Jean Ziegler, Globalisierungskritiker und ehemaliger Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung der UNO, stellte am 25. März im ausverkauften Burgtheater sein neues Buch „Ändere die Welt!“ vor. Die Chefredakteurin des Standard, Alexandra Föderl-Schmid, moderierte den Abend.
Biographie, keine Bilanz
In „Ändere die Welt!“ präsentiert Jean Ziegler seinen soziologischen Hintergrund, seine akademischen Vorbilder wie Jean-Paul Sartre und seine Erfahrung als Politiker und Mitglied der UNO. Außerdem erläutert er, wie ausbeuterisch unsere Weltordnung sei. Das Buch sei zwar autobiographisch, aber „keine Bilanz! Das riecht nach Tod, das will ich nicht!“ so der 80-jährige Professor der Soziologie.
Im Schreibzimmer mit Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir
Als junger Schweizer Student in Paris sei sein größtes Vorbild Jean-Paul Sartre gewesen. Dieser unterstützte eine studentische Untergrundorganisation, die AsylwerberInnen in Frankreich half und in der auch der junge Ziegler aktiv war. Ihn inspirierten Sartres Großzügigkeit, seine Unabhängigkeit und seine ehrliche Neugierde, mit der er Ziegler über seinen ersten Einsatz mit der UNO im Kongo befragte.
Schmunzelnd erinnerte er sich, wie er zu seinem jetzigen Namen kam: Sartre ermutigte Ziegler zum Schreiben. Als Simone de Beauvoir seinen Text korrigierte, meinte sie, Hans sei doch kein Name für einen Schriftsteller und nannte ihn kurzerhand Jean, wie er sich ab dem Zeitpunkt selbst nannte.
Soziologische Wurzeln
So begeistert legte Ziegler seinen soziologischen Hintergrund dar, dass Alexandra Föderl-Schmidt ihn an ihre Frage, wer ihn am meisten inspiriert habe, erinnerte. Marx‘ generative Soziologie, die Frankfurter Schule und die Kritische Theorie waren drei wichtige theoretische Konzepte, die ihn beeinflussten. Der Soziologe und Anthropologe Roger Bastide imponierte ihm, weil dieser die eurozentristische Wissenschaft kritisiert habe, indem er die positiven Aspekte der „afrikanischen Kulturen“ betonte.
Foto: Jean Ziegler, Alexandra Föderl-Schmid; © Daniel Nowotny
Hoffnung in die Zivilgesellschaft
Von seinem theoretischen Hintergrund leitete er zu seinen Hauptthesen über: „Wir leben in einer total absurden Weltordnung!“ so Ziegler. „13% Weiße beherrschen die Welt. Die 500 größten Privatkonzerne haben 52,8% des Welt-Bruttoinlandsprodukts und totale Autonomie: eine Weltdiktatur mit dem einzigen Prinzip der Profitmaximierung.“
Ob denn die Moral fehle, fragte Föderl-Schmid. Darauf Ziegler: „Es geht nicht um Moral. Ich hasse Moral. Moral führt nicht weit.“ Das Problem sei strukturelle Gewalt, die KonzernchefInnen zwingt mitzuspielen, um nicht im Konkurrenzdruck unterzugehen. Außerdem herrsche die Illusion, wirtschaftliche Abläufe seien natürlich. Deshalb fühlten sich Menschen von der Wirtschaft entfremdet und ohnmächtig. Ziegler wetterte gegen die aktuelle Intransparenz und warnte vor dem transatlantischen Handelsabkommen TTIP (Transatlantic Trade and Investment Partnership). Die Zivilgesellschaft müsse die Macht multinationaler Konzerne eindämmen.
Die repräsentative Demokratie sei am Ende, so Ziegler: „Ich saß ja jahrelang im Nationalrat. Das hat auch nichts genützt.“ Aus dieser Erfahrung mit langwierigen und machtbesetzten Prozessen sehe er mehr Änderungspotenzial in der Zivilgesellschaft, die sich zu Bewegungen wie Attac, Via Campesina und das Weltsozialforum zusammenschließe.
Was können wir als Einzelpersonen tun?
Diese Frage aus dem Publikum beantwortete Ziegler mit konkreten Forderungen: Erstens solle die Zivilgesellschaft alles tun, damit die Börsenspekulation auf Grundnahrungsmittel verboten werde. „Morgen können wir vor dem Parlament stehen und demonstrieren!“ rief er auf. Zweitens können wir durch Demonstrationen und andere demokratische Instrumente unsere FinanzministerInnen zwingen, sich für die Erlassung der Auslandsschuld der ärmsten Länder einzusetzen. Drittens unterstütze er die von Attac geforderte Tobin-Steuer, für deren Einführung die Zustimmung von elf Staaten der EU nötig sei.
Interessierte könnten sich auf folgenden Ebenen engagieren: als BürgerInnen politisch aktiv zu werden und als KonsummentInnen regionale und saisonale Nahrung zu kaufen. Zusätzlich appellierte er an Barmherzigkeit: „Sie können sparen und an Hilfsorganisationen spenden!“
Wir leben in einer Revolutionszeit
Zum Schluss machte Ziegler Hoffnung: „Wir wissen, was gerecht ist und was sein sollte. Aber wie wir dahin kommen, das ist das Mysterium der Geschichte.“ Er unterstrich seine Überzeugung mit Poesie und zitierte Pablo Neruda: „Sie können alle Blumen abschneiden. Aber niemals werden sie den Frühling töten.“
Die Autorin ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at
Weiterführende Links:
– Interviews mit Jean Ziegler: https://oe1.orf.at/programm/393081
– Zum Recht auf Nahrung: https://www.righttofood.org/the-team/jean-ziegler/
– Attac über TTIP: https://www.attac.at/kampagnen/ttip-ceta-co-stoppen/gemeinderesolution.html
– Petition gegen TTIP: https://www.freihandelsabkommen.at/