieselben hochentwickelten Technologien wie europäische Länder und können daher auch nicht dieselben Maßnahmen setzen. Durch welche Maßnahmen man dem Soll-Zustand aber auch in sogenannten „Entwicklungsländern“ näher kommen will, bleibe in Ausführungen zu den SDGs meist unklar. Zudem würden Indikatoren, die das Ausmaß der SDG-Erfüllung messen sollen, meist nur von „oben“ definiert.
Man müsse folgedessen aufhören, lediglich über diese „Entwicklungsländer“ zu sprechen. Stattdessen müssen sie selbst als gleichberechtigte PartnerInnen in der Diskussion um die Realisierung der SDGs teilnehmen können. Eine stärkere „bottom-up“-Vorgehensweise forderte Töpfer auch innerhalb einzelner Gesellschaften. Die SDGs sollten nicht nur in die Arbeit politischer Einrichtungen integriert werden, sondern in den Alltag jedes/jeder einzelnen. Vor allem müssten wissenschaftliche Erkenntnisse, so Töpfer, viel stärker in die Implementierung der SDGs einfließen. Auch Peter Launsky-Tieffenthal verwies auf die Notwendigkeit, die SDGs auch auf Länder- und Gemeindeebene individuell zu konkretisieren, anstatt nur international zu behandeln. Er riet zudem, bereits in Schulen ausführlich über die SDGs aufzuklären.
SDGs im modernen Kapitalismus.
Nach Launsky-Tieffenthal sei es ebenso wichtig, gezielt UnternehmerInnen im Zusammenhang mit den SDGs anzusprechen. Deren Umsetzung stehe nicht zwangsläufig im Widerspruch mit ökonomischem Erfolg und dies gelte es zu kommunizieren. Derzeit versperre jedoch der moderne Kapitalismus den Weg zu sozialer Nachhaltigkeit, was Jayati Ghosh am Beispiel des Schwellenlands Indien in ihrem Vortrag illustrierte. Der Globale Norden lagert Produktionsstätten in Niedriglohnländer aus, die großen Profite mache man aber ausschließlich in der Prä- und Postproduktion im eigenen Land. Die Finanzmärkte boomen und hinterlassen ein höchst prekäres Wirtschaftssystem. Die Schwellenländer können nicht auf stabile Nachfrage von außerhalb zählen, die für einen dortigen Konjunkturaufschwung so dringend nötig wäre. Stattdessen verwehre man diesen Ländern durch Sparpolitik jeglichen Stimulus. Staatsausgaben und Löhne seien weiterhin niedrig ohne jede Chance auf Verbesserung. Die Globalisierung des Handels sei so unmittelbar am Aufrechterhalten von sozialer Ungleichheit zwischen Norden und Süden beteiligt. Ghosh sprach sich im Zuge dieser kritischen Ausführung für einen „New Deal“ aus. Höhere Staatsausgaben und Großzügigkeit würden sich mehr als bezahlt machen, so Ghosh.
Die Bedrohung der SDGs durch kapitalistische Wirtschaftssysteme schlug sich nochmals ganz deutlich in der Diskussion am Ende der Veranstaltung nieder. Ulrich Brand sprach passend zu Ghoshs Forderungen von „counterforces“ (dt.: Gegengewalten) der SDGs, über die man sich bewusst werden solle. Dass Wirtschaftswachstum ständig idealisiert und propagiert werde, während das Thema Umverteilung umgangen werde, sei eine ökologische Kontroverse. Andreas Novy formulierte es noch expliziter und ernannte die „Finanzialisierung“ unserer Welt zum größten Widersacher jeglicher globaler politischer Kooperation. Brand und Novy problematisierten gleichermaßen, dass diese Erkenntnis noch nicht bei der breiten Masse angekommen sei.
Blick auf Österreich.
Österreich liege 2017 mit seinem SDG-Index, also dem Ausmaß der Erfüllung der SDGs, auf Platz 7 von 157 angeführten Ländern. Vor allem in puncto Sicherheit, so Töpfer, sei Österreich ein Vorreiter. Jedoch gebe es gleichzeitig in Bereichen wie verantwortungsvoller Konsum, nachhaltige Produktion und Klimabemühungen noch viel Luft nach oben. Der deutsche Politiker war nicht der einzige, der an diesem Abend auch auf die Bedeutung der Nationalratswahl verwies. Österreichs Entscheidung am 15. Oktober sei maßgeblich für die weitere Implementierung der Nachhaltigkeitsziele.
Nun, wo das Wahlergebnis feststeht, tut sich hinter diesem Kapitel wohl ein großes Fragezeichen auf. Es bleibt zu hoffen, dass sich der Wunsch nach „bottom-up“-Prozessen im Sinne der SDGs und einer sozial-ökologischen Transformation realisieren lässt.
Die Autorin ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at
Weiterführende Links:
– Österreichische Forschungsstiftung für Internationale Entwicklung (ÖFSE: https://www.oefse.at/
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