Welche Aufbrüche und Umbrüche benötigen die Wirtschaftswissenschaften? Diese Frage wurde im dritten Workshop der Veranstaltung „Development in Transition“ am 26. September 2014 an der WU in Wien diskutiert. Neben den Inputs der ReferentInnen blieb viel Raum für eigene Ideen der ca. 25 TeilnehmerInnen des Workshops.Steffen Bettin, Student des WU-Masters Socio-Ecological Economics and Policy (SEEP), moderierte den Workshop. Gedanken der Keynote Speech von Imme Scholz (Deutsches Institut für Entwicklungspolitik, DIE) aufgreifend, betonte er, dass die klassischen Theorien der Wirtschaftswissenschaften ungeeignet wären, um auf die gegenwärtigen Krisen zu reagieren. Trotz der offensichtlichen empirischen Schwächen mathematischer Modelle werden diese nach wie vor zur Erklärung realwirtschaftlicher Probleme herangezogen. Außerdem bleibe der Nationalstaat als Bezugseinheit in den meisten Forschungen unhinterfragt, wodurch nationalstaatliche Grenzen überschreitende Phänomene zu oft unberücksichtigt blieben. Angesichts dieser Problemlage stelle sich die Frage, welche Rolle (Sozial-)Wissenschaft bei gesellschaftlichen Umbrüchen spielen sollte.
Aktuelle Herausforderungen
Cornelia Staritz (ÖFSE) umriss in den 10 Minuten Redezeit knapp, welche Rolle die Ökonomie angesichts der Wirtschaftskrise einnehmen sollte. Zunächst machte sie klar, dass sich in den letzten Jahren durch Globalisierung, Finanzialisierung und eine Verschiebung des internationalen Mächtegleichgewichts (relativer Machtverlust der USA und der EU, neue aufstrebende Mächte) weitreichende gesellschaftliche Umbrüche ereignet hätten. Als wichtigste Herausforderungen nannte sie Armut, steigende Ungleichheit und die ökologische Krise. Ökonomie sollte ihrer Meinung nach mehr nach nachhaltigen, inklusiven Lösungen suchen, um ihren Beitrag zur Überwindung der Krisen zu leisten. Soziale, ökologische und ökonomische Themen sollten zusammen gedacht und sowohl der globale Norden als auch der globale Süden in Theorien und Analysen miteinbezogen werden. Welche Wechselwirkungen lassen sich erkennen?
Die Wirtschaftswissenschaften seien jedoch noch stark vom Mainstream beeinflusst, Machtfragen würden nicht thematisiert. Um die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts zu meistern, sei jedoch ein Paradigmenwechsel notwendig, hin zu einer Beschäftigung mit an der Realität orientierten Lösungen, einer Diversifizierung theoretischer Ansätze und interdisziplinärem Denken.
Historische Entwicklung der Wirtschaftswissenschaften
Anhand einer Analyse der historischen Entwicklung der Wirtschaftswissenschaften erklärte Sigrid Stagl (WU), warum die heutige Wirtschaftswissenschaft ist, wie sie ist. Ihre Institutionalisierung geschah zu einer Zeit schwerwiegender gesellschaftlicher Umbrüche: Wertschöpfung verschob sich von Landbesitz zu Lohnarbeit. Mit den Herausforderungen dieser Verschiebung entwickelte sich im 20. Jahrhundert die moderne Wirtschaftswissenschaft. Nun müssten die Wirtschaftswissenschaften wieder an den neuen gesellschaftlichen Herausforderungen wachsen. In der Ökonomie dominiere noch immer eine positivistische Weltsicht und die Überzeugung, Wissenschaft müsse mit kontrollierbaren Methoden ‚objektiv‘ messen. Durch die strengen Hierarchien innerhalb des Wissenschaftsbetriebs gebe es große Schwierigkeiten, gegen den Mainstream der Disziplin anzukämpfen und einen Wandel herbeizuführen.
Studentische Perspektive
Was sich tatsächlich bereits verändere und welche Partizipationsmöglichkeiten Studierenden geboten werden, erläuterte Hendrik Theine (SEEP) anhand seiner eigenen Erfahrungen. Er ist aktives Mitglied der International Student Initiative for Pluralism in Economics (ISIPE), einem Netzwerk, das Studierendeninitiativen aus 40 verschiedenen Ländern vereint. Bekannt wurde die Initiative vor allem durch den im Mai diesen Jahres veröffentlichten Offenen Brief für eine Plurale Ökonomik, der eine öffentliche Debatte anstieß. In Wien versuche die Studierendeninitiativen hauptsächlich durch direkten Kontakt mit Lehrenden einen Wandel herbeizuführen. Als schwierigste Herausforderung beschrieb Hendrik Theine das stark hierarchische und undemokratische universitäre System. Die Strukturen wären sehr schwer zu durchbrechen, weshalb er nicht von einem schnellen Wandel überzeugt sei. Wirtschaftswissenschaften müssten grundlegende Paradigmen ändern, müssten die Methodik erweitern. Bis dahin sehe er aber noch einen sehr weiten Weg.
Macht, Hierarchie und trotzdem Wandel?
Anschließend an diese Inputs teilten sich die TeilnehmerInnen des Workshops in drei Gruppen auf. Eine Gruppe arbeitete Hürden des Wandels heraus, die zweite Gruppe beschäftigte sich mit den AkteurInnen des Wandels, die dritte Gruppe mit den Mitteln, die zum Wandel führen könnten. Die Gruppen hatten eine halbe Stunde zum diskutieren und Festhalten von Ergebnissen. Die Ergebnisse der Gruppenarbeit zeigten vor allem, dass die gegenwärtigen Machtstrukturen, Hierarchien und vorgegebenen Karrierewege im Wissenschaftsbetrieb einen grundlegenden Wandel der Wirtschaftswissenschaften erschweren. Um einen Wandel zu erreichen, müssten verschiedene gesellschaftliche Akteure wie PolitikerInnen, JournalistInnen, HerausgeberInnen wissenschaftlicher Fachzeitschriften, Studierende, AkteurInnen des Erziehungssystems etc. gemeinsam Netzwerke aufbauen. Außerdem müsse schon in der weiterführenden Schule der Grundstein für ein besseres Verständnis der komplexen Zusammenhänge dieser Welt geschaffen werden.
Die Gruppenarbeit war vor allem ein Raum, nochmals über die Inputs der ReferentInnen nachzudenken und zu diskutieren. Die Ergebnisse spiegelten im Großen und Ganzen das bereits Gesagte wider. Die wichtigsten Schlagworte in den Diskussionen waren Macht, Hierarchie und Paradigmenwechsel, der Weg bis zu einem wirklichen Wandel scheint noch weit zu sein.
Die Autorin studiert Interkulturelle Kommunikation in München und ist Mitglied im Redaktionsteam des Paulo Freire Zentrums. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.
Weiterführende Links:
- Zum SEEP-Programm der WU Wien: https://www.wu.ac.at/programs/master/seep/
- Zum Deutschen Institut für Entwicklungspolitik: https://www.die-gdi.de/
- Zur International Student Initiative for Pluralism in Economics: https://www.isipe.net/