Kein Kapitalismus ist auch keine Lösung. (III)

Warum die „Richtungslosigkeit“ des Kapitalismus zu Veränderungen in Richtung sozial-ökologischer Transformation beitragen kann und dabei keine sozialistische, sondern eine digitale Revolution von Nöten wäre, beschreibt Andreas Obrecht (KEF) im dritten Teil seiner Artikelserie.

Enorme Investitionen und Technologieentwicklung.

Um diese Herausforderung zu meistern, benötigen wir – mehr denn je – die geborgte Zeit. Aber für die richtigen Investitionen. Es sind enorme technologische und ökonomische Investitionen von Nöten um die radikale Energiewende in den nächsten zwei Generationen zu realisieren. Und diese Investitionen haben bereits begonnen, sind im Begriffe nach altem kapitalistischen Muster die Welt umzugestalten, neue Märkte – auf denen Ideen, Waren, Dienstleistungen und Zukunftstechnologien gehandelt werden – zu erschließen. Grundlage der Massentauglichkeit „grüner Technologien“ ist die digitale Revolution, die gerade dabei ist ihren nächsten evolutionären Schritt zu vollziehen.

Mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung lebt in Städten. In den vergangenen 120 Jahren sind die Städte und auch deren Peripherie rund um das Auto und dessen Verbrennungsmotor gebaut worden. Hat sich das Auto als ressourcenintensive Maschine seit mehr als hundert Jahren nicht grundsätzlich verändert, so ist es seit einigen Jahren zum technologischen Experimentierfeld zweier wesentlicher Bereiche geworden – ohne die ökologische Transformation nicht zu vollziehen ist: Smarte, sich selbst regulierende Systeme und CO2 neutraler Schub. Beide Technologiefelder bedingen einander obwohl sie ursächlich getrennt voneinander entwickelt wurden.

Die Industrielle Revolution baut auf fossiler Energieverwertung, Dampfmaschine, Mechanik und Tele(kabel)-Kommunikation auf. Politisch ist diese Ökonomie in den Strukturen des Nationalismus organisiert. Dazu gehören auch Waffenproduktion und immenser Ressourcenverschleiß. Die ökologische Transformation, die bereits begonnen hat, baut auf Erneuerbarer Energie, Denkmaschinen, Kybernetik und digitaler Kommunikation auf. Politisch wird diese Ökonomie in einer ent-nationalisierten Welt Geltung erlangen können, weil die Technologien selbst grenzüberschreitend wirksam werden. Eine Verdichtung der (digitalen) Verkehrswege wird Protektionismus, Nationalismus und darauf basierende Hochrüstung ökonomisch anachronistisch werden lassen. Das was wir heute erleben ist ein „Flashback“ – ein Aufflackern nationalistischer Strömungen und Politiken aufgrund der vielfältigen Formen der Globalisierung, die alle in Richtung multilateraler, überstaatlicher Regime und (Technologie)-Konventionen weisen.

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Adler Standard aus dem Jahr 1928, Wikimedia CC0. Mit diesem Automobil umrundete die deutsche Rennfahrerin Clärenore Stinnes unter enormen Strapazen zum ersten Mal zwischen 1927 und 1929 die ganze Welt. Das Automobil – Schlüsseltechnologie am Anfang des 20. Jahrhunderts –  wird zum  Massenverkehrsmittel und dominiert, bzw. unterwirft Land und Stadt. Am  Beginn des 21. Jahrhunderts wird es erneut zu einer Schlüsseltechnologie: CO2-neutraler Antrieb und digitales Labor. By MartinHansV – Own work, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=1810020

Die „Richtungslosigkeit“ des Kapitalismus.

Der Kapitalismus als Produktivitätserhöhungs- und Gewinnmaximierungsstrategie ist richtungslos – davon bin ich überzeugt. Dem „Kapitalisten“ ist es völlig gleichgültig, womit „Kohle“ gemacht wird. Wenn die politischen Rahmenbedingungen geschaffen sind, die „Kohle“ mit Öl zu machen, mit Waffenexporten oder mit desaströsen Produktionen in Billiglohnländern, dann wird das geschehen. Wenn die „Kohle“ mit Windrädern, smarten Mobilitätssystemen, sauberen Produktionsbedingungen oder guten sozialen Standards – die sich etwa in den Aktienmärkten spiegeln – gemacht werden kann, dann wird in diese Felder investiert werden. Kapitalismus ist per se nicht destruktiv oder konstruktiv – er ist ein äußerst flexibles System, das auf sich verändernde Rahmenbedingungen nach gewinnorientierten Kriterien reagiert. Diese Rahmenbedingungen müssen – in einem radikal demokratischen Verständnis – von uns gesetzt werden. Wenn wir die „Falschen“ wählen, dann dürfen wir uns nicht wundern, dass die politischen und auch sozialen Bewegungen gegen die Transformation uns noch eine Weile in Atem halten werden.

Das was als Lobeshymne auf die „Green Economy“ erscheinen mag, ist die Einsicht in den einzigen ökonomischen Hebel, den wir aufgrund der enormen Investitionen, die zu tätigen sind, zur Verfügung haben. Normative Appelle sind begrüßenswert, werden aber die „neue Zeit“ nicht anbrechen lassen. Sie ist bereits angebrochen, aufgrund technologischer Innovation, die unabsehbar viele neue Märkte erschließen wird, die unternehmerische Gewinne und Wohlstandsgewinne versprechen. Interessant ist, dass sich diese Technologieschübe, wie oben angedeutet, teils unabhängig voneinander ereignen. Ein Beispiel dafür ist die Dezentralisierung der Energiegewinnung – eine egalitäre Utopie aus den 1970er Jahren. Das Einspeisen selbst produzierter erneuerbarer Energie – etwa durch Sonnenenergiegewinnung – in die „Smart Grids“, die sogenannten intelligenten Stromnetze, und die gleichzeitige Möglichkeit der Entnahme von Energie aus dem Netz dann, wenn sie gebraucht wird, setzt sich selbst regulierende digital-kybernetische Systeme ebenso voraus wie die Massentauglichkeit der „Renewables“ (dt. Erneuerbaren). Beide Technologiefelder – ehedem getrennt voneinander entwickelt – werden derzeit großflächig zusammengeführt und verwirklichen – nach einem Jahrhundert gigantomanischer Großprojekte – die Möglichkeit, dass jeder sein eigener „Energieproduzent“ und „-konsument“ werden kann. Vor 40 Jahren noch völlig undenkbar.


Vor 40 Jahren ebenso undenkbar war die Möglichkeit, dass sich die Bevölkerungsexplosion tatsächlich stabilisieren könnte und somit eine Grundvoraussetzung für sozial- und ökologisch gerechte Gesellschaften gelegt wäre. Inwiefern das Bevölkerungswachstum mit der sozial-ökologischen Transformation zu tun hat, erklärt Andreas Obrecht in seinem vierten und letzten Teil der Artikelserie:

*** Hier geht es zum Teil IV des Artikels *** 

 

Univ.Doz. Dr. Andreas J. Obrecht leitet die Geschäftsstelle der Kommission für Entwicklungsforschung und ist verantwortlich für die Abteilung „Bildung und Forschung für Internationale Entwicklungszusammenarbeit“ in der OeAD-GmbH. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at

 


 

Andreas Obrecht wird die Diskussion zur Keynote von Andreas Novy: Illusionen grenzenloser Globalisierung am Samstag morderieren:

09:00-09:45 Uhr: Andreas Novy (WU Wien, GBW): Illusionen grenzenloser Globalisierung.



09:45–10:45 Uhr: Kommentare von entwicklungspolitischen SprecherInnen aus dem Nationalrat, Diskussion.

Moderation: Andreas Obrecht, Kommission für Entwicklungsforschung.

 


 

 

 

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