Gesellschaftlicher Wandel als Lernprozess. (III)

Die sozial-ökologischen Herausforderungen unserer Zeit erfordern einen Wandel der gesellschaftlichen Organisation und kulturellen Narrative. Im Teil III der Artikelserie erörtert Michael Narberhaus (Smart CSOs Lab) die Kernrollen für den systemischen Wandel und positioniert schließlich einen Wegweiser dafür.

Kernrollen für den systemischen Wandel.

Um den systemischen Wandel effektiv zu unterstützen, bedarf es nicht der einen, idealen heilbringenden Strategie, sondern einer Vielzahl von komplementären Ansätzen und Strategien, die sich gegenseitig bestärken (vgl. Smart CSOs Lab 2015). Zwei wichtige Rollen für Organisationen und Netzwerke der Zivilgesellschaft im Prozess des gesellschaftlichen Wandels sind der/die AkupunkteurIn und der/die FragestellerIn.

Der/die AkupunkteurIn:

Diese/r AkteurIn organisiert Kampagnen und setzt Themen, die das Potenzial haben, den politischen Diskurs zu verändern. Auch wenn Kampagnen oft kurzfristig die politischen Ziele nicht erreichen, sind sie effektiv und wichtig, weil sie durch Diskurs gesellschaftliche Veränderungen anstoßen. Der/die AkupunkteurIn scheut nicht den Konflikt mit den bestehenden Machtstrukturen und macht durch seine/ihre Kampagnen die Logik des Systems offenbar.

Entscheidend dabei ist, dass der/die AkupunkteurIn die Kunst des „Framings“ beherrscht. RechtspopulistInnen sind schon lange erfolgreich darin und bestimmen durch ihre Provokationen immer häufiger den politischen Diskurs. Dagegen versuchen gerade progressive Kräfte in der Politik und der Zivilgesellschaft in erster Linie durch Fakten zu überzeugen. Sie scheuen sich davor, moralisch zu sein. Dabei zeigt die Forschung, dass die Menschen in der Regel nicht faktenbezogen über Politik denken (vgl. Wehling 2016).

Zivilgesellschaftliche Organisationen, die erfolgreich den politischen Diskurs bestimmen wollen, müssen vor allem zunächst einmal ihre ideologische Perspektive klären. Sie sollten zum Beispiel die Argumentation vermeiden, dass Wirtschaftswachstum ein wichtiger Grund ist, in erneuerbare Energien zu investieren oder Geflüchtete aufzunehmen. Das ist unehrliches Taktieren und festigt alte Denkstrukturen. Im Gegensatz dazu traut sich der/die AkupunkteurIn, seine/ihre Werte und moralische Anliegen klar zu kommunizieren. Gemessen an üblichen Erfolgskriterien erreicht der/die AkupunkteurIn seine/ihre Kampagnenziele oft nicht, aber er/sie setzt Impulse für neue Narrative.

Der/die FragenstellerIn:

Diese/r AkteurIn schafft Räume für Dialog zu den fundamentalen Fragen unserer Zeit, die in der öffentlichen Debatte meist verdrängt werden. Michael Sandel, Professor für politische Philosophie, argumentiert, dass eine Debatte über die Reichweite der Märkte in der Politik nicht geführt wird (vgl. Sandel 2012). Doch eine Entscheidung, welche Güter handelbar und welche durch Werte beherrscht werden und nicht dem Markt unterliegen sollten, ist dringend notwendig. Denn bleibt eine bewusste Grenzziehung aus, entscheidet allein der Markt.

Für die Initiierung einer sozial-ökologischen Transformation ist gerade diese Art von Fragestellungen essentiell. Der/die FragenstellerIn ist sich bewusst, dass noch niemand die ultimative Weisheit darüber besitzt, wie ein wirklich nachhaltiges und gerechtes Wirtschaftssystem aussehen soll.

In der Nische wird viel erprobt und über eine Wirtschaft des Gemeinwohls diskutiert, eine Wirtschaft ohne Wachstum oder die solidarische Ökonomie. Letztendlich braucht Demokratie aber den Dialog und Konsens in der Mitte der Gesellschaft. Die alte Mitte bröckelt jedoch. Die alte Mitte fußt auf den Fundamenten einer Marktgesellschaft, die so keine Zukunft hat. Es braucht daher eine neue Mitte. Ohne diese kann Demokratie nicht funktionieren.

Die Dialogräume, die der/die FragestellerIn öffnet, können helfen, diese neue Mitte zu schaffen. Sie versuchen, Grabenkämpfe zu überwinden und breite Kräfte der Gesellschaft dadurch zu bündeln, dass Antworten nicht vorweggenommen werden, sondern dass durch eine solche demokratische Erneuerung ein neuer Gesellschaftsvertrag entsteht, der systemische Antworten auf systemische Krisen findet.

Fazit.

Die Vision eines solchen transformativen Wandels mag utopisch erscheinen. In der Tat weiß niemand, ob es jemals zu einer solchen grundlegenden kulturellen und wirtschaftlichen Veränderung kommen wird. Es ist jedoch unsere einzige Chance für eine wirklich nachhaltige und gerechte Zukunft. Daher sollten sich zivilgesellschaftliche Organisationen, die ernsthaft zur Lösung der globalen Krisen beitragen wollen, aktiv am Suchprozess des systemischen Wandels beteiligen.

Jeder auch noch so pragmatische Ansatz, der auf eine akute Lösung drängender Probleme zielt, sollte so konzipiert sein, dass gleichzeitig die Möglichkeit eines tiefgreifenden Wandels in der Zukunft unterstützt wird. Das hier angerissene Konzept kann der Zivilgesellschaft dabei dienen, den strategischen Lernprozess des transformativen Wandels zielführend zu gestalten.

 

Der Autor ist Mitbegründer von ‚Smart CSOs Lab‘ und arbeitet an der Schnittstelle von Wissenschaft und zivilgesellschaftlicher Arbeit für ein nachhaltiges Wirtschaften. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at

 


 

Weiterführende Links:

Zum Teil II der Artikelserie: https://www.pfz.at/article1895.htm

Smart CSOs Lab: https://www.smart-csos.org/

 


 

Foto: © Michael Narberhaus

Veröffentlicht in Sozial-ökologische Transformationen, Themen.