
Das 12. Jahrbuch der Paulo Freire Kooperation schildert mit facettenreichen Beiträgen, in welch unterschiedlichen Kontexten und Situationen Paulo Freires Denken über den Menschen und dessen (Selbst-)Bild aufgegriffen wird. Mit theoretischen und praktischen Beispielen ermöglichen die Autoren ein tieferes Verständnis für die Aktualität von Freires Ansatz.
Von Vinoba Bhave, Straßenkindern und befreiender Sozialpädagogik
Die Spannbreite der gesammelten Berichte könnte kaum größer sein: Es geht um sozialpädagogische Ansätze und Herausforderungen, interkulturelle Begegnungen und Dialogbereitschaft bzw. -verweigerung, Selbstbilder und -achtung angesichts sozialer Konflikte, bis hin zum Wirken Vinoba Bhaves, des Schülers von Mahatma Ghandi.
Die Artikel umkreisen die Begriffe der Autonomie und (Selbst-)Achtung mal offensichtlich, mal subtil sowohl mit theoretischen Konzepten als auch angewandt in sehr konkreten Beispielen. Bei den diversen Autoren taucht dabei immer wieder ein Grundgedanke auf: Die Grundlage und der Ausgangspunkt menschlicher Entwicklung und Zusammenlebens ist die Achtung des/der Einzelnen gegenüber sich selbst und den anderen.
Selbstachtung als Basis
Ausgehend vom kritischen Moment der Entwicklungs- oder Schaffenskrise skizziert Ronald Lutz in seinem Beitrag durch neun Thesen, wie eben diese Momente als hoffnungsvolle Wendepunkte und positive Impulse genutzt werden können. Dadurch zeigt er, dass Achtung und Anerkennung den Menschen befähigen, gesellschaftliche Freiräume, Chancen und Möglichkeiten zu nutzen. So erlange der Menschen Würde, was wiederum Voraussetzung für Autonomie und Selbstachtung sei. Lutz geht dabei stets von einem dynamischen Menschenbild aus, das vom gesellschaftlichen Kontext und Miteinander der Menschen geprägt ist. Damit greift er bewusst Freires Gedanke des durch Aktion und Reflexion schöpferischen und erkenntnisschaffenden Menschen auf, welcher die Wirklichkeit verwandeln und seinen eigenen Platz darin bestimmen kann.
Der Autor schließt mit einem ermutigenden Gedanken an die Möglichkeit neuer, alternativer Zukunftswege vorausgesetzt, man akzeptiert den Menschen und sein Schaffen als unabgeschlossene Entwicklung. Diesen Ansatz führt Ronald Lutz auch in seinem zweiten Artikel „Sozialarbeit und Befreiung“ fort. Vor dem Hintergrund der im Sog des Neoliberalismus sich ausweitenden Vermarktung sozialer Arbeit kritisiert er die Bevormundung und damit Abhängigkeit von wenn auch gut gemeinter staatlicher Sozialhilfe. Vielmehr bedarf es des Vertrauens und der Anerkennung menschlicher Fähigkeiten und Leistungen, wie er am Beispiel verschiedener Kleinkredit-Projekte zeigt. Das Ziel von Sozialarbeit, wie Lutz sie versteht, ist oder sollte vielmehr sein, mit den Menschen in einen Dialog zu treten, durch Zuversicht und Anerkennung als befreiende Praxis zu wirken und die Menschen in ihrer Selbstachtung, Zugehörigkeit und Handlungsfähigkeit zu bestärken.
Die Notwendigkeit des Dialogs
In diesen und anderen Beiträgen wird die Einbettung des Einzelnen in seine (soziale) Umwelt und gleichzeitig seine Selbstbestimmtheit immer wieder in Zusammenhang mit dem dynamischen Menschenbild Freires gebracht. Als besonders notwendig wird dem/der LeserIn der Dialog in den verschiedenen Bereichen veranschaulicht.
Mit dem Thema der Solidarität mit den „Schwachen“ kritisiert Arnold Köpcke-Duttler das Mitleid mit Menschen mit Behinderung. Er erläutert die Menschenrechte auf Bildung, gesellschaftliche Teilhabe und Würde, wie sie von den Vereinten Nationen in den Konventionen zum Schutz und zur Förderung der Rechte behinderter Menschen 2006 genannt werden. Diese Rechte müssten durch umfassende Teilhabe umgesetzt werden. Dabei erfordere echte Inklusion innerhalb einer Gesellschaft die Auseinandersetzung und dialogische Kommunikation aller Beteiligten.
Das Jahrbuch schließt mit einem Beitrag von Joachim Dabisch, der sich mit unterschiedlichen Wahrnehmungen von Wirklichkeiten in migrantischen Prozessen befasst. Er zeigt am Beispiel Europas, worauf es hinauslaufen kann, wenn „fremde Kulturen“ einander ohne Toleranz und Offenheit begegnen. Sie würden sich als geschlossene Systeme gegenüberstehen und Misstrauen provozieren. Nur indem man sich über Wahrnehmungen verständige, könne man Annährung und „interkulturelles“ Verständnis, nicht nur im Rahmen von Migration, erreichen.
Ein Nachschlagewerk zum Mitdenken
Das Jahrbuch der Paulo Freire Kooperation stellt eine Reihe von Aufsätzen zusammen, deren Inhalte mal mehr, mal weniger offensichtlich einen Bezug zu den situativen Ansätzen Freires erkennen lassen. Sie fordern den/die interessierteN LeserIn zum nach- oder zumindest zum mitdenken auf und stellen manchmal unbeantwortet bleibende Fragen. Sofern man den Anspruch hat, das Buch in einem durch zu lesen und als ein zusammenhängendes Ganzes zu verstehen, ist man dazu aufgerufen, sich die übergreifenden Themen und Grundgedanken der Beiträge stets erneut vor Augen zu führen. Einige Beiträge gehen dabei auf einem abstrakten Niveau sehr ins Detail, sodass man leicht den Faden zwischen den vielen Fremdwörtern verliert und bis zum Schluss nach der zentralen Botschaft sucht. Da andere Beiträge aber in ihrer Praxisbezogenheit und einfachen, verständlichen Sprache durchaus zum tieferen Verständnis der Situiertheit des dynamischen Menschenbildes Freires beitragen, ist das 12. Jahrbuch als Nachschlagewerk für Interessierte lesenswert.
Die Autorin ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum und studiert Internationale Entwicklung an der Universität Wien. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.
Wolfer, Dieter / Lutz, Ronald / Dabisch, Joachim (Hrsg.): Autonomie und Selbstachtung. Zum situativen Ansatz Paulo Freires. Freire-Jahrbuch 12 der Paulo Freire Kooperation. Oldenburg: Paulo Freire Verlag. ISBN 978-3-86585-012-6.