Was hat der CO2-Ausstoß in Österreich mit Entwicklungszusammenarbeit (EZA) zu tun? Wie kann EZA einen Beitrag zur Ernährungssouveränität leisten? Was motiviert Menschen dazu, sich in zivilgesellschaftlichen Organisationen für Umweltschutz und Nachhaltigkeit einzusetzen?Im einem der Nachmittagspanels des Jahrestreffens der Entwicklungsforschung am 7. März 2014 wurde versucht, auf diese Fragen eine Antwort zu finden. Birgit Habermann (Centre for Development Research BOKU), Petra Braun (Universität Linz, im Vorstand von Slow Food OÖ), Gregor Giersch und Angela Meyer (Vorstandsmitglieder der Organisation for International Dialogue and Conflict Management – IDC) berichteten von aktuellen Projekten in Äthiopien, Uganda und Lateinamerika.
Effektiver Klimaschutz bei sozialverträglichem Wandel
Zunächst stellte Birgit Habermann ein transdisziplinäres Aufforstungsprojekt der Universität für Bodenkultur (BOKU) in Äthiopien vor. Ziel des, mit einer Laufzeit von über 30 Jahren angelegten, Projektes sei es, wenig genutzte Flächen aufzuforsten und somit einen Beitrag zur CO2-Kompensation zu leisten. Außerdem solle die entstehende Waldfläche der lokalen Bevölkerung als zusätzliche Einkommensquelle dienen und die Biodiversität der Region erhöhen.
Besonderheit dieses Projektes sei die enge Zusammenarbeit mit der lokalen Bevölkerung. So sollen die Flächen zur Aufforstung gemeinsam mit den AnwohnerInnen ausgewählt werden, über die spätere Nutzung der Flächen werde gemeinschaftlich diskutiert. Damit verfolge das Projekt einen ganzheitlichen Ansatz: Neben ökologischen Aspekten spielen auch soziale und gesundheitliche Aspekte eine wichtige Rolle. Die lokale Bevölkerung werde in alle Stufen des Entscheidungsfindungsprozesses mit einbezogen. Diese Herangehensweise bringe jedoch auch große Herausforderungen mit sich: Die Aushandlungsprozesse der Menschen vor Ort brauchen viel Zeit, was den Geldgebern gegenüber manchmal nur schwer vermittelt werden könne. Außerdem sei es nicht einfach, lokale Machtstrukturen zu durchschauen und somit legitime und repräsentative VertreterInnen der lokalen Bevölkerung zu finden.
Diese starke Zusammenarbeit mit den Menschen vor Ort und die Einbeziehung der sozialen Prozesse könne man als Umbruch ökologischer Projekte sehen – bis dato sei der ,Faktor Mensch‘ in Umweltprojekten leider zu oft vernachlässigt worden.
Essbare Gärten in Uganda
Anschließend präsentierte Petra Braun ein KEF-gefördertes Projekt in Zusammenarbeit der Johannes Kepler Universität Linz (JKU), der Makerere Universität in Uganda und der Slow Food Bewegung in Uganda. Slow Food habe sich zum Ziel gesetzt, in Afrika 1000 „essbare Gärten“ zu realisieren, vor allem in Form von Schul- und Gemeinschaftsgärten. Diese sollten ein alternatives Modell zum dominanten, nicht nachhaltigen Agrar- und Ernährungssystem bieten. In Uganda seien 35% Prozent der Bevölkerung unterernährt; Verlust der Bodenfruchtbarkeit und Klimawandel stellten das Land vor große Herausforderungen. Die Gärten sollen dazu beitragen, diese Situation zu ändern. Unter dem Slow Food-Motto „gut, sauber, fair“ werden qualitativ hochwertige Nahrungsmittel angebaut. Neben der Nahrungsmittelproduktion dienten die Gärten aber auch als Ort der Begegnung und des Wissensaustauschs – so werde z.B. das traditionelle Wissen zu Saatgut und Anbaumethoden gefördert und weitergegeben.
Aufgabe der WissenschaftlerInnen sei es dabei, die Planung und Umsetzung solcher Gärten zu begleiten und zu evaluieren. Ziel sei die Entwicklung eines Tools für GartenkoordinatorInnen, einer Art Anleitung mit Tipps und Tricks für die zukünftige Entwicklung und Umsetzung von Gärten. Somit solle eine, im wahrsten Sinne des Wortes, fruchtbare Verbindung von Theorie und Praxis erreicht werden.
Motivation zu ökologischem Handeln in Lateinamerika
Im dritten Vortrag präsentierten Angela Meyer und Gregor Giersch ihr Forschungsprojekt zu zivilgesellschaftlichen Organisationen in Lateinamerika. Ihre Arbeit ist Teil des größeren EU-Projektes CiVi.net- The Capacity of civil society organisations (CSOs) and their networks in community based environmental management.
Anhand von vier Fallstudien (drei in Brasilien, eine in Costa Rica) versuchten sie herauszufinden, warum Menschen sich in zivilgesellschaftlichen Organisationen für Umweltschutz und Nachhaltigkeit einsetzen. Außerdem interessierte sie, wie zivilgesellschaftliche Organisationen Lösungsstrategien zu ökologischen Problemen entwickeln und wie diese Lösungsstrategien eventuell an dritte Organisationen vermittelt werden können.
Anhand der Fallstudien wurde gezeigt, dass zivilgesellschaftliche Organisationen aus sehr unterschiedlichen Motivationen und mit sehr unterschiedlichen Zielen entstehen können: In staatlich gelenkten Top-down Verfahren oder in, aus einer Notsituation heraus gegründeten, Bottom-Up Bewegungen. Außerdem seien spezifische Lösungen von Umweltproblemen oft nur in begrenztem Maße auf andere Situationen und Organisationen übertragbar.
Kritische Anmerkungen zur CO2-Kompensation
Von den ZuhörerInnen kamen einige kritische Anmerkungen zum Modell der CO2-Kompensation. Nachgefragt wurde, ob durch den Kauf von CO2-Zertifikaten nicht letztlich auch eine gebremste Entwicklung in den betreffenden Ländern gekauft würde. Was passiert mit den, durch Geldern aus dem CO2-Handel geförderten Projekten, wenn dieser Handel einbricht? In welchem Verhältnis steht der bürokratische und finanzielle Aufwand der Zertifizierung zum Geld, das tatsächlich den Projekten zu Gute kommt?
Diese Fragen weisen darauf hin, dass im Bereich Klima, Umweltschutz und Entwicklungszusammenarbeit einiges im Umbruch ist und für die Zukunft geeignete Strategien überlegt werden müssen, mit diesem Wandel umzugehen.
Die Autorin ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at