In Teil vier der Artikelserie wird die Kritik an Wachstum und Entwicklung dargestellt. Für Amartya Sen ist Entwicklung die Erweiterung von Freiheiten, basierend auf Wachstum und Fortschritt. Im Sumak Kawsay bedeutet ein Leben in Fülle nicht ein immer besseres Leben, sondern ein Leben in Genügsamkeit nach den Prinzipien der Solidarität, Komplementarität und Reziprozität.
Wirtschaftswachstum und menschliche Entwicklung
Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) misst die gesamte Wirtschaftsleistung einer Volkswirtschaft (wobei auf die Kritik der Berechnung hier zwar hingewiesen, aber nicht näher eingegangen werden soll). In der Praxis wird allerdings meist statt der absoluten Größe nur die Veränderung des BIP als Maß herangezogen. Die Wirtschaft wird nicht an ihrem Umfang, sondern an ihrem Wachstum gemessen.
Wirtschaftswachstum ist laut Sen eine notwendige, wenn auch nicht ausreichende Bedingung für die Erweiterung der Wahlmöglichkeiten. Im Konzept der menschlichen Entwicklung ist die gesamtwirtschaftliche Leistung zwar nicht der einzige, aber ein sehr wichtiger Parameter.
Es überrascht daher, dass zum 20jährigen Jubiläum der Einführung des Human Development Index die AutorInnen des Human Development Report des Jahres 2010 immer noch vor dem Rätsel der nicht signifikanten Korrelation von Wirtschaftswachstum und menschlicher Entwicklung stehen. Damit wird entgegen Sens Absicht im Fähigkeitenansatz Wirtschaftswachstum, Einkommen und die Verfügbarkeit von Gütern und Dienstleistungen nicht nur als Mittel, sondern auch als Ziel berücksichtigt ein Ziel, das einen nachweislich sehr zweifelhaften Beitrag zur menschlichen Entwicklung leistet.
Sen versteht Entwicklung als einen Prozess der Erweiterung realer Freiheiten. Dabei hat Sen das Individuum, das Handeln und Urteilen des/der Einzelnen im Blick, auch wenn er die soziale Verantwortung und Abhängigkeiten weder vergisst noch negiert. Der erreichte Lebensstandard hängt davon ab, wie die Menschen, vor allem arme Menschen, ihr eigenes Leben in die Hand nehmen.
Foto: Elisabeth Schmid; Wahlwerbung
Die individuelle Verantwortung für die (menschliche) Entwicklung bedeutet in diesem Konzept auch, dass ein Scheitern ein persönliches Scheitern ist und drängt Werte wie Solidarität und Reziprozität in den Hintergrund. Von Sen wurde sehr wohl thematisiert, dass Freiheit nicht zu Fairness und Gerechtigkeit führt. Es bedarf der Ergänzung durch andere soziale, wirtschaftliche und politische Institutionen. Dass diese Forderung wesentlich weniger Gehör findet, als jene nach Erweiterung der individuellen Freiheit, entspricht der Logik des derzeit herrschenden Systems.
Umverteilung der Macht
Die Forderung nach einer ständigen Erhöhung des Lebensstandards meint vor allem ein Bessergestelltsein als der/die Andere. Immer besser leben bedeutet nicht gut leben, sondern nährt Egoismus und Individualismus und führt zu einer Konzentration von Reichtum in wenigen Händen. Die Subsumierung aller Lebensbereiche unter wirtschaftliche Gesichtspunkte, unter Wachstum, Wettbewerb und Marktmechanismus löscht andere Sichtweisen aus und führt zu einer Homogenisierung des Lebens.
Die Alternative kann sich nicht in oberflächlichen Reformen und inhaltlichen Anpassungen erschöpfen. Das Sumak Kawsay erfordert eine Änderung von Strukturen, einen radikalen Paradigmenwechsel und meint damit insbesondere die Art des Wirtschaftens und die Konzeption von Entwicklung. Dieser Vorschlag bedeutet nicht, Einkommen oder Ressourcen umzuverteilen, sondern vor allem und allem voran eine Umverteilung der Macht.
Damit trifft das Sumak Kawsay ins Zentrum der Kritik am Fähigkeitenansatz. Der Fähigkeitenansatz ist ein Rahmen für die Bewertung von individueller und sozialer Wohlfahrt, er ist aber keine Theorie, der die sozialen Wurzeln von Armut oder Ungleichheit erklärt. Um an diese Wurzeln zu gelangen, muss die Akkumulation von Macht und Kapital in den Fokus der Betrachtungen gerückt werden.
Eine andere Wirtschaft
Im indigenen Konzept von Wirtschaft stehen nicht Wettbewerb sondern Zusammenarbeit, nicht Akkumulation sondern die Versorgung und Fürsorge im Mittelpunkt. Diese Sichtweisen sind im Kapitalismus, der die Produktionsmittel im Privatbesitz von einigen wenigen belässt, die menschliche Arbeitskraft ausbeutet und die Natur einzig als Ressource sieht, unmöglich. Deshalb ist eine wesentliche Forderung vieler VertreterInnen der indigenen Bevölkerungsgruppen die Abschaffung des Kapitalismus. Diese Radikalität fehlt sowohl den Texten von vielen WirtschaftswissenschaftlerInnen und Intellektuellen Ecuadors als auch der Verfassung von 2008 und dem Entwicklungsplan der Regierung. Sie erkennen die Vorzüge des Marktes sehr wohl an, wollen ihm aber einen anderen Stellenwert beimessen.

Foto: Elisabeth Schmid; Mark von Esmeraldas
In der indigenen Auffassung von Wirtschaft sind die Prinzipien der Solidarität, Komplementarität und Reziprozität wesentlich. In diesem Kontext bedeutet Wirtschaft ständiges gegenseitiges Helfen, die (Wieder)Herstellung des Gleichgewichts und die Schaffung von Harmonie. Jede Unternehmung, jedes Unternehmen, jedeR UnternehmerIn soll deshalb zur Prämisse haben, zur Reproduktion des Lebens beizutragen. Die komplementäre, solidarische Wirtschaft basiert auf der Produktion und dem Austausch zum Vorteil aller Beteiligten.
Dabei ist es wichtig, die wirtschaftlichen Beziehungen in ihrer Diversität und in ihren Widersprüchlichkeiten sichtbar zu machen. Wirtschaft umfasst nicht nur produktive Prozesse, sondern auch reproduktive Arbeit und Subsistenzwirtschaft. Ein umfassendes Verständnis von Wirtschaft muss Raum geben für die unterschiedliche Logik der Produktion und der Arbeit, vor allem für Praktiken und Wissen, die ein nachhaltiges Gleichgewicht der unterschiedlichen Lebenszyklen und -bereiche herstellen und erhalten.
Lesen Sie auch den 5. Teil der Artikelserie!
Die Autorin ist eine ehemalige Mitarbeiterin von Horizont3000 und der Austrian Development Agency (ADA). Diese Artikelserie basiert auf ihrer Abschlussarbeit, die sie im Rahmen eines Postgraduate Studiums verfasst hat und wofür sie unter anderem in Ecuador forschte. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.