Ernährungssouveränität: Globalize Struggle! Globalize Hope!

Machen wir ein kleines Gedankenexperiment: Stellen wir uns vor, wir haben eine Glaskugel vor uns, die uns über einen Zauber ermöglicht, die Geschichten zu sehen, die in Lebensmitteln enthalten sind. Nicht nur die abstrakten, wie „Lebensmittelkilometer“. Nein, die wirkliche Geschichte der Dinge. Wir könnten die Personen sehen, die an ihrer Herstellung beteiligt sind. Auch diejenigen, die erstere versorgen, während sie diese Dinge herstellen. Und auch diejenigen, die dadurch zu kurz kommen, weil diese Dinge auf diese Art und Weise hergestellt, verteilt und konsumiert werden. Es würde sichtbar, wie vielfältig unser Lebensmittelsystem mit unterschiedlichsten Erfahrungen, sowie mit Ungleichheit zwischen Geschlechtern, Klassen, Norden und Süden und ethnischen Gruppen verwoben ist. Es würde auch sichtbar, wie sehr wir selbst darin verstrickt sind. Es würde sichtbar, dass nicht nur unermessliche „externalisierte ökologische Kosten“ damit verbunden sind, sondern eben auch Menschen, die in dem System ausgeschlossen und unsichtbar gemacht werden. Kurzum: Es würde die fundamentale soziale und ökologische Krise sichtbar werden, in der das Agrar- und Lebensmittelsystem derzeit steckt. Es würde sichtbar werden, dass diese Krise sehr viel mit dem bestehenden Wirtschaftssystem und den damit verbundenen Macht- und Herrschaftsverhältnissen zu tun hat.

Die Zukunft von Landwirtschaft und Ernährung

Welche Lebensmittel sollen produziert werden, von wem, unter welchen Bedingungen, wie, warum und für wen? Das sind entscheidende Zukunftsfragen. Aktuell kann sich ein Sechstel der Menschen ihr Essen ganz einfach nicht leisten. Die ProduzentInnen haben kaum eine Stimme in diesem System. Genau das kritisiert das Konzept der Ernährungssouveränität. Lebensmittel sollten demnach produziert werden, um menschliche Bedürfnisse zu befriedigen, anstatt Nahrungsmittel als Waren für Profite zu produzieren.

Es ist heute offenkundig, dass es einen Paradigmenwechsel im Lebensmittelsystem braucht. Die ökologischen, sozialen und energetischen Bilanzen sind negativ: „Weiter wie bisher ist keine Option“, stellt der Weltagrarbericht fest. Es ist klar, dass die bloße Mitbestimmung über das Supermarktregal, bei der einzig kaufkräftige KonsumentInnen über ihr Einkaufsverhalten „mitbestimmen“ können, bei weitem nicht ausreicht. Wenn die Waren im Regal stehen, sind viele wichtige Fragen längst entschieden. Wenn es um die demokratische Gestaltung des Lebensmittelsystems geht, müssen vielmehr alle Betroffenen, insbesondere Kleinbäuerinnen und -bauern, Landlose, TagelöhnerInnen und viele mehr im Zentrum stehen. Die Mehrheit der betroffenen Menschen hat viel zu wenig zu sagen in diesem System – doch geht es gerade um ihre, um unsere, Zukunft. Dafür bräuchte es eine umfassende politische und ökonomische Demokratisierung.

Ernährungssouveränität jetzt!

Ernährungssouveränität ist das Recht von Menschen, über die Art und Weise der Produktion, der Verteilung und der Konsumtion von Lebensmitteln selbst zu bestimmen. Es geht um die Eröffnung eines umfassenden demokratischen Prozesses in Bezug auf diese entscheidenden Zukunftsfragen. Dabei ist das Konzept nicht einfach mit „Ernährungssicherheit“ gleichzusetzen, da hier jene Fragen ausgeblendet bleiben, die Ernährungssouveränität gerade ins Zentrum rückt: Im Verlauf der Geschichte der Landwirtschaft wurde im Namen von „Ernährungssicherheit“ die kapitalistisch-industrielle Landwirtschaft mit dem alleinigen Fokus auf Produktions- und Profitsteigerungen ohne Rücksicht auf die sozialen und ökologischen Auswirkungen vorangetrieben. Diese Praxis hat in die gegenwärtige Krise geführt, indem immer mehr Menschen hungern und die sozialen und ökologischen Grundlagen einer zukunftsfähigken Landwirtschaft dadurch untergraben werden.

Das Konzept der Ernährungssouveränität zielt dem gegenüber auf die Schaffung der Voraussetzungen für Ernährungssicherheit für alle. Nur wenn die Ursachen der aktuellen Krise bekämpft werden, ist dies möglich. Dafür ist ein Paradigmenwechsel notwendig.

Die Vision der Ernährungssouveränität wurde Mitte der 1990er-Jahre von der weltweiten Kleinbäuerinnen- und -bauern-Organisation La Vía Campesina entwickelt. Es wird darüber versucht, Gestaltungsspielräume für eine ökologisch nachhaltige und sozial gerechte Zukunft anzueignen und dafür immer mehr Menschen einzubeziehen, um damit einem neuen System im wahrsten Sinne des Wortes „den Boden zu bereiten“. Um das zu erreichen, braucht es nicht einfach mehr Nahrungsmittel. Es braucht ein anderes Lebensmittelsystem, eine andere Form der Verteilung, die nicht den Großteil der Ressourcen dafür verwendet, möglichst viel in Richtung „kaufkräftige Nachfrage“ zu befördern. Gefordert ist ein Lebensmittelsystem, das nicht die Zerstörung kleinbäuerlicher, nachhaltiger Landwirtschaft und damit Armut und Hunger laufend produziert. Es braucht eine Landwirtschaft, die vielfältig, lokal angepasst und an den Bedürfnissen der Menschen ausgerichtet ist.

Widerstand ist fruchtbar!

Mit der globalen Bewegung für Ernährungssouveränität ist ein Prozess des Widerstands gegen das dominante Agrar- und Lebensmittelsystem, sowie gleichzeitig ein Prozess der kontinuierlichen Ausarbeitung und Weiterentwicklung von Ernährungssouveränität verbunden. Es geht darum, darüber auf einer partizipativen Basis das Lebensmittelsystem neu zu denken und neu zu gestalten. Dieser Prozess ist zentral. Ernährungssouveränität ist kein fertiges Modell für die Welt. Es ist nicht die Sache einer „Regierung“, die eine Definition vorlegt, wie all das ablaufen soll. Zentral ist vielmehr die Tatsache, dass wir uns darin einbringen und uns daran beteiligen.

Ernährungssouveränität fordert uns heraus, die Beziehungen zwischen Ernährung, Landwirtschaft und Natur, sowie ihre Rollen in der Gesellschaft neu zu bestimmen. Aber der vielleicht revolutionärste Aspekt von Ernährungssouveränität liegt darin begründet, dass sie uns herausfordert, die Beziehungen zwischen uns allen zu hinterfragen: Das ist die Basis dafür, die Dinge dann tatsächlich anders zu sehen und anders zu gestalten. Ganz ohne Zauber. Dadurch ist Ernährungssouveränität ein Weg, um den tiefgreifenden gesellschaftlichen Wandel anzugehen, der sich in Zeiten der globalen sozial-ökologischen Krise aufdrängt. Globalize Struggle! Globalize Hope!

Franziskus Forster ist Aktivist bei AgrarAttac. Der Artikel erschien in einer längeren Fassung bereits in der 2. Auflage der Broschüre „Die Zeit ist reif für Ernährungssouveränität“. Reaktionen bitte an: redaktion@pfz.at

Weiterführende Links:

  • Hier geht es zur Broschüre“Die Zeit ist reif für Ernährungssouveränität“: 

  • Vom 13. bis 17. April 2014 wird das erste österreichische Forum für Ernährungssouveränität „Nyéléni Austria 2014? im Schloss Goldegg in Salzburg stattfinden. Das Forum wird etwa 300 Menschen versammeln, die sich für das Thema Ernährungssouveränität engagieren und stellt einen wichtigen Meilenstein auf dem Weg zu einer starken Bewegung für Ernährungssouveränität in Österreich dar. Nähere Infos auf der Webseite: https://www.ernährungssouveränität.at/nyeleni/ 
  • Hier geht es zum Weltagrarbericht: https://www.weltagrarbericht.de/
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