Rassismus ist ein Problem, das auch Österreich betrifft. Mit aktuellen Alltagsrassismen und der Afrodiaspora in verschiedenen Ländern, aber auch mit Sklaverei und Missionierung vergangener Zeiten befassten sich am 6. Juni 2013 die DiskutantInnen der Veranstaltung „Erzwungene Diaspora – Gezwungen zu gehen, am Ankommen gehindert“ im Wien Museum.Moderiert von Tülay Tuncel diskutierten die Venezolanerin Nirva Camacho von der Organisation „Cumbe afro-venezolanischer Frauen“, Njideka Iroh vom Verein Pamoja, Franz Helm, ehemaliger Missionar und Missionstheologe, Senol Akkilic vom Gemeinderat der Grünen und Hans-Georg Eberl vom Netzwerk „Afrique-Europe-Interact“. VeranstalterInnen des Abends waren der Verein Afrodiaspora, das Afro-Asiatische Institut in Wien, die Dreikönigsaktion der Katholischen Jungschar und das Wien Museum. Nach einer Begrüßung durch Damián Agbogbe vom Verein Afrodiaspora und Wolfgang Kos, Direktor des Wien Museums, sprach der venezolanische Botschafter Alí Uzcátegui Duque einleitende Worte.
Afrodiaspora in Venezuela
Mit der Politik von Hugo Chávez (Präsident Venezuelas von 1999 bis zu seinem Tod 2013) und der neuen Verfassung von 1999 habe sich die Anerkennung von Minderheiten in Venezuela stark verbessert, erklärte der Botschafter. Chávez sei der erste Präsident des Landes gewesen, der den Personen afrikanischer Herkunft sowie der indigenen Bevölkerung Respekt erwies und sich auch selbst als Person afrikanischer Herkunft anerkannte. Verschiedene Gesetze und Projekte, wie zum Beispiel das Gesetz gegen Diskriminierung, wurden entwickelt, wobei auch die Arbeit der Basisorganisationen besonders wichtig gewesen sei. Diese Politik und Ideologie werde nun unter Präsident Maduro fortgeführt.
Diese positive Neuorientierung bestätigte auch Nirva Camacho. Es gäbe heute viel mehr Möglichkeiten für Menschen afrikanischer Herkunft, auf politischer Ebene zu partizipieren. Trotz aller Bemühungen sei Rassismus aber immer noch ein Problem. Grundlage dafür bilde der transatlantische Dreieckshandel der Kolonialzeit. Eine der größten Herausforderungen heute sei der Endorassismus. Darunter sei ein Akt der Selbstdiskriminierung zu verstehen, erklärte Camacho. Viele Menschen afrikanischer Herkunft würden versuchen, europäische Züge hervorzuheben, da sie diesen mehr Wert zusprächen als den afrikanischen. Es sei daher wichtig, daran zu arbeiten, dass die Menschen ein Verständnis für die Situation der Ungleichheit entwickelten. Falsche Werte, die seit der Kolonialzeit bestehen sowie daraus resultierende Vorurteile vor sich selbst, müssten verlernt werden, um ein Wiederfinden und Anerkennen der eigenen Geschichte zu ermöglichen. Nur durch diese Selbstanerkennung könne auch eine Anerkennung durch andere erreicht werden.
Zur Rolle der Kirche
Helm, der 1987 als Missionar nach Brasilien kam, erzählte vom Umgang der Kirche zu dieser Zeit mit den eigenen kolonialen Verbrechen. 1988, genau 100 Jahre nach der Abschaffung der Sklaverei in Brasilien, habe es eine große Debatte innerhalb der katholischen Kirche darüber gegeben, wie mit diesem Jubiläum umzugehen sei. Denn die katholische Kirche habe lange Zeit die Sklaverei sowie die Ausbeutung und Eroberung von Ländern und Menschen, die nicht katholisch waren, ideologisch gerechtfertigt. Um kritische Fragen zu vermeiden, hätten viele dieses schreckliche Unrecht und damit das Jubiläum gar nicht ansprechen wollen, erzählte Helm. Da zu dieser Zeit aber auch die Befreiungstheologie sehr stark gewesen sei, habe man sich 1988 dann glücklicherweise mit den Bewegungen in Brasilien solidarisiert, die die Bewusstseinsbildung vorantreiben wollten. So habe man in verschiedenen Kampagnen, Projekten und Gottesdiensten die Vergangenheit aufarbeiten und die Mitschuld der Kirche bekennen können.
Die Situation in Österreich
Versklavung sei aber auch in Österreich ein Thema gewesen, so Iroh. Zwar habe es hier keine Plantagensklaverei wie in Lateinamerika gegeben, dennoch wurden zur Zeit Mozarts SklavInnen nach Österreich gebracht, um an den Höfen der Adeligen zu arbeiten.
Auch heute bestünden Rassismus und Diskriminierung in Österreich fort. Dies zeige sich in Sachbüchern ebenso wie in der Polizeigewalt gegen Flüchtlinge oder in vielen anderen Alltagsrassismen, die keine entsprechenden rechtlichen Folgen zu haben schienen.
Von den Alltagsrassismen auf politischer Ebene sprach Akkilic. Zurzeit seien nur sechs von 100 Gemeinderäten in Wien Personen mit Migrationshintergrund und auch verbal seien Rassismen spürbar. Immer noch würden diskriminierende Wörter im Gemeinderat verwendet, kritisierte Akkilic. Gemeinsam mit anderen habe er einen heftigen Kampf geführt, damit der Gebrauch dieser Wörter sanktioniert werde, allerdings ohne Erfolg. Als Begründung habe es bloß geheißen: „Das ist unsere Kultur!“
Eine andere Politikkultur, gute Antirassismusgesetze sowie die Aufarbeitung der eigenen Geschichte, besonders auch die Zeit nach 1945, wo sich Rassismen mit der Anwerbung von ArbeiterInnen in neuen Formen zeigten und in der Situation dieser Menschen bis heute fortbestünden, wären wichtig, betonte Akkilic.

v.l.n.r.: Senol Akkilic, Njideka Iroh, Hans-Georg Eberl , Tülay Tuncel, Franz Helm, Gabriele Gallo (Dolmetscherin), Nirva Camacho; beide Fotos: Christina Haslehner
Aktionen sind gefragt
Koloniale Gewalt drücke sich heute auch darin aus, dass Menschen gewaltsam in Länder abgeschoben werden, aus denen sie zur Kolonialzeit gewaltsam gerissen wurden, argumentierte Eberl. Abschiebungen fänden heute regelmäßig statt, ohne dass es aber einen breiten Aufschrei gebe. Die Verweigerung der Bewegungsfreiheit für manche sei ein Mechanismus, koloniale Privilegien aufrecht zu erhalten. „Für mich als Europäer ist es daher auch kein Problem, nach Mali oder Togo zu reisen. Umgekehrt geht das aber nicht so einfach“, kritisierte Eberl.
Während der gesamten Diskussion schienen sich die TeilnehmerInnen einig: Widerstand gegen Rassismus und Diskriminierung habe es immer gegeben und gebe es auch heute. Vernetzung und Solidarisierung mit AktivistInnen seien besonders wichtig. Das allein genüge aber nicht, ergänzte Eberl. Konkrete Praktiken, die den Beteiligten tatsächlich nutzen, müssten folgen.
Die Autorin ist Mitglied im Online-Redaktionsteam des Paulo Freire Zentrums. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.