Es scheint so, als hätten die RedakteurInnen des Südwind Magazins mit dem Thema der Veranstaltung am 8. März 2011 einen Nerv getroffen. Geschätzte dreihundert ZuhörerInnen kamen in die Hauptbücherei Wien, um mit dem prominent besetzten Podium zu diskutieren.
Wie sieht ein gutes Leben aus? So abstrakt diese Frage scheint, so wichtig und essentiell ist sie für jedeN EinzelneN von uns. Gleichzeitig ist wohl keine Frage so schwierig zu beantworten. Es scheint jedoch oft so, als hätte man die Antwort schon gefunden. Die Formel wirtschaftliche Leistung = breiter Wohlstand = gutes Leben bestimmt, zumindest in der so genannten westlichen Welt, unseren Alltag. Doch stimmt sie auch? Das Südwind Magazin widmete dieser Frage eine Podiumsdiskussion, moderiert von Chefredakteurin Irmgard Kirchner.
Werner Hörtner, ebenfalls Redakteur des Südwind Magazins, machte in seinem ersten Statement klar, wie unterschiedlich sich ein gutes Leben definieren lässt. Er brachte als Beispiel die Auffassungen von indigenen Völkern in Ecuador und Bolivien oder der Bevölkerung im Königreich Butan. Laut Hörtner sei bei diesen indigenen Völkern die Idee von einem guten Leben geprägt von Respekt und Dankbarkeit gegenüber der Natur. Weiters werde Fortschritt nicht mit technischen oder wirtschaftlichen, sondern vielmehr mit sozialen Aspekten in Verbindung gebracht.

Nicole Lieger, Werner Hörtner, Irmgard Kirchner, Christian Felber, Gottfried Kühbauer (Foto: Friedel Hans).
Wie sehr hängt ein gutes Leben am Geld?
Dem gegenüber stellte Nicole Lieger von der Universität Wien die vorherrschende Meinung von einem guten Leben in Europa und die Auswirkungen auf unsere Wahrnehmung, wie ein solches Leben aussehen könnte, vor. Mittels einer simplen, aber umso beeindruckenderen Grafik, aus drei konzentrischen Kreisen, machte sie deutlich, dass uns zwar oft die monetäre Wirtschaft essentiell erscheint, diese jedoch ohne dem sozialen Bereich, der Natur und dem Kosmos als Lebensraum nicht bestehen könne. Trotzdem konzentriert man sich oft nur auf die monetäre Wirtschaft, wenn man nach dem Wichtigen im Leben sucht, meinte Lieger.
Die Diskrepanz dieser unterschiedlichen Lebensvorstellungen zeige sich laut Werner Hörtner besonders im Entwicklungsdiskurs. Dieser könne jedoch gerade mit der ernsthaften und ehrlichen Frage nach einem guten Leben aufgebrochen werden. Eine Erkenntnis, die sich über den Abend hinweg immer mehr bestätigen sollte.
Es stellte sich jedoch nun die Frage, was wirklich ausschlaggebend für ein gutes Leben ist. Was ist uns wichtig? Gibt es diesbezüglich per se nur subjektive Wahrnehmungen oder existiert auch etwas Universelles, etwas was allen Menschen gemein ist, wenn wir ein gutes Leben beschreiben würden?
Die Diktatur des Bruttoinlandsprodukts
Es ist sicher nicht das BIP, meinte Christian Felber von Attac und Mitinitiator der Demokratischen Bank auf diese Frage. Er verwies auf ein kleines Gedankenexperiment. Man solle doch einmal nachdenken, was die drei glücklichsten Momente waren oder die drei wichtigsten Dinge im eigenen Leben sind. Die Antworten, so Felber, hätten nie etwas mit Geld oder Wirtschaft zu tun, sondern zu nahezu hundert Prozent immer mit Beziehungen. Beziehungen zwischen Menschen, zu seinem eigenen Umfeld, zum großen Ganzen und schlussendlich zu sich selber seien die wichtigsten Aspekte in unserem Leben.
Gottfried Kühbauer, der durch seine Tätigkeit als Mediator und Lebensberater eine sehr persönliche Sichtweise in die Diskussion einfließen ließ, bestätigte Felbers Aussage, dass Beziehungen, in welcher Form auch immer, das Essentiellste im Leben der meisten Menschen darstellen. Natürlich stünde an allererster Stelle die Befriedigung der Grundbedürfnisse. Dass uns Beziehungen so wichtig seien, werde uns jedoch leider erst bewusst, wenn etwas mit ihnen nicht stimmt.
Christian Felber fragte sich, warum dennoch immer die Wirtschaftsleistung im Vordergrund steht. Er forderte neue Maßstäbe und verwies auf das Modell der Gemeinwohl Ökonomie, in der Beziehungen, zum Beispiel in Form von sozialer und ökologischer Nachhaltigkeit, Vorrang hätten.
Gehen Sie kurz in sich…
Nach der enthusiastisch bejubelten Eröffnungsrunde wurde das Auditorium aktiv in die Diskussion eingebunden. Zehn Minuten hatten die ZuhörerInnen Zeit, sich in so genannten Murmelgruppen zu finden und ihre Meinungen und Eindrücke zu diskutieren. Anschließend konnten die gesammelten Meinungen, Fragen oder Anliegen ans Podium zurück gespielt werden.
Die Diskussion bewegte sich nun in Richtung der Frage, wie mögliche Veränderungen aussehen könnten. Die Wortmeldungen reichten vom Aufruf, nur regionale Produkte zu kaufen, über die Möglichkeiten, Veränderungen in der Bildungspolitik und Wirtschaftspolitik durchzusetzen, bis hin zu Fragen, wie man derartige Anliegen auf eine höhere, politische Ebene bringen könne.

Der Aufruf nach radikalen Veränderungen
In der Abschlussrunde wurde noch einmal das Podium gebeten, dazu Stellung zu nehmen.
Christian Felber verwies erneut auf eine notwendige radikale Änderung der Wirtschaft in Richtung Gemeinwohl Ökonomie. Die Wirtschaft sei ja laut Felber nicht per se böse, sondern das Problem liege darin, wie man wirtschaftet und welchen Stellenwert man der monetären Wirtschaft gäbe.
Abschließend berichtete Nicole Lieger von ihrer persönlichen Erfahrung bezüglich eines guten Lebens. Sie verwies auf die Möglichkeit, durch den Verzicht auf die Monetarisierung des Alltags sich von bestimmten gesellschaftlichen und auch wirtschaftlichen Zwängen zu befreien.
Zusammenfassend waren sich alle an diesem Abend einig, dass ein gutes Leben weniger Geld, Erfolg oder Fortschritt impliziert, sondern vielmehr Geborgenheit, Identität, eine gesunde Umwelt, ein funktionierendes Umfeld und die Möglichkeit, sich selbst zu verwirklichen.
Der Autor studiert Internationale Entwicklung und ist Praktikant im Paulo Freire Zentrum.
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