Was heißt hier „österreichisch“?

Deutsch als Voraussetzung für Integration: Menschen mit Migrationshintergrund werden in Österreich fast ausschließlich über ihre angeblichen Defizite definiert. Das Jahrbuch Friedenskultur 2011 thematisiert derzeitige Diskurse um Migration und fragt nach alternativen Perspektiven.Vor dem Hintergrund globalisierter Verhältnisse sind Pluralität und transnationale Migration in Kommunen, seien es Länder, Städte oder Dörfer, zur Normalität geworden. Das Jahrbuch Friedenskultur 2011 gibt einen breiten Einblick in derzeitige Diskussionen rund um Konzepte wie Multikulturalismus, Interkulturalität, Diversität und Integration. 15 Beiträge aus verschiedensten Disziplinen und Arbeitsfeldern gliedern sich in vier Schwerpunkte: aktuelle Migrationsdiskurse, Städte als konkrete Orte des Zusammenlebens, regionale und städtische Integrationsmaßnahmen und Kreativität als Schlüssel zu Kommunikation und Begegnung. Zitate aus dem Buch „Interkultur“ (2010) des deutschen Journalisten und Migrationsforschers Mark Terkessidis schweben, gleich einem diskursiven, kritischen Geist, zwischen den Abschnitten.

Von der Kultur zur Struktur  

Wenn der Begriff der Migration fällt, dann lässt jener der Kultur nicht lange auf sich warten. Entgegen gängiger Auffassungen von Kultur als starr und homogen, plädieren Thomas Geisen und Tobias Studer in ihrem Beitrag für ein Verständnis von dieser als ambivalent. Sie vereine gegensätzliche Wertungen und Positionen, wodurch Neues entstehen könne. Darüber hinaus müsse Kultur auch immer im Verhältnis zu Macht und Herrschaft thematisiert werden. Interkulturelle Diskurse sind demnach macht-voll, wie es Safiye Yildiz in ihrer Diskursanalyse interkulturellen Erziehungswissens verdeutlicht. Kinder würden erst durch interkulturelle Pädagogik zu Menschen mit Migrationshintergrund und damit zu kulturell Anderen erzogen.

Eine Ethnisierung und Kulturalisierung sozialer Probleme sei demnach zu beobachten. Hingegen betonen viele Beiträge strukturelle Rahmenbedingungen, die soziale Ungleichheiten zwischen uns und den migrantischen Anderen erst hervorbringen. Was bei der einheimischen Bevölkerung als Mobilität gefördert werde, sei bei den Anderen unter dem Begriff Migration negativ behaftet, erklärt Erol Yildiz. Doch gebe es sehr wohl stadtpolitische Ansätze, die Weichen in Richtung einer Politik der Gleichbehandlung in Form von Integrationsleitbildern stellen. Drei Beiträge gehen näher auf die Stärken und Schwächen solcher Leitbilder ein.

Einen expliziten Fokus auf strukturelle Ungleichheiten legt Birgit Sauer. Sie zeigt, wie es in der EU seit den 1990ern zu einer verstärkten Verschränkung von Geschlecht, Ethnizität, Nationalität und Religion gekommen ist. Infolge dessen würden MigrantInnen vor allem in haushaltnahen, oft illegalisierten, Arbeitsverhältnissen landen und immer mehr als Opfer ihrer Kultur stigmatisiert.

Die Stadt als Paradebeispiel von Vielfalt

Parallelgesellschaften eine allzu bekannte Bezeichnung für migrantisch dominierte Stadtviertel. In ihrer Analyse über den Zusammenhang von Integration und ethnischer Segregation zeigt Anna Hagauer, wie letztere mit dem Zugang zu Ressourcen zusammenhängt. Leider bleibt ihre Analyse in den Kategorien gefangen, die sie zu kritisieren versucht, Vorstellungen angeblich homogener ethnisch segregierter Stadtteile werden reproduziert. Die Beiträge von Erol Yildiz und Wolf-Dietrich Bukow streichen hingegen Städte als Orte von immer schon dagewesener Vielfalt hervor. Yildiz fordert einen postmigrantischen Diskurs, Bukow eine Vielfalt der Vielfalt. Beiden gemein ist der Fokus auf ein Mehr an Verschiedenheit und dem Respekt davor. Zentral sei der Blick auf die, so Yildiz, meist unspektakulären Lebenswelten von Menschen mit Migrationshintergrund.

„Scharfe“ Gegenerzählungen

Zwar gilt Österreich spätestens seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts als klassisches Einwanderungsland, doch ist die Geschichtsschreibung weiterhin national bestimmt. Dirk Rupnow plädiert daher für eine De-Provinzialisierung zeitgenössischer österreichischer Geschichtsschreibung im Sinne einer postnazistischen Migrationsgesellschaft.

Eine solche De-Provinzialisierung gehe einher mit einer Ent-Ghettoisierung migrantischer Geschichtsschreibung. Wie sich eine solche anfühlen kann, wird vor allem im letzten Schwerpunkt deutlich. Das Lesen fällt dort aufgrund von poetischerer, stark an konkreten Lebenswelten orientierter Sprache leichter als bei den theoretisch komplexeren Texten der beiden anderen Abschnitte. Gegenerzählungen und Gegenstrategien im Kontext von Migration werden vorgestellt: Angefangen vom Jugendmagazin Das Biber mit scharf (Stadtmagazin für Wien, Viyana und Bec), über Nina Kusturicas Film little alien und dem Kunstprojekt schau.Räume beim Theaterfestival Spectrum in Villach im Jahr 2011, bis hin zu KAMA (Kursangebote von Asylwerber_innen, Migrant_innen und Asylberechtigten). Der Abschnitt handelt von Umdeutungsstrategien, wie Migration nicht mehr als bedrohlich wahrgenommen wird, und es wird gezeigt, wie Erfahrungen von Migration zu einer Bereicherung für alle werden kann bzw. schon ist.

In die Falle getappt?

Zwischen den Beiträgen gibt es so viele Überschneidungen wie auch Widersprüche. Dadurch treten gerade innerhalb kritischer Migrationsforschung debattierte Fragen umso stärker in den Vordergrund: Wer spricht im Namen von wem, von welchem Standpunkt aus und in wessen Interesse? Zwar scheint allen AutorInnen eine Kritik an kulturalisierenden Diskursen gemein, doch bleibt am Ende mancher Beiträge ein Nachgeschmack, als gäbe es die migrantischen Anderen nun wirklich. So werden migrantische Stimmen teilweise dezidiert als solche bezeichnet, während dies bei nicht-migrantischen AutorInnen so gut wie nie der Fall ist. Auch die nicht durchgängige gendergerechte Ausdrucksweise deutet auf eine fehlende sprachliche Sensibilität für die Abbildung verschiedener, oft ungleicher, gesellschaftlicher Positionen hin.

Die Autorin ist Mitglied im Online-Redaktionsteam des Paulo Freire Zentrums. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.


Gruber, Bettina / Rippitsch, Daniela (Hrsg.): Jahrbuch Friedenskultur 2011. Migration. Perspektivenwechsel und Bewusstseinswandel als Herausforderung für Stadt und Gesellschaft. Klagenfurt/Celovec: Drava Verlag. ISBN 978-3-85435-659-2, 246 S.

Veröffentlicht in Entwicklungsforschung, Buchrezensionen.