Spielräume rund um die FIFA-Weltmeisterschaft in Brasilien (Workshop 11)

Die Initiative „Nosso Jogo – unser Spiel“ nutzte die mediale Aufmerksamkeit rund um die FIFA-WM in Brasilien und transportierte soziale Themen an die Öffentlichkeit. Im Rahmen dieses Workshops bei der 6. Österreichischen Entwicklungstagung in Salzburg wurde das Projekt reflektiert.

Sport und Diskriminierung

Martin Kainz vom Vienna Institute for international Dialogue and Cooperation (VIDC) leitete die Diskussion. Er setzte sich im Rahmen von „FairPlay“ für Sport ohne Rassismus ein. Der Workshop wurde durch am Projekt beteiligte ReferentInnen mit unterschiedlichem Background bereichtert, die ihre Sicht auf die Entwicklungen einbrachten: Olivia Machado aus Brasilien ist Studentin in Wien und beteiligte sich an der Einbindung der Brasilianischen Community in das Projekt. Tanja Windbüchler ist Abgeordnete zum Nationalrat für die Grünen und als Sprecherin für Außen- und Entwicklungspolitik für Menschenrechte, Armutsbekämpfung und Bildung engagiert. Ute Mayrhofer von der Dreikönigsaktion, des Hilfswerks der Katholischen Jungschar, setzt sich mit ihrem entwicklungspolitischen und interkulturellen Background für Bildungs- und Jugendarbeit ein. Wolfgang Heindl vom entwicklungspolitischen Beirat der Salzburger Landesregierung setzt auf verstärkte Vernetzung sowie Erfahrungs- und Informationsaustausch verschiedener entwicklungspolitischer Akteure aus Staat, Kirche und Zivilgesellschaft.

Mediales Interesse für Missstände

Über drei Milliarden ZuschauerInnen verfolgten das weltweit größte Medienereignis im Jahr 2014. Neben dem sportlichen Interesse und vielen logistischen Herausforderungen kamen auch soziale Themen und Missstände im Land in den Genuss medialer Aufmerksamkeit. Bereits bei den unter enormen Zeitdruck ausgeführten Bauarbeiten von Stadien und Infrastrukturprojekten kam es zu tödlichen Arbeitsunfällen und Missachtung von Arbeitsrechten. Korruptionsvorwürfe gegen die brasilianische Politik im Umgang mit InvestorInnen, AnrainerInnen und BewohnerInnen von informellen Siedlungen erhitzten die Gemüter. So wurden über 170.000 Personen durch den Bau- und Immobilienboom im Zusammenhang mit der Weltmeisterschaft umgesiedelt. Kritische Stimmen in der Bevölkerung hätten die für die WM verwendeten öffentlichen Gelder lieber in Bildungs-, Gesundheits- und Infrastrukturprojekten investiert gesehen und äußerten ihr Missfallen in Massenprotesten.

Struktur und Ziele

Das Projekt Nosso Jogo wurde im Dezember 2013 gestartet und wird von mehreren Organisationen wie VIDC, Globalista, Frauensolidarität, Jugend eine Welt, Lateinamerikainstitut und Südwind getragen. Mittlerweile bestehe das Netzwerk aus 157 Organisationen, Institutionen und Akteuren, so Martin Kainz. Es verfügte über ein Budget von 400.000 Euro, wovon etwa zwei Drittel von der Austrian Development Agency (ADA) finanziert wurden. Die öffentlichen Aktivitäten des Projektes umfassten Vortrags- und Podiumsveranstaltungen, Workshops, Diskussionen, Public Viewings sowie Sport- und Kulturveranstaltungen. Insgesamt hätten an den Veranstaltungen bisher ca. 23.000 Personen teilgenommen. Bestimmte Regeln und Rahmenbedingen sind für Fußballspiele selbstverständlich. „Nosso Jogo„, zu Deutsch „Unser Spiel“, verwies auf die diesbezügliche Notwendigkeit für ein faires Miteinander auch außerhalb der Stadien. Gemeint seien alle Beteiligten der Weltmeisterschaft, von den EntscheidungsträgerInnen, InvestorInnen, BauarbeiterInnen, KellnerInnen, AnrainerInnen und der brasilianischen Bevölkerung allgemein bis hin zu den NäherInnen von WM-Sportartikeln außerhalb Brasiliens. Die Initiative versuchte die Öffentlichkeit in Österreich über Missstände, insbesondere bei Menschen-, Arbeits-, Frauen- und Kinderrechten, aufmerksam zu machen und für Verbesserungen bei zukünftigen Sportereignissen einzutreten. Es sollte ein diversifiziertes Bild Brasiliens präsentiert werden, jenseits von Klischees und Stereotypen. Die Arbeit rund um die Rechte der Kinder thematisierte insbesondere kommerzielle sexuelle Ausbeutung, Radikalisierung von Jugendlichen und Gewalt. Die Initiative stellte auch den Betroffenen von Zwangsräumungen im Rahmen von organisierten Treffen ein Sprachrohr zur Verfügung, so Ute Mayerhofer. Gute Öffentlichkeitsarbeit sei von großer Bedeutung, um Themen an die heimische Bevölkerung zu tragen. Dabei galt es, ein begrenztes Zeitfenster von großer medialer Aufmerksamkeit im Vorfeld der Weltmeisterschaft, etwa ab April bis zum Ende des Events, zu nützen. Die Besonderheit dabei war die Möglichkeit, ansonsten schwieriger zu erreichende Zielgruppen auf soziale Themen aufmerksam zu machen und zu sensibilisieren. So könnte über viele andere Themen wie Homophobie, Rassismus oder Migration gesprochen werden. Das sei ein Weg zur Veränderung von Sichtweisen und Vorurteilen aus der Bevölkerung. Schließlich könne ein höheres Problembewusstsein eine Verbesserung der Situation ermöglichen, indem das individuelle Handeln diesem entsprechend folge. Die Zielgruppen der Initiative umfassen auch Wirtschaftstreibende, PolitikerInnen, MigrantenInnen und KulturveranstalterInnen.

Nach dem Großevent ist vor dem Großevent

Die Vernetzung mit diversen Organisationen und Akteuren werde auch im Hinblick auf die Olympischen Spiele 2016 in Rio weitergeführt, blickte Kainz in die Zukunft. Im Unterschied zur Weltmeisterschaft werde es diesmal auch in sportlicher Hinsicht eine österreichische Beteiligung geben, was die mediale Aufmerksamkeit steigere. Es gebe bereits eine Petition, die nachdrücklich die Einhaltung von Menschenrechten einfordert. Diese richte sich an die EntscheidungsträgerInnen des Sports und der Regierung und unterstreiche deren Verantwortung. Martin Kainz schloss mit der Aktualität der Initiative ab: Auch die kommenden WM-Endrunden in Russland und Katar sorgten bereits im Zusammenhang mit Menschenrechten, Korruption und staatlich geförderter Diskriminierung wie Homophobie für Aufsehen und zeigen die Wichtigkeit von derartigen Initiativen auch in Zukunft.

Der Autor ist Student der Geographie an der Universität Salzburg. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at

Veröffentlicht in Entwicklungspolitik, Entwicklungstagung 2014, Dokumentation, Gutes Leben für Alle, Themen.