„Wandel erzwingt man nicht!“: Ein Interview mit Vandana Shiva am Gemeinwohl-Fest.

Die Gemeinwohlökonomie ist fünf Jahre alt! Das wurde am 13. Februar im ausverkauften Volkstheater gefeiert: Mit Gästen wie Alternativnobelpreisträgerin Vandana Shiva. Im Interview erklärt sie, warum sich ManagerInnen von Agrarkonzernen an einer Gemeinwohlökonomie beteiligen werden.

Die internationale Bewegung der Gemeinwohlökonomie besteht aus Privatpersonen, UnternehmerInnen und Gemeinden, die die Vision einer nachhaltigen, fairen, demokratischen Wirtschaftsform teilen. Anlässlich des 5-Jährigen Bestehens der Bewegung wurde ein Fest veranstaltet, um internationalen KünstlerInnen und ReferentInnen einen kreativen Rahmen für Gespräche mit VordenkerInnen und PraktikerInnen der Gemeinwohlökonomie zu geben. Auch Vandana Shiva war vor Ort und erklärte sich mit Freude bereit, ein Interview zu geben:

Monika Austaller: „Wir sind hier am Fest der Gemeinwohl-Ökonomie. Sie engagieren sich für biologische Vielfalt und den Zugang für Bäuerinnen und Bauern zu Saatgut, der oft von großen Agrarkonzernen verhindert wird. Ich frage mich: Warum sollten Menschen in derart mächtigen Unternehmen, bestens bezahlte ManagerInnen, ihre Privilegien aufgeben, um Teil einer Gemeinwohlökonomie zu werden?“
Vandana Shiva: „Weil es für sie relevant sein wird! Gentechnik in der Landwirtschaft gibt es erst seit zwanzig Jahren. Wie kommt man darauf, dass die 10.000 Euro Lohn, die ein junger Mann bei einem Konzern wie Monsanto im Monat verdient, eine höhere Priorität hat, als die Leben so vieler Bäuerinnen und Bauern? 300.000 indische Bauern haben Selbstmord begangen, weil sie systematisch ausgebeutet werden –  für den maximalen Profit der Konzerne. Ich überlege also nicht, wie ich den Lohn dieses Managers beschütze, sondern ich frage: Wie verteidige ich die Bäuerinnen und Bauern? Wie kann ich sicher gehen, dass die Bauern Saatgut in ihre Hände bekommen, damit sie dieses nicht von Monsanto kaufen müssen?

Eines Tages wird auch dieser junge Mann von Monsanto aufwachen und er wird die Bauern unterstützen – davon bin ich überzeugt.“

Monika Austaller: „Wie kann ein solcher Wandel passieren? Denken Sie, es braucht einen demokratischen Prozess, in dem die Zivilgesellschaft eine Veränderung erzwingt?“
Vandana Shiva: „Nein, Wandel erzwingt man nicht. Diktatoren erzwingen Wandel. Auch Konzerne erzwingen Wandel. Der freie Handel, das transatlantische Freihandelsabkommen (TTIP), die Welthandelsorganisation (WTO), der Konzern Monsanto, der versucht Europas Gentechnik-Gesetze zu korrumpieren – all das ist Zwang! Aber wenn wir ökologische Landwirtschaft betreiben, muss man niemanden zwingen. Du erlaubst einfach immer mehr Menschen, diese zu erleben, zu schmecken und zu sehen…sie kennenzulernen.“
Monika Austaller: „In Österreich ist derzeit die sogenannte „Flüchtlingskrise“ eines der drängendsten Themen. Grenzen werden kontrolliert, um herauszufinden, ob die ankommenden Menschen eine Chance auf Asyl haben. Dafür wird unterschieden zwischen „Kriegsflüchtlingen“ und „Wirtschaftsflüchtlingen“. Was denken Sie – bezogen auf Gemeinwohl – wie sollte mit der „Flüchtlingskrise“ umgegangen werden? Ist eine solche Unterscheidung sinnvoll oder sollte jedem Menschen Asyl gewährt werden, der darum bittet?“
Vandana Shiva: „Warum kommen überhaupt Flüchtlinge nach Europa? – Weil westliche Mächte, Europa inklusive, Syrien wie verrückt zerbombt haben. Davor haben die gleichen Mächte, mithilfe der Weltbank und dem Internationalen Währungsfonds (IWF), Syriens Landwirtschaft zerstört. 2009 hat die Landwirtschaft komplett versagt und eine Million Bäuerinnen und Bauern ist in Städte gezogen – als Wirtschaftsflüchtlinge. 2011 fanden Interventionen statt, Rebellen wurden bewaffnet. Nun kann man sich aussuchen, wen man als Rebellen bezeichnet. Diese Krise ist von westlichen Entwicklungsmodellen und Militärinterventionen gemacht. Deshalb haben die USA und Europa die ernsthafte Verantwortung, anzuerkennen, dass es keinen Unterschied gibt zwischen Geflüchteten: Bis 2009 waren sie Wirtschaftsflüchtlinge, nach 2011 wurden sie Kriegsflüchtlinge. Außerdem: Wessen Krieg ist das denn? Putin ist erst seit kurzem dort, aber vor ihm waren schon andere da. Diese Flüchtlinge habt ihr erzeugt!
Ich sehe eine Verbindung zwischen der Zerstörung der Erde, der Zerstörung von Wirtschaft und Gesellschaft, der Erzeugung von Flüchtlingen, Konflikten und Gewalt: Das ist ein einziger Teufelskreis. Aber man kann aus diesem Teufelskreis ausbrechen und sich um die Erde kümmern, Frieden für alle Gesellschaften aufbauen, Konflikte überwinden und nachhaltige Lösungen finden! Dafür rufen wir im Manifest “TERRA VIVA – Our Soil, Our Commons, Our Future” auf.“
Monika Austaller: „Welche Verbindung sehen Sie zwischen unserer „Nicht-Gemeinwohl-Ökonomie“ und Terrorismus?“
Vandana Shiva: „Eine sehr enge Beziehung. Was als Terrorismus und Extremismus bezeichnet wird, konnte man besonders gut in Punjab/Indien beobachten. Ich arbeitete damals für die UN und schrieb das Buch „The Violence of the Green Revolution (1993)“. Punjab ist das Land, in dem die Grüne Revolution durchgeführt wurde – das Modell chemischer Landwirtschaft. Ganz klar, dass hier eine Wirtschaft des Nicht-Gemeinwohls herrschte, nämlich nur für das Wohl großer Monopole der Düngemittel-Industrie: Diese Düngemittel zerstörten die Böden und stürzten die bäuerliche Bevölkerung in Schulden.

Eine Deklaration dieser Zeit besagte: Wenn du nicht bestimmen kannst, was du auf deinen Feldern anbaust, kannst du auch nicht bestimmen, wie du es anbaust und zu welchem Preis du deine Produkte verkaufen wirst. All das wird von einer fernen Autorität entschieden, über die du keine Kontrolle hast. Du lebst also in Sklaverei. Als die Bäurerinnen und Bauern in Punjab rebellierten, standen sie auf gegen eine Versklavung durch die industrielle Landwirtschaft, durch die Grüne Revolution.

Verzweifelte Bäuerinnen und Bauern haben ihren Lebensunterhalt und ihr Leben verloren. Ihre Proteste werden religiöse Konflikte genannt, die Menschen werden als Terroristen bezeichnet – es wird verkannt, dass es sich in Wirklichkeit um Probleme handelt, die aus dem falschen Wirtschaftsmodell entstehen!“ 

 

Die Autorin studiert ‚Socio-Ecological Economics and Policy‘ und ist Mitglied im Online-Redaktionsteam. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at

Foto: „Vandana Shiva am Gemeinwohl-Fest“. © Michael Janousek


 

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