Wege und Erfahrungen aus 20 Jahren in der Arbeit von und für Migrantinnen

Zum Weltfrauentag am 8. März 2013 folgten 25 Interessierte der Einladung des „International Centre for Migration Policy Development“ (ICMPD) ins C3 – Centrum für Internationale Entwicklung, um mit dessen Vertreterinnen Wege, Erfahrungen und Entwicklungen der letzten zwei Jahrzehnte weiblicher Migration zu diskutieren.Das ICMPD, 1993 zwischen der Schweiz und Österreich gegründet, forscht und berät gegenwärtig fünfzehn europäische Mitgliedsstaaten in Fragen multilateraler Kooperation von und mit MigrantInnen und AsylwerberInnen. Ziel ist es, die drei Säulen Dialog zwischen Regierungen, Kapazitätsbildung im Umgang mit Migrationsherausforderungen sowie Forschung und Dokumentation zu stärken. So soll Expertise zu Migrationsfragen und einem adäquaten Umgang mit MigrantInnen bereitgestellt werden. Zu diesem Zweck unterhält das ICMPD mit Sitz in Wien eine Mission in Brüssel und RepräsentantInnen in den Mitgliedsstaaten. Darüber hinaus hat es Beobachterstatus bei den Vereinten Nationen.

In den Abend eingeführt wurde von der stellvertretenden Generaldirektorin Gabriela Abado. Im Zusammenhang mit dem zwanzigjährigen Jubiläum des ICMPD ging sie näher auf die Frage um das zukünftige Mandat ihrer Organisation ein und legte den Themenschwerpunkt Frauenmigration für das Jubiläumsjahr 2013 dar. Moderiert wurde der Abend von der Kamerunerin und Bildungsreferentin bei Südwind, Téclaire Ngo Tam, in einem erfrischenden Klima des offenen Dialogs.

20_Jahre_weibliche_Migration2.jpg

Azra Merdzan, Ishraga Mustafa Hamid, Téclaire Ngo Tam und Marta Carballo de la Riva (die Referentinnen von rechts nach links); Foto: Marcelo Almeida Ribeiro, ICMPD

Gegenwärtige Dimensionen weiblicher Migration

Die erste Sprecherin, Fachreferentin am ICMPD zu Migration, Geschlecht und Entwicklung, Marta Carballo de la Riva, führte in Veränderungen weiblicher Migration und ihrer Rahmenbedingungen in den letzten Jahrzehnten ein. Dabei hob sie vor allem den Prozess der Migration selbst sowie Möglichkeiten und Probleme von Frauenermächtigung durch Migration hervor. Carballo de la Riva sieht heute 3% der Weltbevölkerung durch Migration verrückt, wobei Hauptgründe meist ökonomischer Natur und durch gegenwärtige Weltwirtschaftskrisen bedingt seien. Während Frauen in der Migrationsforschung zu Beginn nicht sichtbar gewesen wären, würden sie seit den 1960ern zunehmend – jedoch zuerst nur als passive Objekte – erfasst und inzwischen auch in ihrer Bedeutung und der Vielfalt ihrer Migrationsmuster anerkannt. So seien 49% aller MigrantInnen weiblich, in Industriestaaten stellten sie sogar eine Mehrheit dar.

Migrantinnen würden heute einen bedeutenden Teil der für viele Volkswirtschaften existenziellen Geld-Rücküberweisungen von Emigrierten in ihre Heimatstaaten verantworten. Diese betrugen 2010 insgesamt 400 Millionen Dollar, wobei Frauen laut Carballo de la Riva als Auftraggeberinnen verlässlicher anweisen und als Empfängerinnen das Geld verantwortungsbewusster verwenden als männliche Vergleichsgruppen. Trotzdem würden nach wie vor gerade emigrierte Frauen meist in traditionellen, informellen und marginalen Beschäftigungsverhältnissen, z.B. als Haushaltshilfe oder Au Pair, arbeiten. Gleichzeitig bieten die vielfältigen Möglichkeiten weiblicher Migration zunehmend Chancen und Netzwerke für Frauen – ob von Migration betroffen oder nicht.

Ungleiche Chancen und Risiken der Migration

Interface-Familienberaterin Arza Merdzan, geboren im bosnischen Bihac, studierte in Sarajevo und floh 1992 mit ihren beiden Kindern nach Wien. 2011 gewann sie einen Award für ihr humanitäres Engagement in Österreich. Frau Merdzan berichtete von ihrem Lebensweg – gekennzeichnet von Migration, zuerst der eigenen, später der derer, die sie als Beraterin oder ehrenamtlich schützt und bildet. Geprägt von ihrem Empfinden, dass  Österreich MigrantInnen in Krisensituationen und Konflikten nicht immer ausreichend zur Seite steht, lernte Sie eigenständig Deutsch, um erst sich selbst zu ermächtigen und seitdem auch Migrantinnen und Asylwerbenden dabei unterstützt, ein besseres Leben zu führen. Obwohl in Österreich, und gerade in Wien, inzwischen umfassende Mittel und Ressourcen zur MigrantInnen-Integration und -Assimilation bereitgestellt würden, kritisierte Merdzan, dass viele Betroffene weder Zugang dazu, noch Informationen darüber hätten. So sieht sie vor allem weibliche Subsidiärschutzberechtigte im Alter 50+, und hier gerade Romnija, von struktureller Gewalt betroffen. Diese würden quasi mit der ersten schwereren Erkrankung aus Zivilgesellschaft und Erwerbsdasein ausscheiden. Azra Merdzan wünscht sich deshalb von der österreichischen Gesellschaft mehr Unterstützung sowie Anerkennung und Wertschätzung der Vielfalt von Migrantinnen und ihren Migrationswegen.

Als Sudanesin in Wien

Abgerundet wurde der Abend durch den kreativen Beitrag der sudanesischen Autorin und Journalistin Ishraga Mustafa Hamid. Durch lebhaft-lebendiges Vortragen ihrer Gedichte, durchmischt mit Kommentaren zur Entstehung und zu den eigenen Migrationserfahrungen gelang es ihr, mehr oder weniger subtil Kritik an den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen für afrikanische Frauen in Österreich zu üben. Bildhaft zeigte sie auf, wie sie nach zwanzig Jahren in Wien zum ersten Mal in Europa (in London) einer afrikanischen Sozialarbeiterin begegnete. Aufgrund ihrer Erfahrungen in Österreich hatte sie nicht erwartet, dass eine Migrantin in dieser Position arbeiten könnte und nahm diese zuerst als Sekretärin wahr. Gleichzeitig konnte Ishraga Mustafa Hamid ihre Freude am Leben in Wien und im Kontrast dazu ihre gefühlte Fremdheit im Sudan darstellen.

Der Autor ist Praktikant im Paulo Freire Zentrum und studiert Internationale Entwicklung an der Universität Wien. Als junger Deutscher hat er in Indien, Schweden und Österreich Migrationserfahrungen sammeln können. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.

Veröffentlicht in Entwicklungsforschung.