Fahrrad fahren als Friedensarbeit – über einen buddhistischen Mönch in Thailand

Fahrradfahren als Mönch, ein ungewohntes Bild. Warum buddhistische Mönche für gewöhnlich nur zu Fuß unterwegs sind? Eine gängige Begründung ist, dass beim Gehen kaum Unfälle verursacht werden. Mönche wären damit von Fragen der Verantwortlichkeit für die durch Unfälle verursachten Verletzungen von vornherein ausgenommen. Derzeit ist Fahrradfahren unter buddhistischen Mönchen in Thailand (noch?) eine Seltenheit.Der Mönch Phra Somboon Sumangkhalo begann vor sieben Jahren, offiziell mit dem Fahrrad zu fahren und unternimmt seitdem regelmäßig Touren mit Gruppen. Teilnehmende sind SchülerInnen, Interessierte, Fahrradbegeisterte, andere Mönche und Nonnen. Derzeit sind fünf andere Mönche regelmäßig auf Rädern unterwegs und einige nehmen je nach Zeit und Gegebenheiten bei den Ausflügen teil.

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Buddhismus im täglichen Leben

Was brachte den Mönch dazu, mit dem Fahrradfahren zu beginnen? Es war eine alte Frau, die langsam auf einem Fahrrad unterwegs war, die ihn dazu inspirierte. Er war auf dem Heimweg von der Schule, in der er vor sieben Jahren die buddhistische Lehre unterrichtete. Manchmal wurde er von den SchülerInnen abgeholt und nach dem Unterricht wieder zurück zum Tempel gebracht, doch oft musste er bei starker Hitze mit einer schweren Tasche voller Bücher den ganzen Weg zu Fuß gehen. Eines Tages, als er auf dem Heimweg den Feldweg entlangging, überholte ihn eine alte Frau langsam mit dem Fahrrad. Als er die Frau beobachtete, die friedlich im Schritttempo an ihm vorbeirollte, dachte er: „Wenn die alte Frau mit dem Fahrrad fahren kann, dann können das auch Mönche tun.“

Heute gibt es im Tempel einige Fahrräder, die von den Mönchen genutzt werden und die deren Mobilität erleichtern. Die Aktivitäten der Mönche und Nonnen des Tempels umfassen nun insgesamt 18 Schulen, in denen sie die SchülerInnen einladen, bei Fahrradtouren teilzunehmen. Die Kinder können dadurch erkennen, dass Buddhismus nicht etwas weit Entferntes ist, sondern im täglichen Leben praktiziert werden kann, beispielsweise beim Fahrradfahren.

Ein Beitrag für eine friedliche Gesellschaft

Mit strahlenden Augen erzählt mir Phra Somboon während unseres Interviews in Ubon Ratchathani in Nordostthailand (Mai 2013) vom letzten großen Fahrradausflug quer durch Thailand. Dabei nahmen 300 Menschen unterschiedlichen Alters teil und insgesamt wurden 2600 Kilometer zurückgelegt. Der 54-jährige Mönch aus dem Nordosten Thailands, möchte mit dem Fahrradprojekt einen Beitrag zum friedlichen Zusammenleben in der Gesellschaft leisten.

Wie die Menschen auf den fahrradfahrenden Mönch reagieren? Es gibt viele positive Reaktionen, aber auch negative. Der häufigste Vorwurf ist, dass Fahrradfahren als Mönch gegen buddhistische Lehre verstoßen würde. Es gebe jedoch keine Schriften in den Lehren des Buddhas, die das Fahrradfahren für jene, die als Mönch leben, untersagen würden; das seien nur Interpretationen, so Phra Somboon, mit dem Hinweis, dass er die Schriften selbst intensiv studiert habe. Negative Reaktionen könnten nicht vermieden werden und seien normal, meint Phra Somboon, der diesen gelassen gegenüber steht. Während des Fahrradfahrens erfährt er viele positive Reaktionen durch Leute, die ihm zulachen oder ihre Unterstützung mit Gesten wie gehobenen Daumen ausdrücken.

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Achtsamkeit und Umweltbewusstsein

Geradelt werden soll mit Achtsamkeit. Dabei geht es laut Phra Somboon um ein bewusstes Wahrnehmen von Natur und Umgebung sowie um einen rücksichtsvollen Umgang mit anderen VerkehrsteilnehmerInnen. Für den Mönch ist Fahrradfahren eine meditative Praxis, wobei eben diese Achtsamkeit trainiert werden kann. Er erlebt beim Fahrradfahren oft ein größeres Gefühl der Verbundenheit und von Glück als bei Sitz- oder Gehmeditation. Vor jeder Fahrt wird ein Ritual durchgeführt, bei dem die spirituelle Ebene erinnert werden soll. Nach einer kurzen Meditation werden gemeinsam Sätze gesprochen, in denen die Intention während der Fahrt ausgedrückt wird: jeden Moment mit Achtsamkeit und friedlicher Geisteshaltung wahrzunehmen, den Wert der Natur, die uns umgibt zu schätzen und als Basis für unser Menschsein anzuerkennen, den Moment mit Offenheit und Aufgeschlossenheit zu betrachten und das Leiden aller Lebewesen, die uns am Weg begegnen, zu verstehen.

Fahrrad fahren ist gesund; nicht nur für den eigenen Körper, sondern auch für die Umwelt. Neben der erleichterten Mobilität für Mönche durch das Verwenden von Fahrrädern versuchen diese, damit ein stärkeres Umweltbewusstsein in der Gesellschaft zu schaffen. Eines der Ziele ist es, einen nachhaltigen Umgang mit natürlichen Ressourcen zu fördern. Während der Fahrradausflüge wird zudem besonders Wert darauf gelegt, den anfallenden Müll ordnungsgemäß zu trennen und zu entsorgen. Manchmal kombiniert die Gruppe den Ausflug mit einer Müllsammelaktion. „We live with and depend on nature, so we need to take care of it„, sagt Phra Somboon. Wichtig sei in diesem Zusammenhang die Vorbildwirkung der Mönche, denen in Thailand hohes Ansehen entgegengebracht wird.

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Werte übermitteln – ein neuer alter Weg

Neben dem Ziel der Stärkung des Umweltbewusstseins sollen traditionelle Werte der Langsamkeit wieder hervorgebracht werden. In der heutigen Leistungsgesellschaft ist alles schnell und automatisiert. Das Fahrrad als traditionelles Fortbewegungsmittel erinnert an die Langsamkeit, der in der modernen Gesellschaft immer weniger Raum gegeben wird. Wenn wir mit dem Fahrrad fahren, benutzen wir den Körper, um uns Schritt für Schritt weiterzubewegen. Geduld und Toleranz sind Werte, die gestärkt werden sollten, so Phra Somboon. Wer mit Achtsamkeit auf Rädern unterwegs ist, kann gelassener in heiklen Situationen im Straßenverkehr reagieren und den anderen Verkehrsteilnehmenden mehr Toleranz entgegenbringen. Dies fördert einen freundlichen und friedlichen Umgang miteinander. Phra Somboon wünscht sich, auch in Zukunft mit den Gruppenausflügen als gutes Beispiel zu wirken und ein gesteigertes Umweltbewusstsein sowie einen nachhaltigen Umgang mit Ressourcen anzuregen.

Die Autorin studiert Internationale Entwicklung und arbeitet derzeit an ihrer Diplomarbeit zum Thema Restorative Justice und mögliche Inspiration aus buddhistischen Grundideen. Fotos: Phra Somboon Sumangkhalo. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.

Veröffentlicht in Gutes Leben für Alle.