Burn out? Slow Down!

Drei Tage hat die Grüne Bildungswerkstatt Ende August im beschaulichen Salzburger Örtchen Goldegg zum Nachdenken über Tempo und Entschleunigung eingeladen. Dabei ging es weniger um das persönliche Zeitmanagement als um Grundfragen der kapitalistischen Warenökonomie, die auf steter Beschleunigung fußt.
Wie könnte eine Wirtschaft aussehen, die nicht auf Wachstum und Beschleunigung setzt? Diese Frage wurde dem Ökonomen Thomas Sedlacek von der Universität Prag gestellt. Leider verzichtete er in seinem Vortrag auf eine Antwort. Stattdessen lieferte er eine kurzweilige, weil polemische Kritik des herrschenden Systems und der dahinter stehenden Glaubenshaltungen. Seiner Ansicht nach leide die Weltwirtschaft zur Zeit nicht an einer Depression, sondern sei schon seit Jahrzehnten manisch-depressiv. Zwischen den Phasen ökonomischen Abschwungs werde in völlig übertriebener Art und Weise investiert und spekuliert – geradezu krankhaft manisch, wie Sedlacek betonte. Diese ökonomische Manie sei selbst ein Fetisch, an dem krampfhaft festgehalten werde. Bei der nächste Krise, dem depressiven Abschwung, werden sinnvollerweise Antidepressiva eingesetzt, nämlich konjunkturbelebende Maßnahmen. Während man in der Psychiatrie jedoch wisse, dass die Stimmungsmacher in manischen Phasen abgesetzt werden müssen, würden diese im ökonomischen Mainstream auch in der Phase der Hochkonjunktur weiter verabreicht, was zur nächsten Überhitzung der Märkte führe – und damit zu Blasenbildung und dem nächsten Crash.

Wie dieser destruktiven Logik entkommen?

Sedlaceks Empfehlung gegen das manisch-depressive Muster der Ökonomie war allerdings wenig überzeugend: Der Staat dürfe in der Hochkonjunktur keine Defizite machen, sondern müsse auf die Beseitigung der Schulden hinarbeiten. Das Nulldefizit sei das Ziel – eine alte liberale Weisheit, die schon manchen Sozialstaat aushöhlte und den Reichtum der Reichen wirksam vermehrte. Sedlacek ist schließlich auch Chefökonom der größten tschechischen Bank und Mitglied des nationalen Wirtschaftsrates in Prag. Und am Tag darauf äußerte er sich lobend über die Theorien August Hayeks. Man möge nicht behaupten, dass die Grünen sich nicht mit ideologisch fremdem Gedankengut befassten! Das ist einerseits didaktisch löblich, anderseits zeigt dies doch auf bedenkenswerte Art und Weise auf, wie nahe radikal-alternatives Denken dem Dogmatismus der ultra-Liberalen stehen kann. Eine entschleunigte Ökonomie, die ohne Wachstum auskommt, ist in deren gemeinsamem Denken eine Politik, die keine Schulden macht und damit staatliche Funktionen stark einschränken muss.

Also doch keine Alternativen?

Dieser Eröffnungsvortrag hinterließ manches Bauchweh. Geradezu beruhigend wirkte am nächsten Morgen der Vortrag von Beate Großegger vom Institut für Jugendkulturforschung in Wien über die virtuelle Mobilität von Jugendlichen heute. Ihr Fazit aus verschiedenen empirischen Erhebungen war, dass Jugendliche heute stark gegenwartsorientiert denken, wenig bis gar nicht planen, dabei in persönlicher Hinsicht optimistisch bleiben, die gesellschaftliche Entwicklung jedoch ausgesprochen pessimistisch betrachten würden. Sie würden ihr Glück in Freundschaft und Familie suchen und finden. Gegen diese Schlussfolgerungen von Großegger ist nun nichts einzuwenden, raten doch LebensberaterInnen wie buddhistische Weisheitslehre zu nichts anderem, als sich dem Augenblick und dem Glück in menschlichen Beziehungen zuzuwenden. Wenn Jugendliche dabei stark auf Handy- und Web-Applikationen zurückgreifen, ändert dies nicht den Charakter ihrer Glückssuche, sondern nur deren Wege. Dennoch warnte Großegger vor den Folgen der Haltungen, denn in alledem vermisste sie die Frage nach Gesellschaftspolitik. Politik und Religion würden in der Werteskala von Jugendlichen sehr weit unten stehen. Gestaltungsansprüche würden insofern von Jugendlichen kaum gestellt.

Eine Absage erteilte Großegger auch jenen Ratschlägen, die empfehlen, auf virtuelle Kommunikation zu verzichten, um eine persönliche Entschleunigung zu erreichen. Viele Jugendliche könnten es sich schlicht nicht leisten, offline zu bleiben, aus Sorge um Ausbildungsoptionen und Arbeitsplatz. In diesem Punkt war Großegger allerdings wenig überzeugend, erfolgt doch die Nutzung von virtuellen Kommunikationsmitteln durch Jugendliche selten arbeitsbezogen. Vielmehr spiegeln sich hier die Erfahrungen junger Erwachsener, die in kreativen, aber prekarisierten Berufen tatsächlich auf (fast) ständige Erreichbarkeit angewiesen sind. Nur handelt es sich hier nicht mehr um Jugendliche, sondern um Erwachsene, die weiterhin gerne einen jugendlichen Lebensstil führen.

Die Atemlosigkeit im Film: Speed!

Genau deren Dilemma inszenierte der Dokumentarfilm „Speed! Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ von Florian Opitz, Abendprogramm des zweiten Tages auf der Grünen Sommerakademie. Tatsächlich flott rissen eilige Bilderfluten uns ZuseherInnen durch die Welt der Beschleunigung, ehe uns Opitz Alternativen der Entschleunigung vorführte. Der Filmemacher Opitz spielt den Protagonisten der rastlosen Zeitsuche, der sich als alt gewordener Jugendlicher gibt. Unrasiert und im Umhängetaschen-Look deckt er zeitfressende Strukturen auf. Das wirft die Frage auf, ob Erwachsenwerden möglicherweise bedeutet, Souveränität über die eigene Zeit zu gewinnen. Der Film (und das Buch zum Film) verdient eine eigene Besprechung, die sich bald online findet.

Wohltuend war der Kontrast zwischen der Atemlosigkeit des berufsjugendlichen Filmemachers Opitz und dem emeritierten Universitätsprofessor Peter Heintel, bekannt als Gründer des „Vereins zur Verzögerung der Zeit“. Dessen inspirierender Auftritt wirkte doch um einiges erwachsener und gelassener als der vieler anderer auf dieser Tagung. Ist er einfach schon alt genug, um wieder Zeit zu haben?

Ja und nein. Denn die Grundthese der drei Tage war, dass es die Produktionsweise der kapitalistischen Ökonomie ist, die uns zu gehetzten und rat- wie rastlosen Wesen macht, nicht die persönliche Unfähigkeit im Umgang mit der Zeit. Altern und Weisheit mögen wohl nutzen, doch im Kern gilt, dass die Menschheit nur unter geänderten Produktionsverhältnissen ihre verlorene Zeit wiederfinden wird können. So kann als implizites Fazit dieser anregenden Sommerakademie neuerlich wiederholt werden: „It’s political economy, stupid!“ (Slavoj Zizek)

Der Autor ist Direktor des Paulo Freire Zentrums. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.


Zum Weiterlesen:

Online-Dossier von Beate Großegger (2013): Schöne neue Online-Welt. Die „Generation Facebook“ kommuniziert entgrenzt, mobil und in Echtzeit – wohin führt der Trend?

Nachlese der Sommerakademie von der Grünen Bildungswerkstatt auf deren Homepage.

Veröffentlicht in Gutes Leben für Alle.