Am 22. November 2012 wurde Djurica Nikolic für sein Engagement für ein gutes Zusammenleben und Teilhabe aller Menschen im 15. Wiener Bezirk mit dem IMMI 15-Preis ausgezeichnet. In der Laudatio von Gerald Faschingeder wird deutlich, wie vielseitig seine Geschichte ist und wie viel er im Bezirk geleistet hat. Das Paulo Freire Zentrum gratuliert Herrn Nikolic sehr herzlich!
Bezirksvorsteher-Stellvertreterin Claudia Bettina Dobias, Preisträger Djurica Nikolic, Laudator Gerald Faschingeder (v.l.); Foto: MediaWien
Laudatio von Gerald Faschingeder für Djurica Nikolic anlässlich der Verleihung des IMMI 15-Preises der Bezirksvorstehung 15:
Sehr geehrte Damen & Herren! Lieber Djurica!
Der heute mit dem IMMI 15-Preis geehrte Mann ist ein Mensch mit einer besonderen Geschichte. Eine Geschichte, die durch halb Europa führte. Eine Geschichte des Aufbrechens, des Aufbegehrens, eine Geschichte des Ankommens. Von Serbien nach Kärnten, von Kärnten nach Deutschland, von Deutschland nach Serbien und von dort nach Wien.
Ich kenne Djurica Nikolic nun seit sechs Jahren. Wir haben uns zunächst vorsichtig kennengelernt. Dann viel erzählt. Dann so manches Projekt miteinander gemacht. Über einige Jahre hinweg hat eine Praktikantin/ein Praktikant des Paulo Freire Zentrums beim Verein Im.Ausland mitgeholfen, den Djurica Nikolic gemeinsam mit der im 15. Bezirk bekannten Sozialarbeiterin Elisabeth Ettmann gegründet hat. So habe ich vieles über diesen besonderen Menschen erfahren.
Er hat mich eines gelehrt. Etwas, das in der Biographie-Forschung der Geschichtswissenschaft mittlerweile Standardwissen ist, aber der Alltagserfahrung so sehr widerspricht: Das Leben der Menschen ist keine gerade Erzählung. Wir sind diskontinuierliche Wesen. Es beginnt eine Geschichte mit uns, sie bricht ab. Wir setzen anderswo fort. Nicht jeder Faden kann dabei aufgegriffen werden.
Daraus eine zusammenhänge Geschichte zu machen, eine Narration: Das ist eine kulturelle Leistung. Da wird aber auch viel verkittet, was vielleicht besser so stehen bleiben würde. In seiner Widersprüchlichkeit, seiner Paradoxie. Das Leben der Roma in Europa ist eben keine schöne, gefällige Geschichte. Es ist eine Geschichte voller Widersprüchlichkeiten, voller Paradoxie. Dies gilt für die einzelnen Roma, Männer wie Frauen. Aber auch für die Roma kollektiv. Es liegt wohl auch so mancher Zauber darin. Viele Roma sind ja Lebenskünstler, vermögen in scheinbar ausweglosen Situationen sich doch über Wasser zu halten. Nur gilt das leider nicht für alle.
Was ich an Djurica Nikolic so schätze, ist seine Gabe, in dieser Widersprüchlichkeit zu agieren. Sein Leben ist voller Brüche, aber es gibt einen Roten Faden darin: Er hat sich stets dafür engagiert, Türen für andere Menschen zu öffnen und diesen damit ermöglicht, soziale Rechte in Anspruch nehmen zu können. Er scheut sich nicht zu sprechen. Er traut sich, Schritte zu setzen, die sich andere nicht zutrauen. Damit öffnet er Zugänge.
Ich sage es Ihnen ganz konkret:
- 1989 und 1990 Betreuung von zugewanderten Familien aus verschiedensten Ländern in Sachsen: Information und Beratung zu allen Fragen von Gesundheit und sozialer Sicherheit
- 1991 bis 2000: Beratungsarbeit in einer Gemeinschaftspraxis mit einem Psychiater, zu den Schwerpunkten Haftentlassene, Resozialisierung, Lösungen für berufliche Rehabilitation.
- Ab 2004: Landung in Wien. Zunächst unsanft, aber Djurica Nikolic begegnet Pater Bruno vor den Toren der Kirche Maria von Siege, der ihm eine sanfte Aufnahme am harten Pflaster dieser Stadt ermöglicht.
- Interkulturelle Arbeit hier in Wien, hier im 15. Bezirk. Spezielle Beratung für Roma (aber nicht nur) mit gesundheitlichen Problemen und Fragen des Pensionsrechtes. Doch wir wissen, dass sich diese Fragen selten eingrenzen lassen.
Ich habe bereits die Zusammenarbeit von Djurica Nikolic mit Elisabeth Ettmann im Verein Im.Ausland erwähnt. Dieser Verein möchte Zugewanderten eine Stimme geben nicht eine Stimme, die für sie spricht, sondern die so notwendige Ermutigung gibt, für sich selbst zu sprechen. Oft sind es kleine Hinweise, die es hier braucht: Wie man auf einem Amt zum richtigen Formular kommt, mit dem richtigen Formular zur dringend benötigten Unterstützung in einer bestimmten sozialen Frage gelangt. Jeder hat eine Stimme aber nicht immer den Mut, sie zu erheben. Weil viele die Erfahrung gemacht haben, dass Sprechen bestraft wird, unerwünscht, gefährlich ist.
Djurica Nikolic ist darin ein Berater, aber auch ein Übersetzer, ein Brückenbauer. Der Verein leistet derzeit etwa 40 Beratungen pro Woche. Djurica Nikolic versteht sein Übersetzen auf eine besondere Art und Weise: Es ist ein kulturelles Übersetzen. Er erzählt Geschichten. Lebensgeschichten, Erkenntnisgeschichten, so wie er mir sein Leben erzählt hat. Es ist das Erzählen, das vielen Menschen, vielen der Zugewanderten die Türe öffnet zu den so abstrakten, bürokratisch-distanzierten Institutionen und den sozialen Rechten, die die bürgerliche Gesellschaft allen Menschen verspricht. Das Erzählen ist es, was tief in der Tradition der Roma wurzelt. Das Erzählen ist es, was Biographie, einem so diskontinuierlichen Leben wie jenem von Djurica Nikolic Form und Struktur gibt. Es sind krumme Linien, die das Leben zeichnet.
Aber um hier auch auf die interreligiöse Arbeit zu verweisen, die Djurica Nikolic ein großes Anliegen ist: Gott schreibt auch auf krummen Zeilen gerade. Diesen Text zu lesen, diese Geschichten zu erzählen: Das ist eines der Anliegen des brasilianischen Pädagogen Paulo Freires, der die Arbeit des Vereins Im.Ausland immer wieder inspiriert hat: Alphabetisierung ist bei Paulo Freire umfassend gedacht. Es geht darum, die Welt lesen zu lernen, sodass das Weltverstehen auch das Selbstverstehen ermöglicht; und umgekehrt das Selbstverstehen das Weltverstehen erleichtert.
Meine sehr geehrten Damen & Herren! Das Leitbild für Integration, Zusammenleben und Teilhabe des Bezirkes Rudolfsheim-Fünfhaus formuliert, dass dieser Bezirk vor sozialen und ökonomischen Herausforderungen steht. „Teilhabe“, ich zitiere aus dem Leitbild, „Teilhabe bedeutet für uns, die mögliche Einflussnahme jedes einzelnen Menschen auf gesellschaftliche und politische Entscheidungen und möglichst niederschwelligen Zugang zu Bildung, Arbeit, Kultur und zu Sozial- und Gesundheitseinrichtungen zu haben.“
Djurica Nikolic arbeitet genau für diese Form der Teilhabe. Er verdient diesen Preis, und ich denke, ich darf auch sagen: Dieser Bezirk verdient es, dass so ein besonderer Mensch wie Djurica Nikolic sich hier für Integration, für gutes Zusammenleben und für Teilhabe engagiert. Und, das will ich zuletzt noch hinzufügen: Er macht dies mit Humor und Herzlichkeit.
Djurica, ich gratuliere dir ganz herzlich zu diesem Preis!
Lesen Sie auch den Bericht der Bezirksvorstehung Rudolfsheim-Fünfhaus zur Preisverleihung.
Weitere Informationen zum Verein Im.Ausland finden Sie auf dessen Homepage.