
Kaum eine Religion ist heute so vielen Missverständnissen und kontroversen Diskussionen ausgesetzt wie der Islam. Die Autorin Marjane Satrapi nähert sich in ihrer Graphic Novel Persepolis den Klischees und Vorurteilen aus der Perspektive eines Kindes und macht so die Thematik für den Leser greifbar, ohne dabei ihre eigene Religion kritiklos hinzunehmen.
Eine gesellschaftskritische Entwicklungsgeschichte als Graphic Novel
In Persepolis erzählt die 1969 im Iran geborene Marjane Satrapi in zwei Bänden von einer Kindheit im Iran – ihrer Kindheit. Inmitten der Unruhen der islamischen Revolution wächst sie in einer Familie westlich orientierter Intellektueller heran und erzählt in ihrem autobiographischen Erstlingswerk aus der Sicht eines jungen Mädchens von den politischen Umwälzungen gleichermaßen wie von ihrer rebellischen Haltung gegenüber dem Regime und die dadurch indoktrinierten anti-westlichen Ideologien. Die Diskrepanz zwischen den gesellschaftlich auferlegten Repressionen und der liberalen (religiösen) Erziehung ihrer Eltern zieht sich wie ein roter Faden von Anfang bis Ende durch ihr Werk, ebenso wie die sich dadurch ergebende Hin- und Hergerissenheit zwischen Tradition und Moderne, zwischen dem Leben als gläubige Muslimin und dem als emanzipierte, freie Frau.
Zentral ist in ihren Schilderungen vor allem die Beziehung der Autorin zu Gott, welche einen janusgesichtigen Charakter aufweist und Phasen der Verbundenheit ebenso beinhaltet wie Phasen der Ablehnung. Satrapi macht dennoch einen durchwegs gläubigen Eindruck, doch erhebt sie den Anspruch, die Religion und ihre Beziehung zu Gott auf ihre Weise in Form von auf Augenhöhe stattfindenden Zwiegesprächen zu leben. Niemals kritisiert sie explizit den Islam, sondern lediglich dessen RepräsentantInnen, welche in ihren einfachen schwarz-weiß gehaltenen Sequenzen visuell sehr stereotyp dargestellt werden. Der klischeehaften Darstellung bedient sich die Autorin jedoch bewusst und fordert damit den Leser/die Leserin auf mehreren Ebenen heraus, indem verbale und visuelle Erzähltechnik gleichzeitig wirkt und interagiert. Auch fordert Satrapi den Leser/die Leserin heraus, sich mit der eigenen Angst vor dem Fremden, welche oft zu einer pauschalen Stigmatisierung und der Festsetzung des Feindbild Islam in der Gesellschaft führt, auseinanderzusetzen.
Persönlichkeitsformende Jugendjahre in Wien
Die Geschichte Persepolis erzählt jedoch nicht nur die Geschichte von Satrapis Kindheit, sondern ist auch eine Geschichte der inneren Metamorphose der Autorin vom Kind zu einer jungen Erwachsenen, welche stark durch ihre im zweiten Band geschilderten Jugendjahre, die sie in Wien verbringt, geprägt wird. Denn ihre Eltern, die einerseits stolz auf ihre regimekritische Tochter sind, haben andererseits Angst vor den Folgen ihres aufmüpfigen Charakters, weshalb sie sie nach Europa schicken, um dort die Schule zu beenden.
Die dort durchlebten Jahre und negativen Erfahrungen lassen die junge Marjane, überfordert von einem Leben ohne jegliche elterliche Autorität, als anderen Menschen mit 18 Jahren in ihre Heimat zurückkehren. Denn die anfänglich gehegten Hoffnungen eines freien Lebens abseits des religiösen Irans verwandeln sich bald in ein Gefühl des Fremdseins und der Verlorenheit in der österreichischen Gesellschaft. In der in Wien verbrachten Zeit vor ihrer Rückkehr in den Iran kristallisiert sich auch ihr ambivalentes Verhältnis zur Religion erneut heraus, indem sie sich in dieser Phase der Orientierungslosigkeit vermehrt schutzsuchend an Gott wendet und Halt in dessen Gegenwart sucht.
Das Gefühl des Fremdseins im eigenen Land
Erneut zu Hause im Iran angekommen wird der stattgefundene Wendepunkt in ihrer persönlichen Entwicklung und Einstellung sehr deutlich, stehen doch die in Wien erlebten Ereignisse, Erfahrungen und Marjanes liberale Weltanschauung in starkem Gegensatz zu dem streng geschnürten Konstrukt an Verhaltensvorschriften im Iran. Der Unterschied zu den bisherigen Schilderungen besteht darin, dass sie den Teil der Geschichte nicht mehr aus der Sicht eines zehnjährigen Mädchens, sondern aus der Perspektive einer jungen Frau erzählt, welche nun eine deutlich kritischere Stimme entwickelt hat und erneut versucht, sich den staatlichen Repressionen zu widersetzen.
Fanden diese Proteste während ihrer Kindheit durch ihren westlichen Kleidungsstil statt, so ist sie nach der Heimkehr aus ihrem Exil zwar immer noch pro-westlich, allerdings weniger optisch sie kleidet sich äußerlich angepasst an die Vorschriften des Islam und lebt ihre Ablehnung und den Widerstand vorwiegend innerlich aus. Schnell wird klar, dass die Rückkehr in den Iran aufgrund der Unvereinbarkeit des vom Regime vorgeschriebenen unterdrückten Lebens der Frau in der Gesellschaft und Satrapis ideologischen Wertvorstellungen jedoch nur eine vorübergehende sein wird.
Persepolis endet mit der Abreise der Autorin nach Europa nachdem sie ihr Studium in Teheran beendet hat, wobei der erneute Abschied aus der Heimat dem Leser/der Leserin ein gänzlich anderes Bild vermittelt als die nicht freiwillig stattgefundene Reise nach Wien Jahre zuvor. Denn wenngleich der Autorin bewusst ist, dass der Abschied ein Abschied für immer sein wird, strahlen die Bilder dieser Szene Zuversicht aus und den Glauben daran, dass Satrapi nur außerhalb ihrer Heimat ein Leben führen kann, das ihren Vorstellungen entspricht.
Die Autorin studiert Internationale Entwicklung an der Universität Wien. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.
Hier finden Sie den Graphic Novel in Buchform.
Zu Persepolis gibt es inzwischen auch einen Film!