Welche Rolle spielt Bildung für sozial-ökologische Transformationen? Dieser Frage gingen VertreterInnen aus Zivilgesellschaft und Wissenschaft im Rahmen der Vorveranstaltung zur 7. Österreichischen Entwicklungstagung nach und nahmen das SDG 4 für inklusive, hochwertige, gerechte Bildung unter die Lupe.
Pamir Harvey vom Afro-Asiatischen Institut begrüßte die rund 30 TeilnehmerInnen der Veranstaltung „Transformative Bildung“ am 8. Juni 2017 im John-Ogilvie Haus in Graz. Zu den veranstaltenden Organisationen gehörten die Österreichische UNESCO-Kommission, das Bundesministerium für Bildung, die Österreichische Forschungsstiftung für Internationale Entwicklung (ÖFSE), das Paulo Freire Zentrum, die Arbeitsgemeinschaft für Entwicklungszusammenarbeit Steiermark sowie die Grazer Organisationen Südwind, Afro-Asiatisches Institut und der Masterstudiengang Global Studies der Karl Franzens-Universität. Gerald Faschingeder (Paulo Freire Zentrum) eröffnete die Veranstaltung und versprach unterschiedlichste Perspektiven auf das Thema Bildung, die von den RednerInnen des Abends auch geboten wurden.
SDG 4 – inklusive, hochwertige und gerechte Bildung.
Im Fokus standen die Sustainable Development Goals (SDGs), die Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen, und hier besonders SDG 4, welches inklusive, hochwertige und gerechte Bildung gewährleisten und lebenslanges Lernen fördern soll. Romana Rotschopf (Österreichische UNESCO Kommission) erklärte, die UNESCO trage weltweite Verantwortung für SDG 4 und bringe dieses schwerpunktmäßig in ihre Programme und Strategien ein. Auf Bundesebene, so veranschaulichte sie, sorgen interministerielle Arbeitsgruppen für die Umsetzung der SDGs. Besonders die Ministerien für Bildung und Wissenschaft seien verantwortlich für SDG 4. Kritisch betrachtete Rotschopf die Komplexität der Umsetzung, da in Österreich ein gemeinsames Dach für Verbindlichkeit und effektives Handeln in der Vielzahl an Aktivitäten fehle.
Sozial-ökologische Transformation, jetzt.
Margarita Langthaler, Mitarbeiterin der ÖFSE im Bereich Bildung, erklärte, dass wir derzeit 150 Prozent der Biokapazität der Erde verbrauchen. Während dieses Problem die gesamte Erde betreffe, sehe sie die Verantwortlichkeit dafür im mitteleuropäischen Wohlstandsmodell. Dieses beruhe auf der Entnahme von Ressourcen aus den Lebensgrundlagen anderer Menschen. Langthaler betonte, dass dieses Modell im globalen Maßstab nicht demokratisierbar sei und daher eine Transformation brauche. Bildung und Wissenschaft nehmen eine zentrale Rolle für sozial-ökologische Transformation ein, da die menschliche Lernfähigkeit unendlich sei, so Langthaler.
Transformationskraft Bildung.
Die SDGs sehe Langthaler als neues Transformationsnarrativ, um die Welt in eine nachhaltige Richtung zu verändern. Die umfassende globale Gestaltung und die ganzheitliche Ausrichtung des Transformationsgedankens der Ziele seien äußerst wichtig, die Ziele also grundsätzlich positiv. SDG 4 habe zwar einen bedeutenden Fokus auf Gerechtigkeit, Inklusion und Qualität, berücksichtige strukturelle Asymmetrien jedoch nicht. „Education as usual“ (dt.: Bildung wie gewohnt) sei für Transformationen nicht ausreichend. Herkömmliche Bildung unterliege dem Bildungsverständnis der Moderne, welches sich auf das kulturelle Fundament der Industriezivilisation stütze. „Wie sollen Schulen Demokratiefähigkeit lehren, die undemokratisch organisiert sind, soziale Ungleichheit tradieren, den Wettbewerb und das Gegeneinander lehren und ausgrenzen, anstatt zu inkludieren?“ fragte sie. Denn transformative Bildung bedeute auch gerechte Bildungssysteme, zu denen in globalem Maßstab gleicher Zugang für alle gewährleistet wird.
Transformative Bildung durch intrinsisches Lernen.
Ulli Gelbmann, Leiterin des Masterstudiums Global Studies an der Universität Graz, knüpfte an Langthaler an und bewertete das moderne Bildungssystem als veraltet. Es sei für unsere postmoderne Gesellschaft, in der sich Strukturen und Bindungen zunehmend auflösen, nicht mehr aktuell. Die Entwicklungen der postmodernen Bildung kritisierte sie als „Cafeteria System“ – ein Buffet, an welchem möglichst viele Zertifikate abzuholen seien. Gelbmann betonte, dass das Grundkonzept von Bildung noch immer Lernen sei. Hierfür sehe sie intrinsisches Lernen als besonders wichtig an, da es die Bereitschaft fördere Auseinandersetzungen einzugehen und sich einzubringen. Weltoffenheit, den Mut zu neuen Perspektiven, vorrausschauendes Lernen und Handeln, Partizipation bei Entscheidungen, Selbstmotivation und die Motivation Anderer sowie Empathie seien Inhalte intrinsischen Lernens. Diese Lernmotivation sehe sie als Grundlage transformativen Wirkens in der Gesellschaft. Denn, so Gelbmann: „Bildung muss Spaß machen und sexy sein“.
Globales Lernen als Bildungsmodul.
Walter Prügger (Leiter des Bischöflichen Amtes für Schule und Bildung der Diözese Graz-Seckau) berichtete daraufhin von Konzepten der Katholischen Pädagogischen Hochschule Graz (KPH), an der er als Lehrender tätig ist. Die KPH versuche Lernräume zu durchmischen und finanzielle Hürden für SchülerInnen abzubauen. Diese Bestrebungen seiner Bildungseinrichtung sehe er als kleine Chancen für Transformationen, die mit vielen Herausforderungen verbunden seien. Den Lehrgang für Globales Lernen an der KPH Graz sehe er als Chance, sich neue, wichtige Fragen zu stellen. Globales Lernen müsse im Lehrplan stattfinden und das – bezugnehmend auf Ulli Gelbmann – intrinsisch.
Große Worte – große Taten?
In einer abschließenden Diskussion über Begriffe und Titel von Bildungsprogrammen und Bestrebungen stellte Ulli Gelbmann fest, dass wir nicht nur über Terminologien, sondern über das Handeln nachdenken sollten. Langthaler hingegen ergänzte, dass die Konzeptualisierung von Bildung als Entwicklungskraft noch immer stark ökonomisch geprägt sei. Transformative Bildung solle jedoch beschreiben, was bisher fehle. Daher sei das Basteln an Terminologien vielleicht lästig, aber doch lohnenswert.
Die Autorin ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at
Weiterführende Links:
– Power Point Präsentation zur key note von Margarita Langthaler: Bildung und sozial-ökologische Transformation_Langthaler_08 06 17.pdf (1.95 MB)
– Informationen zu SDG 4 (in englischer Sprache)
– Informationen zu SDG 4 (in deutscher Sprache)
– Weltbildungsbericht der UNESCO in englischer Sprache (2016)
– Globales Lernen – Pädagogik für WeltenbürgerInnen an der KPH Graz
– 7. Österreichische Entwicklungstagung, 17. bis 19. November 2017, in Graz: www.entwicklungstagung.at
Fotos: © Paulo Freire Zentrum