Das gute Leben – aber welches? Teil 3: Mensch und Natur

Im dritten Teil der Artikelserie geht die Autorin auf die Behandlung der Natur in der Verfassung Ecuadors ein. Zwar hat auch im Fähigkeitenansatz die Natur einen besonderen Stellenwert, aber das Sumak Kawsay geht weit darüber hinaus. Als erstes und einziges Land weltweit erkennt Ecuador die Natur als Rechtssubjekt an. Diese Neuerung hat entscheidende Auswirkungen auf die Wirtschaft und die Gesellschaft Ecuadors.
Die Aufhebung der Trennung zwischen Mensch und Natur ist meines Erachtens die zentrale Thematik in der Verfassung Ecuadors. Ob die Menschen der Natur als Objekt oder als Subjekt gegenüberstehen, hat weitreichende Folgen für alle Lebensbereiche. Die Umweltpolitik, die Nutzung der natürlichen Ressourcen sowie das Zusammenleben in Harmonie werden unter einer grundsätzlich anderen Perspektive betrachtet. Was für die indigene Vision eine Mutter (Pachamama) ist, dient im modernen kapitalistischen System als Ressource und wird in eine Kosten-Nutzen-Analyse integriert.

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Foto: Elisabeth Schmid; Cuyabeno

Die Natur im Fähigkeitenansatz

Die Natur als Quelle von lebensspendenden Ressourcen, wie saubere Luft und sauberes Wasser, und als Erholungsraum lässt sich leicht in die Vorstellung eines vom Individuum erstrebenswerten Lebens einbauen. Die Natur erhält damit im Fähigkeitenansatz einen Wert, der über reinen Materialismus und Utilitarismus hinausgeht, dennoch weicht diese Vorstellung nicht vom anthropozentrischen Weltbild ab. Die Natur erfüllt für den Menschen eine Funktion und dient ihm und seinem Streben nach dem guten Leben.

Sowohl für das Konzept der menschlichen Entwicklung, als auch für den Fähigkeitenansatz ist Wachstum Basis und Voraussetzung wenn auch nicht (einziges) Ziel für eine Erweiterung der Freiheiten und eine Verbesserung des Lebensstandards. Das Paradigma des Wirtschaftswachstums macht die ständige Ausweitung der Produktion notwendig. Entwicklung, wie sie derzeit immer noch verstanden wird, impliziert, die Natur als Ressource, als Naturkapital zu betrachten.

Die grüne Logik

Seit den 1990er-Jahren sind Entwicklungsziele in die jeweiligen Strategien aufgenommen worden, die die Umwelt als schützenswertes Gut berücksichtigen. Jedoch werfen vor allem indigene Gruppierungen (wie die CONAIE) und UmweltschützerInnen den inter- und supranationalen Entwicklungsagenturen vor, in den Projekten zur sogenannten nachhaltigen Entwicklung die Natur in sehr erfolgreicher und subtiler Weise mit Marktmechanismen zu verknüpfen. Als Beispiele werden die Privatisierung von Wasser und Quellen zur effizienteren Verwaltung, die Nutzung (und Verschmutzung) von Land der indigenen Bevölkerung zur Förderung von Erdöl, die Erteilung von Patentrechten für natürliche Heilmittel, etc. genannt. Die versprochenen positiven Ergebnisse für die Gesamtheit der Bevölkerung und für die Umwelt blieben dabei aufgrund von Eigeninteressen und Wettbewerbszwang bisher meist auf der Strecke.

Die derzeitigen Debatten um green economy, green growth und green jobs, die als aussichtsreichste Wachstumsträger eingeschätzt werden, bleiben aus Sicht eines Teils der ecuadorianischen Bevölkerung ebenfalls in der Marktlogik verhaftet. Die dadurch entstehenden komplexen Verflechtungen dienen der Legitimierung der herrschenden Machtverhältnisse und machen es immer schwieriger, Alternativen zu finden.

Die Natur als Lebensraum

In der indigenen Kosmovision ist die Erde unteilbar, heilig und eine Lebensspenderin. Der Gedanke, Teile der Mutter Erde zu kaufen und zu verkaufen, einzuzäunen und exklusiv für die eigenen Bedürfnisse zu nutzen, scheint in diesem Kontext völlig absurd. Die Erde als Ware, Ressource oder Kapital anzusehen und zu behandeln, bedeutet für die indigene Gemeinschaft, die Grundlage des eigenen Seins und des eigenen Lebens zu verkaufen.

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Foto: Elisabeth Schmid; Tena

Die Verbundenheit mit der Natur und mit dem Lebensraum macht deutlich, dass die politische Forderung der CONAIE nach dem eigenen Territorium, der Rückgabe von widerrechtlich angeeignetem Grund und Boden sei dies durch die Kolonialmächte oder in der neueren Zeit durch inter- und transnationale Konzerne mehr bedeutet, als eine bloße Wiedergutmachung von Unrecht. Das Land ist der Zugang zum Leben, zu sozialer, kultureller, politischer und wirtschaftlicher (Re)Produktion.

Die Rechte der Natur

In der Verfassung Ecuadors ist der wohl radikalste, innovativste und bedeutsamste Schritt, die Natur als Subjekt und als Trägerin von Rechten anzuerkennen. Der Wert der Natur muss nicht erst durch wirtschaftlichen Nutzen bewiesen werden, sondern die Natur hat einen intrinsischen Wert und deshalb per se das Recht auf ihre Existenz, auf Wiederherstellung ihres ursprünglichen, unbeschädigten Zustands und auf den Schutz ihrer Kreisläufe und Prozesse.

Die Prämisse des intrinsischen Wertes der Natur untergräbt jede noch so ausgeklügelte Kosten-Nutzen-Rechnung, selbst wenn diese dem höheren Ziel der Entfaltung der menschlichen Fähigkeiten dienen soll. Die Vorstellung, dass die Natur über den wirtschaftlichen Nutzen hinaus andere Werte hat, bedeutet vor allem auch, dass im Umgang mit der Natur nicht alles erlaubt ist.

In den Diskussionen um die Rechte der Natur, vertreten viele JuristInnen Ecuadors die Meinung, es gehe nicht so sehr um die Frage, ob die Natur Rechte haben soll, sondern wie diese institutionalisiert und durchgesetzt werden können.

Die Grenzen der Rechte der Natur

Die Menschen können und sollen von und mit der Natur leben, so wie es die Prinzipien des Sumak Kawsay vorsehen: in Achtung und Harmonie. Dennoch zeigt sich in der politischen und sozialen Realität Ecuadors die große Komplexität, die mit diesen Bestimmungen einhergeht. Erdöl ist weiterhin der größte Devisenbringer des Landes und die Ausweitung der Förderung wird von vielen als vernünftiges Mittel zur Finanzierung der Staatsausgaben gesehen. Andere wollen hingegen das Recht der Natur auf ihre Kreisläufe und die Erhaltung des Lebensraumes für Menschen, Tiere und Pflanzen in den Regionen, in denen das Erdöl hauptsächlich vorkommt, höher bewerten. Diese Kontroversen deuten auf einen notwendigen und schwierigen gesellschaftlichen Prozess zur Konsensbildung in der ecuadorianischen Bevölkerung hin.

Lesen Sie auch Teil 4 der Artikelserie.

Die Autorin ist eine ehemalige Mitarbeiterin von Horizont3000 und der Austrian Development Agency (ADA). Diese Artikelserie basiert auf ihrer Abschlussarbeit, die sie im Rahmen eines Postgraduate Studiums verfasst hat und wofür sie unter anderem in Ecuador forschte. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.

Veröffentlicht in Gutes Leben für Alle.