Derzeit existiert eine Fläche von ca 2 ha, die im Zuge wissenschaftlicher Forschungen gemeinsam mit den betroffenen BäuerInnen angelegt wurde (Abiyu und Gratzer, KEF Projekt P167). Diese Fläche wurde von jeglicher landwirtschaftlicher Nutzung ausgenommen. Im Gegenzug können die BäuerInnen nach einer Übergangsfrist von 5 Jahren den Holz- und Heuertrag der Fläche nutzen.Diese nachhaltige Nutzung muss von den BäuerInnen auch selbst verwaltet werden. Dazu gehört auch die Abhandlung von Übertretungen der Regeln, also etwa durch illegale Beweidung oder Holzentnahme, ein besonders heikles Thema, das oft zu Konflikten innerhalb von Familien führt. Das aktuelle CO2-Kompensationsprojekt baut auf diesen Erfahrungen auf und schlägt eine Erweiterung der nach diesem System „ausgezäunten“ Flächen im Gemeindegebiet auf 30 ha für einen Zeitraum von mindestens 30 Jahren vor. Neben der Betreuung des partizipativen Prozesses sind auch ÖkologInnen und ForstwirtInnen am Projekt beteiligt, die die Betreuung der Flächen nach ökologischen und forstwirtschaftlichen Gesichtspunkten begleiten. Entsprechend der Entscheidung der BäuerInnen werden bestimmte Baumarten in den Flächen gepflanzt und basierend auf Fläche und Artenzusammensetzung die zu erwartende Bindung von Kohlenstoff berechnet. Aufgrund der langen Projektdauer ist dies auch eine einzigartige Möglichkeit für die WissenschafterInnen die langfristige Entwicklung der Fläche aus ökologischer und sozialer Sicht zu beobachten. Diese Langfristigkeit und auch die Möglichkeit, über einen längeren Zeitraum mit den betroffenen BäuerInnen einen partizipativen Prozess zur Planung, Umsetzung und zum Monitoring durchzuführen, machen die Besonderheit dieses transdisziplinären Projektes aus.
Die Entscheidung
In beiden betroffenen Dörfern hat sich die Mehrheit der im Prozess involvierten Bevölkerung für die Auszäunung weiterer Flächen entschlossen. Sie haben sich dabei für bestehende Weideflächen entschieden, die von Büschen überwachsen sind und sich daher gut für Naturverjüngung eignen. Diese Flächen werden auch deswegen zur Beweidung genutzt, weil sie für anderweitige landwirtschaftliche Produktion nicht geeignet sind. Ein schwieriger Teil des Prozesses liegt noch vor ihnen: Die Entscheidung über die genaue Lage, Abgrenzung und Größe der Flächen. Diese muss wiederum in einer Dorfversammlung getroffen werden, da eine (auch unbewusste) Ausgrenzung betroffener BäuerInnen langfristig das Projekt gefährden würde. Ein ganz wichtiger Schritt ist in diesem Zusammenhang auch die Identifizierung der NutzerInnengruppen: Wie werden die einzelnen Gruppen oder NutzerInnen betroffen sein, wie kann Schaden vermieden werden und wie kann eine gerechte Verteilung des Einkommens erreicht werden?
Nur ein langer Weg führt zum Ziel…
Die angeregten Diskussionen und intensive Beteiligung der BäuerInnen am Prozess – trotz hoher Arbeitslast – haben gezeigt, dass der Bedarf und Wunsch nach Beteiligung an Planungs- und Entscheidungsprozessen hoch ist. Dies ist umso bemerkenswerter in einem politischen System, das diese Art der Beteiligung aussichtslos erscheinen lässt. Die Erfahrungen der BäuerInnen im feudalistischen äthiopischen Kaiserreich und in der darauffolgenden marxistischen Militärdiktatur lassen den äthiopischen Staat im Auge der BürgerInnen übermächtig erscheinen – das hat sich unter der aktuellen Regierung der Ethiopian People’s Revolutionary Democratic Front (EPRDF), die seit 1992 an der Macht ist, im Wesentlichen nicht geändert. Ein Blockwart-artiges Kontrollsystem überwacht die BürgerInnen bis in den letzten Winkel des Landes – bei Herausforderung des politischen Systems muss mit Sanktionen gerechnet werden. Die Art und Weise wie die EPRDF mit Unruhen nach den Wahlen im Jahr 2006 umgegangen ist, hat ein kurzes Aufblühen der Opposition und Freiheit im Denken und Reden rasch wieder verwelken lassen. Partizipation wird mehr als Information oder Beratung denn als Beteiligung an Entscheidungsprozessen verstanden. Eine weitere Interpretation ist die Massenmobilisierung (tesatfo), bei der BäuerInnen im Rahmen von Ernährungshilfsprogrammen zu Arbeiten zum Bodenerosionsschutz und zur Aufforstung gezwungen werden. Hier steckt auch der Gedanke dahinter, dass diese BäuerInnen im Idealfall für die Verbesserung der Lebenssituation der Allgemeinheit arbeiten, also das Gemeinwohl über ihr individuelles Bedürfnis stellen müssen.
Die Erfahrung der BäuerInnen lässt daher den Schluss zu, dass Entscheidungen betreffend ihre Lebens- und Arbeitsumwelt woanders gefällt und im besten Fall mitgeteilt werden. In diesem Projekt haben wir versucht einen anderen Weg zu gehen – er ist langwierig, ressourcenintensiv und mit einem hohen Risiko des Scheiterns behaftet. Die ersten Anzeichen lassen aber darauf schließen, dass es langfristig dennoch der nachhaltigere Weg ist.
Birgit Habermann (Ökologie, Agroforstwirtschaft und Entwicklungsforschung mit Schwerpunkt Wissenschaftsforschung) und Florian Peloschek (Agrarökologie und Entwicklungsforschung mit Schwerpunkt Kapazitätsentwicklung) arbeiten am Centre for Development Research (CDR) der Universität für Bodenkultur, Wien. Ihre PartnerInnen in Äthiopien, der Agrarsozioökonom Yonas Worku (Sozioökonomie, Partizipation und Umwelt) und die Soziologin Helen Teklu (Partizipation, Gender), sind für das Amhara Agricultural Research Institute (ARARI) in Gondar tätig. Sie arbeiten gemeinsam in den Projekten COPE-NG und Carbo-Part (Kohlenstoffspeicherung und Bodenbiodiversität in Äthiopien: Knowledge base und participatory management).
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