Kein Kapitalismus ist auch keine Lösung. (I)

Wäre die Abschaffung des Kapitalismus eine Lösung für die sozial-ökologische Krise? Andreas Obrecht (Leiter der Geschäftsstelle der Kommission für Entwicklungsforschung) nimmt in einer 4-teiligen Artikelserie Stellung dazu. Im ersten Teil beschäftigt ihn die Frage: Welcher Aspekt ist am wichtigsten für sozial-ökologische Transformationen?Im Vorfeld der „Österreichischen Entwicklungstagung“ sind mir vom Paulo Freire Zentrum drei Fragen gestellt worden, mit der Bitte, sie schriftlich zu beantworten. Dem komme ich gerne nach und wähle dazu den Titel eines ausgezeichneten Buches von Ulrike Herrmann, die darin die Krise der heutigen Ökonomie mit Smith, Marx und Keynes abhandelt (Westend Verlag, 2016), auch wenn mein Artikel mit diesem lesenswerten Buch nur bedingt zu tun hat.

Geborgte Zeit.

Die Zukunftsfähigkeit der Organisation von Leben auf unserem Planeten – das ist für mich der wichtigste Aspekt der sozial-ökologischen Transformationen. Daraus folgt, dass sich Zeit nicht selbst auffressen darf! Seit Beginn der Industriellen Revolution haben wir Menschen begonnen auf Kosten der Zukunft zu leben, also Zeit und damit Ressourcen aus der Zukunft in die Gegenwart zu holen. Diese geborgte Zeit kann positive aber auch negative Konsequenzen haben:

Positiv dann, wenn sinnvolle Investitionen in die Ermöglichung zukünftiger Leben getätigt werden – etwa durch Gesundheitsinfrastrukturen, die heute Geborene länger leben lassen. Negativ dann, wenn die falschen Investitionen zu einer Verschwendung von hinkünftigen Lebensverwirklichungsmöglichkeiten führen – etwa durch die Vernichtung der Biodiversität. Dann nämlich frisst sich die Zeit buchstäblich selbst auf!

Das, was das „kapitalistische Geldsystem“ durch kreditierte Investition in der Realwirtschaft ermöglicht – also etwa Infrastrukturen „auf Pump“ zu errichten – gilt natürlich auch für den Verbrauch beschränkter Ressourcen. Wir leben auf „Pump“ – verbrauchen damit Zeit, die anderen nicht mehr zur Verfügung steht. Der „Earth Overshoot Day“ ereignet sich von Jahr zu Jahr früher (in Österreich war dieser heuer schon am 11. April 2017 erreicht/global am 2. August 2017). Die Erschöpfung des Planeten wird also von Jahr zu Jahr größer und damit das Zeitfenster kleiner, das für global wirksames nachhaltiges Handeln offensteht.

Staunen über die Produktivkraft des Kapitalismus.

Trotz oder gerade wegen dieser empirischen Erkenntnis staune ich wie ehedem Karl Marx über die enorme Produktivkraft des Kapitalismus und die daraus resultierende Beschleunigung der Entwicklung von innovativen Technologien. Mein Vater ist mit dem Pferdewagen im niederösterreichischen Horn gefahren, ich selbst habe meine Dissertation mit der Schreibmaschine geschrieben – heute lassen wir unsere Roboter den Mars erforschen und die quantenmechanische Datenübertragung bahnt sich als neueste Revolution in der digitalen Welt an. Von der Nanotechnologie bis zur Landung eines von Menschen gebauten Raumschiffes auf dem Saturnmond Titan kommen wir aus dem Staunen nicht mehr heraus. Ein Staunen wie und wodurch sich menschliches Denken und Hoffen materialisiert.

So wie heute folgten auch Technologieentwicklungen der Vergangenheit nicht in erster Linie dem frommen Wunsch „die Welt besser“, sondern dem weniger frommen Wunsch „Kohle“ im großen Stil zu machen. Jener, der die durch kapitalistische Technologieentwicklung entstandenen Gefahren und Ungerechtigkeiten beklagt – Atombombe, Ungleichheit, Hunger, Artensterben, Migration etc. –, trägt mit seinem Handy heute mehr komplexe Datenverarbeitungs- und -verknüpfungskapazitäten mit sich herum als dem Kontrollzentrum in Houston bei den Apollo-Missionen zwischen 1961 und 1972 zur Verfügung standen.

Viele Technologien haben zur Verheerung, bzw. Verschmutzung des Planeten beigetragen, weil wir teilweise wider besseren Wissens die falschen, nämlich die destruktiven Technologien kommerziell betrieben haben – etwa Atom- und Kohlekraftwerke, Verbrennungsmotoren, mit Waffen bestückte Raketen etc.

Inwiefern die „richtigen“ Technologien jedoch zum „Hebel“ für sozial-ökologische Transformationen beitragen können, beschreibt Andreas Obrecht im zweiten Teil dieser Artikelserie:

 *** Hier gehts zum Teil II des Artikels ! ***

 

Univ.Doz. Dr. Andreas J. Obrecht leitet die Geschäftsstelle der Kommission für Entwicklungsforschung und ist verantwortlich für die Abteilung „Bildung und Forschung für Internationale Entwicklungszusammenarbeit“ in der OeAD-GmbH. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at

 


    

Andreas Obrecht wird die Diskussion zur Keynote von Andreas Novy: Illusionen grenzenloser Globalisierung am Samstag morderieren:

09:00-09:45 Uhr: Andreas Novy (WU Wien, GBW): Illusionen grenzenloser Globalisierung.



09:45–10:45 Uhr: Kommentare von entwicklungspolitischen SprecherInnen aus dem Nationalrat, Diskussion.

Moderation: Andreas Obrecht, Kommission für Entwicklungsforschung.  

 


 

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