Wachstum ohne Klimawandel?

Im Workshop „Socio-ecological Transition„, im Rahmen der zweiten Vorveranstaltung zur Entwicklungstagung „Development in Transition“ am 26. September 2014, sprachen Alexandra Strickner (Attac Austria) und Clive Spash (WU Wien) über (nötige) sozioökologische Umbrüche.Clive Spash gab zuerst allgemeine Erklärungen zu ökonomischen Systemen: Die Theorie des freien Marktes habe ihre Tücken, einige Faktoren würden ausgeblendet. Darum sei es Aufgabe der Regierungen, bei Versagen des Marktes einzugreifen und externe Faktoren, die von den AkteurInnen am Markt nicht berücksichtigt werden, zu internalisieren. Spash fokussierte auf den Aspekt der Umwelt, die in Marktmodellen oft den Status einer Externalität habe. Allerdings würden alle Ressourcen aus der Umwelt kommen und am Ende (in anderer Form, als Abfall/Emission ecc.) auch wieder dort landen. Dabei komme es zu einer Ausbeutung von Ressourcen mit niedriger Entropie – also einem niedrigen „Unordnungsgrad“ und hoher möglicher Energieausbeute – wie beispielsweise Erdöl, welche das System zur Energiegewinnung brauche. Den Gesetzen der Physik folgend führe das zu einem immer weiteren Anstieg der Entropie im System durch Verbrauch aller Reserven.

Weiters dürfe nicht vergessen werden, dass Ressourcen in soziale Beziehungsgeflechte eingebunden sind. Dadurch können mit deren Ausbeutung auch Konflikte und Kriege verbunden sein. Machtverhältnisse in und zwischen Gesellschaften würden eine wichtige Rolle spielen, schließlich gebe es einen Wettbewerb um begrenzte Ressourcen. Ein weiterer Aspekt, der sich mit dem Marktmodell kaum fassen lässt, sei Biodiversität. Die Frage nach dem „Warum“ könne darin nicht beantwortet werden, in einer „buy-and-sell„-Logik habe Biodiversität keine Priorität.

Spash brachte abschließend das Beispiel Chinas, wo Armut auf Kosten der Umwelt effektiv bekämpft worden sei und fragte, wie sich Wachstum und Klima(stabilität) miteinander vereinbaren ließen.

Weniger Arbeit!

Alexandra Strickner, aktiv im Vorstand von Attac Austria, erzählte, dass sie schon lange nach Wegen zur Vereinbarkeit von Wachstum und Klima suche. In gemeinschaftlichen Prozessen seien schon einige Lösungsansätze erarbeitet worden. Es gehe darum, Arbeit und Wohlstand gerecht zu verteilen, nachhaltige Energiequellen zu finden und soziale Perspektiven mit Umweltperspektiven zu verbinden. Ein guter Lösungsansatz sei beispielsweise, die durchschnittliche Arbeitszeit pro Person zu verringern. Außerdem könnten Steuern und staatliche Fördergelder noch effektiver zur Umverteilung genutzt werden. Natürlich seien solche Veränderungen immer mit Machtkämpfen verbunden. Aber alle Menschen zusammen könnten die Vision einer anderen Ökonomie erschaffen, wo alle weniger arbeiten müssten und vor allem „nützliche“ Arbeit verrichten.

Was fossile Ressourcen betrifft, schlug Strickner vor, diese nicht auszubeuten und lieber im Boden zu belassen. Es müsse ein Weg gefunden werden, mit der Machtkonzentration in den Händen  großer Konzerne umzugehen und auch manchmal aus der vorherrschenden Profitlogik auszusteigen. Der Übergang vom industriellen Produktionsmodell hin zu rationalisierter, auf lokale Bedürfnisse abgestimmter Produktion sei eine große Herausforderung. Clive Spash bemerkte zu Strickners Ausführungen, dass es nicht unbedingt notwendig sei, die Arbeitszeit zu verringern: Würden fossile Energiequellen wirklich im Boden belassen, würde in der Folge viel Kapital unproduktiv werden. Dadurch stiege der Bedarf an Arbeitskraft wieder. „Removing the capital generates work (dt.: Das Kapital zu verringern schafft Arbeit)„, so Spash. Das System müsse also weniger produktiv werden, um sozialer sein zu können.

Die Rolle der ExpertInnen

Spash stellte klar, dass ExpertInnen wichtig seien. Nicht alles könne in gemeinschaftlichen Prozessen erarbeitet werden, es brauche Leute, die wissen, wie die Dinge funktionieren. Wenn Ressourcen im Boden belassen würden, gingen Firmen Bankrott. Es sei wichtig, das System nur langsam zu dekonstruieren und einen sanften Übergang zu schaffen.

Strickner entgegnete, dass auch ExpertInnen mit der Bevölkerung in einen fruchtbaren Dialog treten könnten. Arbeitszeit verringere sich dadurch, dass die Arbeit auf Bedürfnissen abgestimmt werde. Doch welche Bedürfnisse sollten hier im Vordergrund stehen, fragte Spash: „What needs do we need (dt.: Welche Bedürftnisse brauchen wir)?“. Es sei wichtig, die Machtverhältnisse im Gleichgewicht zu halten, etwa mit Hilfe von Kontrollmechanismen. Der Dialog zwischen ExpertInnen und Bevölkerung sei auch ihm ein wichtiges Anliegen. Die Menschen würden intuitiv wissen, dass im System etwas nicht in Ordnung sei. ExpertInnen könnten ihnen dafür genauere Erklärungen geben. Er selbst habe etwa schon einige Erfahrung mit öffentlichen Vorträgen, die immer auf reges Interesse gestoßen waren. Strickner überlegte noch, wie sich das Problem der mächtigen Großkonzerne lösen ließe, die große Einflussmöglichkeiten auf den Markt haben. Möglicherweise könnten vorgeschriebene Höchstgrößen für Unternehmen hilfreich sein, wichtig sei jedenfalls Dezentralisierung. Was könnten Regierungen zu einer Lösung beitragen und wie? Wie könnten Gegenbewegungen gestärkt werden? Nach Antworten auf diese Fragen müsse noch geforscht werden.

Der Workshop endete mit vielen offenen Fragen und einigen Lösungsansätzen. Inwiefern sich letztere auch umsetzen lassen, wird sich erst zeigen. Auch welche neuen Antworten sich durch Verknüpfung oder Zusammenarbeit von Wissenschaft und Aktivismus ergeben können, blieb als Frage offen.

Der Autor studiert Internationale Entwicklung an der Universität Wien. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at

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