Das gute Leben – aber welches? Teil 5: Plurinationalität und Interkulturalität

In Teil fünf der Artikelserie werden die Konzepte der Plurinationalität und Interkulturalität als politisches und soziales Projekt in Ecuador dargestellt, das die Konstruktion einer Gesellschaft unter den Bedingungen der Gleichwertigkeit und Gerechtigkeit zum Ziel hat. Im Gegensatz dazu wird das Konzept der menschlichen Entwicklung insofern kritisiert, als Inklusion und soziale Kohäsion zwar vordergründig dem persönlichen Empowerment dienen sollen, in Wirklichkeit aber vielmehr zu einer Homogenisierung der Gesellschaft führen.In der ecuadorianischen Verfassung von 2008 wird Ecuador als plurinationaler und interkultureller Staat definiert. Die Aufnahme dieser Bezeichnungen geschah auf großen Druck der CONAIE und bedeutet eine grundlegende Änderung des Verständnisses Ecuadors als staatliche Einheit. Im Sumak Kawsay ist damit eine kritische Betrachtungsweise zu Identität und Differenz gemeint, während dem Konzept der menschlichen Entwicklung eher ein funktionaler Ansatz von Interkulturalität inhärent ist.

Inklusion als soziales Bindemittel

chicha.JPGIm Fähigkeitenansatz vermittelt Amartya Sen die Einstellung, dass sich die meisten Menschen trotz der individuellen Verantwortung für ihr Leben ihres sozialen Wesens bewusst sind und Entscheidungen unter Berücksichtigung der Gemeinschaft und des gemeinsamen Menschseins treffen. Menschliche Entwicklung hängt vom Empowerment des Individuums ab und äußert sich in der persönlichen Freiheit und Autonomie. Andererseits finden aber auch die Verortung des Individuums in der Gemeinschaft, die soziale Kohäsion und Integration Berücksichtigung.

Foto: Elisabeth Schmid; Chicha

In den vielen Strategien, die die UNDP und andere Entwicklungsagenturen verfolgen, geht die Integration aber nicht über affirmative Politiken hinaus, die die verschiedenen Gruppen mit ihrer Kultur und ihrem Wissen anerkennen. Sie tragen dadurch zwar vordergründig zu einem Funktionieren der Gesellschaft bei, ändern aber nichts an den herrschenden Strukturen. Den Versuch, durch Dialog, Toleranz und Gemeinschaftlichkeit Inklusion und Integration zu fördern, ohne die Wurzeln der Ungleichheit zu thematisieren, kann als funktionale Interkulturalität bezeichnet werden. Die scheinbar einheitliche Denkweise und das homogene Verständnis der Gesellschaft führen dazu, dass Machtverhältnisse nicht hinterfragt sondern legitimiert werden.

Sicherzustellen, dass jedeR das gleiche Recht und die gleiche Möglichkeit hat, sich zu artikulieren und in Politik und Gesellschaft zu partizipieren, bedeutet die Einleitung eines Prozesses der Demokratisierung von verschiedensten Lebensbereichen, wie z.B. der Medien und der Information, der Bildung und der (internationalen) Zusammenarbeit.

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Foto: Elisabeth Schmid; im Süden von Quito

Einheit in der Vielfalt

Wenn die Anerkennung der Rechte der Natur in der Verfassung Ecuadors der vielleicht bahnbrechendste Schritt war, so war die Definition des Charakters des zukünftigen Staates Ecuador wohl der Bereich, der am meisten Polemiken und Kontroversen auslöste. Kritik kam von allen Seiten, bemerkenswert war jene der afro-ecuadorianischen Bevölkerungsgruppen, die in der Forderung der CONAIE nach einem plurinationalen Staat die Gründung eines indigen-zentrischen Staates sahen.

Die CONAIE stellte klar, dass mit Plurinationalität zwar auf das westliche Konzept der Nation zurückgegriffen, dieses aber in den Gegebenheiten Ecuadors kontextualisiert wird. Im Gegensatz zum homogenen, künstlich geschaffenen modernen Nationalstaat, handelt es sich beim plurinationalen Staat um eine Gemeinschaft von historisch, ökonomisch, sozial, politisch, kulturell und spirituell eigenständigen Bevölkerungsgruppen.

Die indigenen Organisationen meinen mit der Plurinationalität nicht Privilegien und Sonderbehandlungen, die die historische Diskriminierung und Unterdrückung aufheben oder wieder gut machen sollen. Vielmehr wird die Gleichstellung aller Bevölkerungsgruppen innerhalb des Staatsgefüges gefordert, die die Einheit Ecuadors nicht in Frage stellt. Mit der Definition als plurinationalen Staat hat Ecuador historisch unsichtbar gemachte Unterschiede und soziale sowie politische Diversität nicht nur anerkannt, sondern aufgewertet. Wie sich die Ideale des plurinationalen Staats in der politischen Praxis durchsetzen und ob die Vorbehalte dagegen aufgehoben werden können, bleibt abzuwarten.

Interkulturalität als Prozess

Mit dem Bekenntnis zur Interkulturalität bezieht sich die ecuadorianische Bevölkerung auf das Verbindende. Zwar wird durch die Betonung der Nation und die klare Themenführerschaft der indigenen Organisationen eine Gleichstellung der verschiedenen Bevölkerungsgruppen in der Diskussion oft in den Vordergrund gestellt, dennoch müssen auch Unterschiede in Geschlecht, Alter, sozialer Klasse, etc. angesprochen und Formen der Interaktion definiert werden. Ein plurinationaler, interkultureller Staat bedeutet gemäß den Ausführungen einiger Intellektueller die Konstruktion einer Gesellschaft, die auf Respekt, gegenseitiger Legitimation, Symmetrie und Gleichberechtigung beruht, und in der Differenz ein konstituierendes Merkmal ist. Plurinationalität ist die Anerkennung der ecuadorianischen Realität, Interkulturalität ist ein Instrument, um eine entsprechende Politik, ihre Institutionen und Strukturen herzustellen.

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Foto: Elisabeth Schmid

Jenseits von Inklusion als Neutralisierung von Differenzen und als Festschreibung und Fortsetzung von Rassismus und Diskriminierung ist mit dem Leitprinzip des Sumak Kawsay in der Verfassung eine Dekolonialisierung der Gesellschaft gemeint. Ein plurinationaler und interkultureller Staat fordert die Beteiligung von VertreterInnen der verschiedensten Bevölkerungsgruppen an der Machtausübung, an der Legislative, Exekutive, Administration, Rechtsprechung, in der sozialen Kontrolle und Wahlbeobachtung. Deshalb ist eine Art der Demokratie erforderlich, die den verschiedenen Nationalitäten, Gruppen und Individuen eine Stimme verleiht und wirkliche politische Partizipation möglich macht.

Interkulturalität, wie sie an verschiedenen Universitäten Ecuadors diskutiert wird, ist nicht nur permanenter Widerstand gegen Unterdrückung, Versklavung und Ausgrenzung, sondern auch eine aktive Intervention und Überschreitung der Grenzen des herrschenden Systems, um eine alternative Ordnung zu konstruieren.

Zum 6. Teil der Artikelserie geht es hier.

Die Autorin ist eine ehemalige Mitarbeiterin von Horizont3000 und der Austrian Development Agency (ADA). Diese Artikelserie basiert auf ihrer Abschlussarbeit, die sie im Rahmen eines Postgraduate Studiums verfasst hat und wofür sie unter anderem in Ecuador forschte. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.

Veröffentlicht in Gutes Leben für Alle.